Ausstellungen (alter Stand bis 27.2.2008)
Ausstellungsarchiv
Auf dem Weg zum LiMo
Auf dem Weg zum LiMo:
Eine Serie in der Stuttgarter Zeitung von Michael Bienert
Im Januar ist der Neubau für das Literaturmuseum der Moderne (LiMo) in Marbach am Neckar übergeben worden. Am 6. Juni wird die neue Dauerausstellung des Deutschen Literaturarchivs eröffnet. Bis dahin schaut der Kolumnist den Kuratoren Heike Gfrereis, Roland Kamzelak und Katja Leuchtenberger jede Woche einmal über die Schulter.
AUF DEM WEG ZUM LIMO (18), 31. Mai 2006
Erichs erster Emil
Jeder kennt dieses Buch, aber wenige dürften es auf Anhieb wiedererkennen: Der Stapel von 72 säuberlich gefalteten, mit Stenozeichen beschriebenen Blättern ist eine Manuskriptfassung des deutschen Kinderbuchklassikers schlechthin. Einzelne Wörter in vertrauter Schreibschrift leisten Hilfestellung bei der Identifizierung; so leuchtet auf dem ersten Blatt "Mister Drinkwater" aus den Kürzeln der gabelsbergerschen Kurzschrift heraus.
Bei Drinkwater & Co., so heißt es in der allbekannten Fassung von "Emil und die Detektive", kauft sich ein schwarz-weiß kariertes Kannibalenmädchen namens Petersilie eine Zahnbürste. Im Manuskript steht, sie lasse sich bei Drinkwater den linken oberen Schneidezahn plombieren. Solche Änderungen zeigen, wie Kästner an Nuancen feilte, ohne seiner Prosa den Schwung zu nehmen.
Dass der Autor schnell schrieb, merkt man den Erzeugnissen seiner kleinen "Schreibfabrik" an. Wie er sein Arbeitspensum schaffte, darauf gibt diese Handschrift einen Fingerzeig. Auch Tagebuchaufzeichnungen hat Kästner stenografiert, so sehr war ihm die Technik der Schreibbeschleunigung in Fleisch und Blut übergegangen. Erlernt hat er sie im Dresdner Lehrerseminar während des Ersten Weltkriegs, wo sich das Kind armer Eltern auf den Volksschullehrerberuf vorbereitete. Sogar die Lehrbücher sind erhalten, nach denen Kästner stenografieren lernte. Er aber hasste die "Lehrerkaserne", in der künftige Lehrer militärischen Drill lernten. Er verließ die Schule mit der Überzeugung, dass er zum autoritären Pägagogen nicht taugte. Das Rüstzeug für seine Arbeit als Journalist, Berufsschriftsteller und Anwalt der Kinder nahm er mit.
AUF DEM WEG ZUM LIMO (17), 24. Mai 2006
In der Lyrikwerkstatt
"Zerbrochen sind die harmonischen Krüge, / die Teller mit dem Griechengesicht,/ die vergoldeten Töpfe der Klassiker - // aber der Ton und das Wasser drehen sich weiter / in den Hütten der Töpfer." Kaum ein Lyrikkenner käme auf die Idee, dieses Gedicht Ernst Jandl zuzuschreiben, dem experimentierfreudigen Lautpoeten, Buchstabenverdreher und Worttüftler. Es stammt aus dem Jahr 1953. Jandl zitiert die Verse in seinem Berliner Vortrag "Mein Gedicht und sein Autor" aus den Sechzigern, der einen Einblick in seine poetische Werkstatt gibt. Ganz konkret beschreibt der Autor, wie er durch wohl kalkulierte Eingriffe in die Syntax, die Orthografie, die Semantik oder den Rhythmus der Sprache neue lyrische Ausdruckswerte und Spannungen erzeugt.
Als der Luchterhand Verlag 1985 eine Werkausgabe Jandls herausbringen will, nimmt der Autor kleine Veränderungen am Vortragstext vor. Bei allen Gedichtzeilen und -titeln gilt nun konsequente Kleinschreibung, während alle Erläuterungen den Dudenregeln folgen. Mit Schere, Klebstoff, Tipp-Ex und Rotstift rückt der Dichter dem Text zu Leibe, um diese Operation vorzunehmen, wie man auf den Blättern aus dem Verlagsarchiv erkennen kann. Ein Verlagsmitarbeiter hakt später die in den Satz übernommenen Änderungen mit grünem Stift ab (siehe Foto).
In seiner Wortwerkstatt war dem Forscher und Bastler Ernst Jandl nichts heilig; dennoch sah er sich genötigt, seine Gedichte gegen unsachgemäßen Umgang in Schutz zu nehmen: "schlug ich zwei in die pfanne./ etwas mißtrauisch, aß ich nicht selber./ daran starb mein hund." Wer die Eigenart der modernen Poesie nicht begriff, kam leicht zu dem Urteil: "die gedichte dieses mannes sind unbrauchbar." Vier Jahrzehnte später ist Jandl als Klassiker kanonisiert. Und die Wörter drehen sich weiter in den Händen jüngerer Dichter.
AUF DEM WEG ZUM LIMO (16), 18. Mai 2006
Literatur von der Rolle
Die ältesten erhaltenen Schriftrollen aus Papyrus sind ungefähr fünftausend Jahre alt. Erst vor zweitausend Jahren erfanden die Römer den "Codex" aus zusammengebundenen Pergamentblättern, doch setzte sich diese Buchform nur langsam durch. Vor allem die Christen zogen den "Codex" bei der Überlieferung der Lehren Jesu der Papierrolle vor, auf der die Griechen und Römer wichtige Texte archivierten. So ist die Bibel auch in kommunikationstechnischer Hinsicht das Buch der Bücher.
Ja, ohne den Siegeszug des Christentums sähe die vorliegende Zeitung möglicherweise anders aus. Nach dem Druck auf Endlospapier würde sie vielleicht gar nicht in Form geschnitten und gefaltet, sondern in Form von Röllchen vertrieben. Sie ließe sich dann in öffentlichen Verkehrsmitteln womöglich sogar bequemer lesen als die üblichen Zeitungsformate.
Erst in der Neuzeit hat das gebundene Buch die Schriftrolle fast völlig verdrängt. Manchmal aber greifen Autoren noch beim Schreiben darauf zurück, denn das Seitenende bei losen Blättern, in Blankoheften und Kladden wird häufig als störend für den Schreibfluss empfunden. Auch umgibt die Schriftrolle die Aura des Altertümlichen und Geheimnisvollen, seitdem sie kein Alltagsgegenstand mehr ist.
Beides mag Ernst Penzoldt angeregt haben, seinen Schelmenroman "Die Powenzbande" in antiker Manier auf neun Rollen aus zusammengeklebten Blättern niederzuschreiben. Gedruckt und zwischen Buchdeckel gebunden wurde der Text 1930 im modernsten Verlagshaus Europas. bei Ullstein in Berlin. Das Rollenmotiv taucht darin nur kurz, aber an zentraler Stelle auf: Balthus Powenz, der Vater der Powenzfamilie, sammelt jahrelang einzelne Backsteine, um daraus irgendwann ein Haus zu bauen. Und diesen Lebensplan, so heißt es im Roman, trägt er auf "geheimnisvoll gewaltigen Papierrollen" mit sich herum.
AUF DEM WEG ZUM LIMO (15), 9. Mai 2006
Ohne Schiller geht es nicht
Heute ist Schillers Todestag, ein ganz besonderer Tag in Marbach, denn ohne den größten Sohn der Stadt gäbe es kein Deutsches Literaturarchiv und kein Literaturmuseum der Moderne. Die Wirkungsgeschichte des Klassikers sichert ihm auch im Haus der Nachgeborenen einen Platz. Spuren hat Schiller selbst da hinterlassen, wo man es am wenigsten erwartet. So in einem Brief, den Uwe Johnson am 8. September 1952 schrieb, dem ersten Tag seines Germanistikstudiums in Rostock.
"Ich ließ mich soeben von einem gewissen Herrn Schiller darüber belehren, meine Bestimmung auf Erden sei die Erreichung der Gottgleichheit", berichtet Johnson seiner ehemaligen Englischlehrerin Charlotte Luthe. Sarkastisch kommentiert er Schillers Dissertation "Philosophie der Physiologie". Die Vorstellung, die Wirklichkeit sei Resultat eines göttlichen Plans, ist dem Erstsemester zutiefst suspekt. "Ich fürchte, der Schuldige war diesmal die Plankommission seiner Höllischen Majestät des Teufels."
Plankommission - in der frühen DDR war das ein Begriff aus dem politischen Alltag. Er legte es nahe, die "Höllische Majestät" als Chiffre für die herrschende Einheitspartei zu lesen. Mit ihren stalinistischen Praktiken der Überwachung und Einschüchterung war Johnson vertraut. Er versah den Brief mit einer Zeichnung von Markierungen, die er auf dem Umschlag anbrachte, damit die Empfängerin erkennen konnte, ob er unterwegs von "gewissen Subjekten" geöffnet worden war.
Um zwei Dinge wurde sie von Johnson gebeten: Eine Definition von Humor, denn er sei im Begriff, ihn zu verlieren. Und um Bretons "Surrealistisches Manifest" als Alternative zur drögen Schillerlektüre. Beides grenzte in der damaligen DDR an Hochverrat. Was dem Schillerverächter Johnson entging: Er verhielt sich ganz ähnlich wie 175 Jahre vor ihm der junge Stuttgarter Karlsschüler, als dieser in einem Klima der Repression seinen eigenen Weg und seine eigene Sprache suchte.
AUF DEM WEG ZUM LIMO (14), 4. Mai 2006
Innenansicht eines Philosophen
Rund 100 000 Autorenporträts hütet die Abteilung Kunstsammlungen des Deutschen Literaturarchivs Marbach: Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und Totenmasken, wertvolle Aufnahmen berühmter Fotografen, Presse- und Werbefotos, Schnappschüsse aus dem Alltag. Die Fotosammlung wächst ständig durch gezielte Ankäufe und durch die Arbeit der Hausfotografen: Sie lassen keinen prominenten Besucher Marbachs ziehen, ohne ihn abzulichten. Mit Autorennachlässen gelangen private Bilder ins Archiv, die Dichter und Gelehrte von einer ganz unbekannten Seite zeigen.
Von dem Philosophen Karl Jaspers stammt die abgebildete Innenaufnahme eines Intellektuellen, ein Röntgenbild seines Brustkorbs im Alter von 69 Jahren. Seit seiner Jugend litt Jaspers unter Bronchiektasie, einer Erweiterung der Lungenkanäle, die mit unangenehmen Sekretstauungen in den Atemwegen einher geht. Diese Krankheit und ihre körperlichen Begleiterscheinungen haben Jaspers' Denkweg stark beeinflusst: Er studierte Medizin, arbeitete auch in der Psychiatrie und näherte sich über psychologische Fragestellungen der von ihm mitbegründeten Existenzphilosophie an.
Gibt also das Röntgenbild Aufschluss über die innersten Beweggründe des Philosophen? Jaspers selbst sagte, sein Fall sei charakterisiert durch das Missverhältnis des Röntgenbefundes zu den lästigen Symptomen seiner Krankheit. Diese blieb auch auf den Röntgenbildern weitgehend unsichtbar. Mit den meisten konventionellen Autorenfotos verhält es sich nicht anders: Sie verweisen auf das Leben der Literatur, aber sie erklären es nicht.
AUF DEM WEG ZUM LIMO (13), 26. April 2006
Dr. Benns Liebeswerben
"Liebste, gestern mittag bei mir sahst Du wunderschön aus; glatt, sanft, ruhig; - bleibe immer so - unter meinen Küssen! Liebe ist: Gutes und Böses, Leichtes und Schweres: Alles! Spiel und Trauer!", schreibt der Arzt Gottfried Benn am 12. Oktober 1946 an eine Typhuspatientin, in die er sich verliebt hat. Benn ist zu diesem Zeitpunkt sechzig und zweifach verwitwet, die Zahnärztin Ilse Kaul 27 Jahre jünger.
Über den Liebesworten steht in Maschinenschrift eine Endzeitversion von "Verfall, Verflammen, Verfehlen -". Benns Gedicht "Quartär" diagnostiziert das Ende des Erdzeitalters, in dem der Mensch die Erde beherrschte und dem ptolemäischen Wahn verfiel, er sei der Mittelpunkt der Welt. "Die Schöpfung wendet sich neuen Räumen und neuen Verwandlungen zu (eines neimer Grundgefühle in Anbetracht der völlig entleerten, ausgelaugten Rassen und Gehirne)", notiert Benn auf der Rückseite des Blattes. Dort versucht er der Adressatin den Weg in seine lyrische Gedankenwelt zu ebnen: mit "Fussnoten zu umstehendem Gedicht (hochgezüchteter Intellectualität) für Nicht-Philosophen und Nicht-Humanisten (z. B. das Elfenbeingesicht I.K.)."
Liebesworte, Gedicht und kommentar sind dreierlei Anläufe, eine Nähe zu der jungen Ilse Kaul herzustellen, wobei das Gedicht wohl nicht zufällig ganz am Anfang des Schreibens steht. In ihm gibt Benn seine düstere Seelenverfassung zu erkennen, kehrt er sein Innerstes nach außen. An diesem Punkt von der Geliebten missverstanden zu werden wäre besonders schmerzlich. Die Ungewissheit treibt den Dichter dazu, sein Gedicht außergewöhnlich ausführlich zu erläutern. Er hat Glück: Schon zwei Monate später findet die Hochzeit statt. Die ehe hält zehn Jahre bis zu Gottfried Benns Tod.
AUF DEM WEG ZUM LIMO (12), 19. April 2006
Bildermann und Ordnungsmann
Im glücklichen Augenblick der Inspiration sind Dichter nicht zimperlich
bei der Wahl ihrer Schreibmaterialien. Gottfried Benn schrieb oft auf Rezeptblöcken und Speisekarten, Joseph Roth gern auf Hotelbriefpapier, Hermann Hesse verschmähte selbst die Todesanzeige eines Gönners nicht. Manchmal ist ein bereits benutztes Blatt selbst Stimulans für poetische Erfindungen.
„Der Ordnungsmann. Komödie in 3 Akten“ hat Heinrich Manns auf ein
Blätterkonvolut geschrieben, dessen Rückseite ein Briefkopf schmückt: „Der Bildermann. Steinzeichnungen für das Deutsche Volk“. So hieß eine 1916 von dem Kunsthändler, Verleger und Mäzen Paul Cassirer gegründete Zeitschrift. Ihr Redakteur Leo Kestenberg erbat von Heinrich Mann dringend einen Beitrag für die erste Nummer, um die völkerverbindende Tendenz des neuen Kunstblattes zu unterstreichen.
Doch statt der Aufforderung nachzukommen, benutzte Heinrich Mann den Brief zusammen mit einer Bankquittung als Schreibpapier. Gut möglich, dass ihn „Der „Bildermann“ zum Titel „Der Ordnungsmann“ für ein neues Stück angeregt hat. Neben dem zwischen Untertanengeist und Egoismus schwankenden Titelhelden sollten darin auch „Künstler & Künstlerin“ auftreten. „Sie finden sich“, diesen Satz hat der Autor im Manuskript zweifach rot unterstrichen, wie auf dem abgebildeten Manuskriptausschnitt mit Notizen zum 2. Akt gut zu erkennen ist.
Ausgearbeitet hat Heinrich Mann die gesellschaftskritische Komödie nie. Und auch „Der Bildermann“ kam nicht über die Anfänge hinaus. Das Blatt, das sich im Ersten Weltkrieg dem Hurrapatriotismus entgegenstellte, fand so wenige Käufer, dass es schon nach neun Monaten einging. Erst nach Kriegsende erreichte Heinrich Manns zeitkritischer Roman „Der Untertan“ das große Publikum in Deutschland: ein Werk, dessen Entstehung der Verleger Paul Cassirer jahrelang durch großzügige Vorauszahlungen an den Autor gefördert hatte.
AUF DEM WEG ZUM LIMO (11), 13. April 2006
Zeitung als Inspiration
Theodor Fontane war ein Zeitungsmann. Als Redakteur, Kriegsberichterstatter und Theaterkritiker verdiente er seinen Lebensunterhalt, ehe er mit 56 Jahren einen "kleinen Romanschriftsteller-Laden" eröffnete. Aber auch als Novellist und Romancier blieb Fontane darauf angewiesen, dass Zeitschriften seine Geschichte vorab druckten und honorierten, ehe sie als Buch erschienen.
Ein literarisches Skizzenblatt aus dem Jahr 1880 zeigt den Übergang von der Pressemeldung zur Poesie. Oben überlifert ein aufgeklebter Ausschnitt aus der konservativen "Kreuzzeitung" die Nachricht von einem Mordfall im westpreußischen Neuenburg. Dort hatte ein Schmied im Streit seinen eigenen Sohn erschossen. "Eine Einleitung. Etwa 'ne Predigt oder ein Lied das ein armer Bettler oder ein Kind singt und aufsagt, geht voran", notiert Fontane in schwungvoller Handschrift darunter. Dann skizziert er Dialogfetzen und ein Handlungsgerüst, in dem das Lied des anfangs als Leitmotiv immer wiederkehrt. Als der Autor beim Schreiben das untere Ende des Blattes erreicht, dreht er es um 90 Grad und schreibt auf dem Rand gegen den Uhrzeigersinn weiter, bis er wieder oben am Zeitungsausschnitt angekommen ist: "Am Abend vor der Exekution hört er wieder das Lied. Am anderen Tage ging das Glöckchen."
Die Kriminalgeschichte sollte "Der Schmied von Lipinka" heißen; aber auch Arneburg, Wolmirstedt, Gerdauen oder Pikallen zog Fontane als Schauplatz in Erwägung. Geschrieben wurde sie nie. Das Motiv des Vaters, der seinen Sohn tötet, kehrt verwandelt in der ein Jahr später erschienenen Erzählung "Ellernklipp" wieder. Den Text arbeitete Fontane erst aus, nachdem er von "Westermanns Monatsheften" die Zusage für einen Abdruck hatte. Um bei Redaktionen hausieren zu gehen, sammelte er ständig interessante Stoffe und Ideen - so wie auf dem abgebildeten Skizzenblatt.
AUF DEM WEG ZUM LIMO (10), 30. März 2006
Einfallstore ins Unsichtbare
Der 2001 bei einem Autounfall ums Leben gekommene Schriftsteller W.G. Sebald, selber Literaturwissenschaftler im Brotberuf, hat es den
Forschern leicht gemacht: Die Materialien zu seinem Roman "Austerlitz“ verwahrte er in zwei stabilen grauen Pappkartons mit Klappdeckel, von denen einer ein Werkmanuskript in mühelos lesbarer Handschrift enthält. Die Lebensdaten seiner fiktiven Romanfigur, eines Holocaust-Überlebenden, sind säuberlich auf einem DIN-A-4-Blatt aufgelistet.
Der zweite Karton enthält ein Typoskript mit einkopierten Fotografien
und Instruktionen für die Buchherstellung. Obenauf liegen zwei
durchsichtige Kunststoffhüllen mit Fotoabzügen. Beim Öffnen des
Nachlasskartons starrt ein Augeneulenpaar den Benutzer an, mit jenem „unverwandt forschenden Blick, wie man ihn findet bei bestimmten Malern und Philosophen, die vermittels der reinen Anschauung und des reinen Denkens versuchen, das Dunkel zu durchdringen, das uns umgibt.“ So lautet der Text, der das Foto im Druck umfliesst.
Das ganze Buch handelt vom Sehen und Nichtsehen, von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Die Figur Austerlitz, ein Augenmensch wie die Autor, überwindet unter Qualen die jahrzehntelange Blindheit für ihre eigene Familiengeschichte. Sebalds Prosa ist vor allem Beschreibungskunst, die sich an visuellen Fundstücken entzündet: Zeitschriftenbildern, Fotos aus Familienalben oder Dokumenten wie der gestempelten Wertmarke aus Theresienstadt (siehe Foto), einem der Schauplätze des Buches.
Nie ging der Autor ohne Fotoapparat aus dem Haus. Er sammelte alte Fotos, die für ihn nicht nur Dokumente und Arbeitshilfen waren, sondern Einfallstore in eine andere Welt. Sebald war überzeugt, dass „es irgendwo eine sekundäre oder uns beigeordnete, übergeordnete, nachgeordnete Form der Realität gibt. Die Leute, die aus dem Leben verschwinden, treiben sich irgendwo in diesem Leben noch herum.“ Im Literaturarchiv kann, wer sich die Zeit nimmt, den toten Dichtern bei der Arbeit zuschauen.
AUF DEM WEG ZUM LIMO (9), 30. März 2006
Erotik der Tippografie
Die 1334 großformatigen Typoskriptseiten von „Zettels Traum“ sind der Alptraum, Verzeihung: Albtraum aller Sprach- und Sittenwächter. „Es gottert & klottert & schlottert der Piphan für Stoltz !“ - dem sprachbesessenen Wortmetz Arno Schmidt schien die Orthografie ein zu wichtiges Ausdruckinstrument, um sich dem Duden-Diktat zu beugen. Was ihn nicht abhielt, ein eifriger Liebhaber von Wörterbüchern zu sein. Einige aus seinem Nachlass wird man in der
Arno-Schmidt-Sonderausstellung sehen, die seit 30. März im
Schiller-Nationalmuseum zu sehen ist.
Neben Zettelkästen und Zimmermannsbleistiften aus der Dichterwerkstatt ist auch Fränzel „im Rottn Badeanzuck“ in Marbach zu Gast. Das Urbild der Romanfigur Franziska Jacobi, die das erotische Begehren des Protagonisten Pagenstecher in „Zettels Traum“ anheizt, hat der Autor aus einem Wäschekatalog ausgeschnitten. Die Marbacher Dauerausstellung im Literaturmuseum der Moderne wird ab 6. Juni eine der letzten Arbeitsstufen von Schmidts Opus magnum zeigen. Mit dem Nachlass des Lektors Ernst Krawehl sind einige Seiten von „Zettels Traum“ als Negativmontage ins Archiv gekommen, auf denen der Text sich weiß von einem schwarzen Hintergrund abhebt. Schmidt hat die DIN-A-3 Seiten mit drei Spalten betippt und handschriftlich korrigiert. Die linke Kolumne ist Werk und Leben Edgar Allen Poes vorbehalten, die mittlere der Haupthandlung, die rechte bietet Erzählerkommentare,
Zitate und Rundfunknachrichten.
Auch dieses selbst geschaffene Ordnungssystem machte sich der Autor sofort durch Regelverstöße geschmeidig. Auf dem abgebildeten „Zettel 10“ stösst rechts oben eine erotische Fantasie in die Hauptspalte hinein, unten links drängt eine Assoziation um ein „tiller=Girl, Marke Venus“ den Haupttext zur Seite. Mitten auf der Seite beginnt die Romanfigur Fränzel die Erzählung "Das Schauerfeld" des Romantikers Fouqué zu lesen. Ein Schauerfeld - das ist auch die abgebildete Textfläche, deren bewegte Typographie, genauer: Tippografie die erotische Aufgeregtheit des Erzählers versinnlicht.
AUF DEM WEG ZUM LIMO (8), 22. März 2006
Steht auf, Ihr Tierchen!
Dreizehn Jahre alt war der Schriftsteller Fritz Rudolf Fries, als er das erste selbst verfasste Buch in den Händen hielt. Oder war es vielleicht gar nicht das erste und hatte Vorgänger, von den die Literaturgeschichtsschreibung nie etwas wissen wird? Fries´ Kinderbuch „Fipsens Neffen“ trägt auf dem Titelblatt den Datumsstempel 1948. Der Name des Verfassers prangt unübersehbar auf dem handgezeichneten Umschlag, gleich zweifach, denn er mußte auch als Illustrator genannt werden. Der Aufwand der Buchherstellung verrät den frühen professionellen Ehrgeiz des Schriftstellers: Fast fehlerlos hat der Junge elf engbeschriebene Seiten in die Maschine getippt, dabei Leerstellen für Illustrationen freigehalten, die Zeichnungen exakt eingepasst und hinterher alles solide eingebunden.
Die Lausbubengeschichte von Klix und Klax, die ihrem Onkel Fips in den Sommerferien allerlei Streiche spielen, lässt bereits das Gespür für erzählerische Ökonomie erkennen. Jedenfalls hat sich die Testperson des Kolumnisten, sein siebenjähriger Sohn, beim Vorlesen keine Sekunde gelangweilt. So alt war auch Fritz Rudolf Fries, als seine Familie 1942 von Bilbao nach Leipzig übersiedelte. Zum Abschied bekam er ein Disney-Geschichtenbuch mit eingeklebten Pop-up-Figuren geschenkt, die sich beim Aufklappen aufstellen.
Das Jugendwerk „Fipsens Neffen“ hält sich an dieses Vorbild: Klix und Klax sind menschenähnliche Katzen, ihr Verhältnis zu Onkel Fips erinnert entfernt an Donald Duck und seine Neffen Tick, Trick und Track. Auf den hinteren Buchseiten ist es dem jungen Fries sogar gelungen, Klix und Klax als handgezeichnete Pop-ups auferstehen zu lassen. Später wurde aus dem Jungen ein gern gelesener, wegen seiner ungezügelten Phantasie von DDR-Kulturfunktionären gegängelter Berufsschriftsteller, aber eine so liebevolle Ausstattung hat keines seiner erwachsenen Bücher erfahren.
AUF DEM WEG ZUM LIMO (7), 15. März 2006
Ein Buch wie ein Beil
„Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen
beißen und stechen ... Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“, schrieb Franz Kafka 1904 in einem Brief. Christian Morgenstern kannte dieses inzwischen geflügelte Wort noch nicht, als er im selben Jahr seine „Galgenlieder“ für den Erstdruck vorbereitete. Von ihnen wünschte er sich, sie sollten die „im Posthorn gefrorene Musik der Seele wieder auftauen“.
Die ersten „Galgenlieder“ entstanden bereits ab 1895 als Gesänge eines Freundschaftsbundes, den Morgenstern mit sieben weiteren Berliner Bohemiens gründete. Jeder der Galgenbrüder besaß ein Galgenalbum mit den Liedern des Bundes. Vermutlich aus dieser Zeit stammt das abgebildete Buchunikat in der Gestalt eines Henkersbeils. Der rostige Einband besteht aus Eisenblech, dadurch sieht es zugeklappt einer martialischen Waffe täuschend ähnlich.
Umso größer ist die Überraschung, dass sich das Beil wie ein richtiges Buch auf- und durchblättern lässt. Die Papierseiten im Inneren sind
wild bemalt, als wären sie mit Brand- und Blutflecken übersät. In roter Tinte hingekrakelt entziffert man neun Gedichte, darunter bekannte Verse wie: „Sophie, mein Henkersmädel, / komm küsse mir den Schädel! / Zwar ist mein Mund / ein schwarzer Schlund - / doch du bist gut und edel!“
Das Foto zeigt die Innenseite des Metalleinbandes (links) und die erste Seite (rechts) des spektakulären Buchobjektes, das bisher verborgen in den Katakomben des Deutschen Literaturarchivs schlummerte. Auf der rostigen Klinge erkennt man einen mit weißen Strichen skizzierten Galgenberg, daneben ist auf der ersten Seite das Motto zu lesen, das sich auch in gedruckten Ausgaben der Galgenlieder wiederfindet: „Laß die Moleküle rasen, / was sie auch zusammenknobeln! / Laß das Tüfteln, laß das Hobeln! /Heilig halte die Extasen!“
AUF DEM WEG ZUM LIMO (6), 08. März 2006
Der unsichtbare Elefant
„Original bitte nicht mehr ausgeben“ steht auf dem Papierstreifen, der die kostbare Dichterhandschrift umschließt und vor Berührung schützen soll. Auf ein gefaltetes Blatt hat Rilke mit Bleistift sein Gedicht „Das Karussell“ notiert. Es ist vorstellbar, dass er beim Schreiben auf einer Parkbank im Jardin de Luxembourg saß, der den Dichter im Sommer 1906 in den Bann zog. Das Gedicht lässt die Tiermenagerie eines Kinderkarussells vorüberziehen: „Zwar manche sind an Wagen angespannt, /doch alle haben Mut in ihren Mienen - / ein böser roter Löwe geht mit ihnen / und dann und wann....// Sogar ein Hirsch ist da, so wie im Wald, / nur daß er einen Sattel trägt und drüber / ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.“
Dies ist das einzige der 1907 gedruckten „Neuen Gedichte“ Rilkes, zu
dem ein Manuskript existiert. Der Text der Handschrift weicht kaum von der Druckfassung ab. Es fehlt eine Überschrift, vor allem aber
irritiert das Manuskript durch eine Auslassung. „Und dann und wann ein weißer Elefant“ lautet die berühmteste Zeile des Gedichts, die dreifach wiederkehrt und so die Anmutung einer sich im Kreise drehenden Kinderwelt verstärkt. In der Handschrift bleibt der Elefant unerwähnt, wird vertreten durch Auslassungspünktchen - und ist doch schon mitgedacht, denn was sonst sollte auf das Reimwort „angespannt“ drei Zeilen vorher folgen?
„Und das geht hin und eilt sich, daß es endet, / und kreist und dreht
sich nur und hat kein Ziel“: Dem Hörer wird leicht schwindlig bei
dieser Wortmusik, so als säße er selbst auf dem Karussell oder folge
den Kindern mit den Augen. „Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet, / ein seliges, das blendet und verschwendet / an dieses atemlose blinde Spiel...“, damit schließt Rilkes Bilderreigen in der maßgeblichen Werkausgabe. Im Erstdruck des Gedichts von 1907 stand nur ein einziger Punkt am Ende. Anders in der Handschrift des Literaturarchivs: Dort läuft das Wortspiel in einen langen Gedankenstrich aus. Der Abschied von der Kinderwelt, so der Wunsch des Dichters, sollte kein endgültiger sein.
AUF DEM WEG ZUM LIMO (5), 02. März 2006
Hasenclevers Yoga
Der Dichter am Telefon, mit Tennisschläger, am Lenkrad seines Autos, flankiert vom Bubikopf der Freundin: In solchen Bildern spürt man das Lebenstempo und die Betriebstemperatur der Zeit zwischen den Weltkriegen.
Die jungen Autoren gaben sich geschäftstüchtig, sportiv und mobil,
darin machte der Dramatiker Hasenclever keine Ausnahme. Als
Korrespondent des Berliner „8-Uhr-Abendblatts“ ging er 1924 nach Paris, leistete sich einen französischen Kleinwagen und rühmte die
Fortschritte des Autoverkehrs. Nach der Besichtigung eines Rolls-Royce auf einer Pariser Messe schrieb er, „daß hier an Schönheit und Präzision ein Kunstwerk geschaffen ist, das an die besten Leistungen vergangener Zeiten heranreicht ... Ein Ahnung ewiger Harmonie wird spürbar; das Streben des menschlichen Geistes, zur höchsten Vollendung zu gelangen“.
Auf der Suche nach spiritueller Erleuchtung beschäftigte sich
Hasenclever eingehend mit den Lehren des Mystikers Svedenborg, den er übersetzte, und mit dem Buddhismus. Das abgebildete Foto zeigt ihn bei einer Yogaübung, genannt Halasan oder Pflug, am Strand von Nizza. Wie nah er beim Yoga dem Ziel kam, sich als Eines mit der Weltseele zu fühlen, bleibt sein Geheimnis. Genützt hat die Mühe dem Geistesarbeiter gewiß: Schon einfache Yogaübungen regen die Durchblutung des Gehirns an und fördern die Konzentration. Zudem kräftigt die Pflugstellung Nacken,
Rücken und Lenden, typische Problemzonen bei Angehörigen schreibender Berufe.
AUF DEM WEG ZUM LIMO (4), 22. Februar 2006
Werbung statt Poesie
Die braune Schallplatte ist nicht größer als eine CD. Sie steckt in
einem speziellen Umschlag, der für den Postversand solcher Tonträger bestimmt war. Trotzdem passt beides nicht zusammen. Auf dem Umschlag heisst es: „Gruß aus München“. Auf der Platte aber hört man Werbung für den größten Berliner Vergnügungspalast zwischen den Weltkriegen, das literarisch vielfach beschriebene „Haus Vaterland“ mit Wild-West-Bar, Türkischem Café, Weinstube, Bodega, Kino und Varieté.
Die Verpackung zeigt das alte Münchner Medienhaus an der Sendlinger Straße, in dem heute die Redaktion der „Süddeutschen Zeitung“ arbeitet. Bis zum Zweiten Weltkrieg erschienen hier die „Münchner Neuesten Nachrichten“, sowie Zeitschriften und Bücher aus dem Verlag Knorr & Hirth. War in dem Gebäude vielleicht auch eine Filiale der Deutschen Grammophon oder die „Lautwerbung G. m. b. H“ untergebracht, deren Logos sich auf dem Plattenlabel finden? Fehlanzeige, meldet das Münchner Stadtarchiv nach einer Recherche in alten Adressbüchern.
Auf dem Plattenlabel steht in Handschrift: „Text: Mascha Kaleko 1935“. Bekannt wurde die junge Berlinerin ab 1929 durch ihre Großstadtgedichte in Zeitungen. Ihr erstes Buch, das „Lyrische Stenogrammheft“, erschien im Januar 1933. Als die Nazis an die Macht kamen, wagten die Berliner Zeitungen nicht mehr, die jüdische Autorin zu drucken. Mascha Kaleko besuchte Kurse für das Schreiben von Werbetexten und hat damit etwas Geld für den Lebensunterhalt verdient. 1938 emigierte sie in die USA.
Mascha Kaleko war nicht die einzige Autorin, die Werbetexte
verfasste, das haben vor ihr auch Wedekind, Remarque oder Brecht getan. Ihre Werbeschallplatte reiht sich in die vielen, oft ernüchternden Zeugnisse der Dichter-Ökonomie ein, die in den Marbacher Dichternachlässen verwahrt werden. Darüber hinaus markiert die flotte Scheibe eine epochale Leerstelle: Sie steht für die unzählbaren literarischen Veröffentlichungen, an denen Autoren seinerzeit wegen ihrer jüdischen Herkunft gehindert wurden.
AUF DEM WEG ZUM LIMO (3), 14. Februar 2006
Modernisierungsspuren
Rittmeister Richard ist ein schwieriger Fall für den Arbeitsmarkt.
Seine Berufserfahrung als Soldat und Panzerinspekteur hat ihren Wert eingebüßt, seine Anpassungsbereitschaft an die neue Arbeitswelt ist gering. Diesen Romanhelden schickt der Autor Ernst Jünger zum Vorstellungsgespräch in eine utopische Fabrik. Sie produziert künstliche Filmstars und Miniaturapparate für alle nur denkbaren Lebensbereiche. Richard ist fasziniert.
Aber schon bald packen ihn Hass und Ekel. Auf einem Zierteich des
Firmengeländes schwimmen abgeschnittene Menschenohren. Richard erkennt in ihnen kein Kunstwerk, sondern ein Menetekel: Die moderne Technik zerstückelt die Menschen und schert sich nicht um ihr Ganzheitsverlangen. Wütend zertrümmert Richard eine der gläsernen Bienen, die um seinen Kopf schwirren. Einen Job bekommt er trotzdem: Ernst Jüngers Roman „Gläserne Bienen“ erschien zuerst 1957, man näherte sich in Deutschland der Vollbeschäftigung.
Mechanisierung und Rationalisierung veränderten damals auch das
Aussehen der Bücher. Ab 1950 entstand hierzulande ein Taschenbuchmarkt, den Anfang machten die Rotationsromane von Ernst Rowohlt. In der rororo-Reihe erschienen 1960 als Nummer 385 auch Jüngers „Gläserne Bienen“. Bei konservativen Buchfreunden allerdings lösten Rowohlts Methoden heftige Abwehr aus. Kein Wunder: Wendet man das Titelblatt von Jüngers Roman, fällt der Blick nicht wie erwartet auf den Textanfang, sondern auf eine Seite mit Zigarettenreklame. „Peter Stuyvesant empfiehlt sich dem rauchenden Leser!“ steht da, darüber prangt wie eine Reklameschlagzeile das Motto des Romans: „Menschliche Vollkommenheit und technische Perfektion sind nicht zu vereinbaren. Wir müssen, wenn wir das eine wollen, das andere zum Opfer bringen.“
Die Vermischung von Literatur und Reklame sollte den Ladenpreis senken und so den Massenabsatz anspruchsvoller Texte befördern, aber heiligte dieser Zweck jedes Mittel? Um die Zweifler zu besänftigen, meldete sich der Verleger selbst in rororo-Band 4 („Schloss Gripsholm“ von Kurt Tucholsky) via Selbstanzeige zu Wort: „Ein Raucher kann ein Buch ohne Genuss nicht lesen, wenn er nicht raucht. Ich bin nicht der Inhaber einer Zigarettenfabrik, aber ich habe diese Seite einer Zigarette verkauft. Seien Sie mir bitte nicht böse deswegen!“ Außerdem: „Man soll nicht immer alles wie vorgestern machen.“
Im Marbacher Literaturmuseum der Moderne wird man die rororo-Ausgabe der „Gläserne Bienen“ als Zeitzeugnis in einer Vitrine sehen.

- Mit freundlicher Genehmigung von Maria Riva
AUF DEM WEG ZUM LIMO (2), 8. Februar 2006
Fanpost von Marlene
Kunstvoll inszenierte Bilder haben Marlene Dietrich zu einer Ikone des
20. Jahrhunderts gemacht. Schöne Beine, Sexappeal und Zelluloid aber reichten nicht aus, um den Mythos Marlene zu erschaffen. Viele
Schriftsteller haben daran mitgewirkt. In Stücken von Shakespeare,
Kleist, Sternheim und Wedekind stand die junge Berliner Schauspielerin auf der Bühne. Mit der Figur des „Blauen Engel“, einer Erfindung des Romanciers Heinrich Mann, wurde sie berühmt. Carl Zuckmayer schrieb am Drehbuch zum gleichnamigen Film mit. Franz Hessel porträtierte den jungen Star 1931 in einem kleinen, feinen Buch. Mit Erich Maria Remarque hatte sie eine heiße Affäre, mit Ernest Hemingway war sie gut befreundet.
Von Schriftstellern wurde diese Schauspielerin besonders geliebt, weil sie neben ihrer erotischen Ausstrahlung auch einen literarisch geschulten Verstand besaß. Ihre literarische Begeisterungsfähigkeit
belegt das abgebildete Telegramm aus dem Nachlass Erich Kästners:
„haben himmlischen abend mit puenktchen und anton stop ich wuenschte sie koennten mein kind lachen hoeren tausend gruesze und dank = marlene dietrich +“. Aus Kalifornien telegrafierte sie am 25. April 1932 an den Kinderbuchverlag Williams, der die Botschaft an Kästners Privatadresse in der Berliner Roscherstraße 16 weiterleitete. Erich Kästner, dessen Bücher der Star sich paketweise nach Hollywood schicken ließ, um sie zu verschenken, muss überrascht gewesen sein. Denn drei Monate vorher hatte er in einem Zeitungsartikel über „Die Dietrich und die Garbo“ den Marlene-Kult gegeißelt. Der neue Star sei allenfalls eine gute Charge: „Sie spielt, seit dem ´Blauen Engel´, von Film zu Film einen blauen Engel nach dem andern, am laufenden Zelluloidband ... Welchen Charakter ihr die Regie auch zumutet: sie zeigt Beine, schwenkt Hüften, kriegt feuchte Augen. Besser als nichts, kann man einwenden; dann hat man recht.“ Die Geschmähte in Hollywwod bekam Kästners Kritik aus einer Leipziger Tageszeitung wohl kaum zu Gesicht. Und wenn, wie hätte sie reagiert? Womöglich mit Verständnis, denn glücklich war sie mit der Festlegung auf die Rolle der Femme Fatale nicht.
Heiner Müller hat sie so beschrieben: „Meine Erinnerung an ihre besten Filme ist die Trauer hinter der Perfektion, ein Ausdruck der Sehnsucht nach den Filmen, die mit ihr nicht gedreht wurden, nach den Rollen, die sie nicht gespielt hat.“
AUF DEM WEG ZUM LIMO (1), 2. Februar 2006
Zauberbergschweine aus dem Stammbuch
Die Marbacher Schillerhöhe ist ein Zauberberg, von unterirdischen
Gängen durchzogen: Berge beschriebenen Papiers, Liebesbriefe, Fotoalben, Rechnungen, Haarlocken, Pfeifen und Strümpfe - alles säuberlich in grüne Kartons verpackt und in Regalen bis zur Decke gestapelt. Bei konstant 18 Grad warten diese Dinge darauf, dass jemand kommt und den Deckel lüftet, um sie behutsam ihrer Schutzhülle aus säurefreiem Papier und grauer Pappe zu entkleiden. Einige sollen bald in die Wunderkammer des neuen Literaturmuseums umziehen, die unterirdisch mit dem Archivlabyrinth verbunden ist.
In einer Katakombe liegen die Schaustücke schon beisammen, noch gut geschützt auf Regalen in grünen Boxen. Von diesem Basislager aus wandern manche in die Restaurierungswerkstatt, alle werden sie noch einmal untersucht, beschrieben und fotografiert. Rund 1300 Objekte haben die Kuratoren ausgewählt: eine Menge Arbeit. Was beim Auspacken zum Vorschein kommt, wirkt oft unscheinbar und gibt Rätsel auf. Wie kam dieser bekritzelte Zettel überhaupt hierher und an wen war er adressiert? Wen zeigt dieses Foto? Wer hat diese Brille getragen? Schutzlos liegen die Sachen vor den Augen des Betrachters und bleiben doch spröde. Findet man mehr über sie heraus, stellen sich immer neue Fragen.
So ist es gleich mit der ersten grünen Schachtel, in wir einen Blick werfen dürfen: Sie birgt eine weitere Schachtel. An einer Seite hat die Box einen Buchrücken. So getarnt mag sie jahrelang in einem Bücherregal gestanden haben. Den Klappdeckel ziert eine Zeichnung: Zwei Knaben reiten auf einem Buch, dabei halten sie einen Amorpfeil in der Hand. Schlägt man den Deckel auf, fällt der Blick auf einen Zettelstapel im Oktavformat. Das oberste Blatt schmücken gezeichnete Blümchen und die ineinander verschlungenen „H“ und „P“. Die Auflösung der Chiffren steht in Bleistift glücklicherweise dabei: „Stammbuch Heimeran Penzoldt“.
Den Verleger Ernst Heimeran und den Schriftsteller, Maler, Bildhauer
und Grafiker Ernst Penzoldt verband seit 1920 eine ungewöhnliche
Liebesbeziehung. Um dem Freund nah zu sein, heiratete der Dichter zwei Jahre später dessen Schwester und zog in sein Haus. Bis 1938 hielt diese Wohngemeinschaft. Auch danach blieben beide Männer enge Freunde bis ans Lebensende. In ihr gemeinsames Hausbuch trugen sich Freunde ein, hinterließen Namen, Gedichte, Sinnsprüche und Noten - ganz in der populären Tradition bürgerlicher Stammbücher aus dem 19. Jahrhundert.
Das erklärt aber noch nicht die Schweinerei, die beim Blättern in den Zetteln ins Auge springt. Auf Dutzende Blätter sind mit Bleistift Schweine gekrakelt, eine ganze Herde, die unbemerkt in den Tiefen des Literaturarchivs haust. Wo stammen die Stammbuchschweine her? Wer des Rätsels Lösung sucht, muß einen Gipfel der Hochliteratur erklimmen: Thomas Manns 1924 erschienenen Roman „Der Zauberberg“. Darin wird im Kapitel „Walpurgisnacht“ ein Gesellschaftsspiel geschildert, das darin besteht, mit geschlossenen Augen Schweinchen auf Visitenkarten und Servietten zu skizzieren. Was dabei an komischen Gestalten herauskommt, probiert jeder Leser am besten selber aus.
Heimeran und Penzoldt haben nach Erscheinen des „Zauberbergs“ über viele Jahre die Versuche ihrer Freunde beim Schweinchenzeichen gesammelt. So spielerisch läßt sich Literatur ins Leben verweben. Schade eigentlich, dass die Poesiealben und Stammbücher so ganz aus der Mode gekommen sind.

















