Pressemitteilungen
2005
PM 15/2001
Erwerbung des Monats: Reinhard Pipers Reisetagebücher
Marbach, 05. September 2001 —
Reinhard Piper (1879-1953) arbeitete als Lehrling und Gehilfe in Berliner und Münchner Buchhandlungen, bevor er 1904 seinen eigenen Verlag gründete, der schnell zu einem der bedeutendsten Buch- und Kunstverlage Deutschlands wurde. Hier erschienen die erste deutsche Dostojewski-Ausgabe, die Gedichte von Arno Holz und Christian Morgenstern ebenso wie die Reden Buddhas, die historisch-kritische Schopenhauer-Ausgabe und das Manifest des "Blauen Reiters". Weit verbreitet waren die hochwertigen Kunst-Reproduktionen, die sogenannten "Piper-Drucke".
Das historische Archiv des Verlags R. Piper & Co befindet sich seit drei Jahren als Depositum im Deutschen Literaturarchiv. Jetzt gelang es, als Ergänzung aus Familienbesitz wichtige persönliche Aufzeichnungen des Verlegers zu erwerben. Vor allem seine 38 Reisetagebücher zeigen Piper als einen vielseitig begabten "Dilettanten" im besten Sinn, der nur solche Werke verlegte, die er selbst gerne gekauft hätte. Er besaß die Fähigkeit, auch mit schwierigen Autoren und Künstlern dauerhaft ins Gespräch zu kommen.
Im Reisetagebuch von 1928 beschreibt er unter anderem seinen Besuch bei Ernst Barlach in Güstrow. Gegenüber Piper, der aus Mecklenburg stammte, äußert sich Barlach ironisch über die Landsleute: Man nimmt mich in Güstrow nun in Gnaden an, man denkt: Feine Leute haben eben gute Künstler! Barlach zeigt seinem künftigen Verleger das neue, im Dom installierte Denkmal für gefallene Soldaten: In den fliegenden Engel ist mir der Kopf von K[äthe] Kollwitz hineingekommen, ohne daß ich daran dachte. Hätte ich's beabsichtigt, sie zu machen, wär's sicher nichts geworden. Auf der gegenüberliegenden Seite skizziert Piper, an welcher Stelle im Magdeburger Dom ein anderes Mahnmal Barlachs gegen den Krieg in Kürze stehen sollte. Dort wurde es ein Jahr später zwar aufgestellt, aber schon im März 1933 ließ man es wieder demontieren. Weil er als "pazifistisch" und "entartet" galt, wurde 1937 auch der schwebenden Engel aus der Güstrower Kirche entfernt. Das konnten Barlach und der reisende Verleger jedoch 1928 noch nicht ahnen.
Eintrag vom 31.10.1928 Die Reisetagebücher sind bis zum 5. Oktober im Schiller-Nationalmuseum zu sehen.

