Pressemitteilungen
2005
PM 03/2002
Erwerbung des Monats:
Wiedervereinigung von Hackebeil und Hufeisen
Christian Morgensterns Manuskriptnachlaß liegt jetzt in Marbach
Marbach, 27. Januar 2002 —
Erwerbungen: Familienpapiere der Karschin und ein Brief von Hesse an Englert
Nicht der Galgenberg zwischen Marbach am Neckar und Steinheim an der Murr, sondern ein Galgenberg bei Potsdam gab einer literarischen Bruderschaft den Namen, in der sich 1895-1897 ein Freundeskreis übermütiger studentischer "Galgenbrüder" um den jungen Dichter Christian Morgenstern (1871-1914) scharte. Ein Kernsatz seiner "Galgenphilosophie" lautete: "Man sieht vom Galgenberg die Welt anders an, und man sieht andere Dinge als Andre." Niemand konnte damals ahnen, daß Morgensterns "Galgenlieder" (die erste Buchausgabe erschien 1905) und die von ihnen abstammende Poesie um "Palmström" (1912), "Palma Kunkel" (1916) und den "Gingganz" (1919) wie kein anderes lyrisches Lebenswerk deutscher Sprache im 20. Jahrhundert einst buchstäblich in aller Munde sein würde. Wer hat nie das "einsame Hemmed" flattern hören, wer niemals mit dem sich nicht schneuzenden Palmström mitempfunden? Wer wüßte nicht, daß Morgensterns "ästhetisches Wiesel" nur "um des Reimes Willen" - ja, wo sitzt es denn? Natürlich "auf einem Kiesel inmitten Bachgeriesel." Ein Poem wie "Fisches Nachtgesang" kann, weil es ohne Worte auskommt, jeder auswendig.Morgenstern ist schon 1914 gestorben, seine Witwe Margareta erst 1968. Sie hat Morgensterns Nachlaß dem Deutschen Literaturarchiv vermacht. Aber zunächst war die große "Stuttgarter Ausgabe" seiner Werke im Verlag Urachhaus abzuschließen. Seit dem letzten Herbst liegt sie in sechs unter der Leitung von Reinhardt Habel musterhaft edierten und von Hans Peter und Brigitte Willberg hinreißend ausgestatteten Bänden vor: Drei Bände enthalten das lyrische Werk, drei weitere Episches und Dramatisches, Aphorismen und Kritische Schriften. Notizen, Entwürfe, Fassungen und Reinschriften aus dem Nachlaß des Dichters, die diese Edition erst ermöglicht haben, wurden Ende 2001 dem Deutschen Literaturarchiv übergeben und werden nun in Marbach der literarischen Öffentlichkeit - Forschern und Liebhabern - zugänglich gemacht. (Die gesammelten Briefe Morgensterns sollen in drei weiteren Bänden der "Stuttgarter Ausgabe" bis zum Herbst 2007 erscheinen; danach kommen auch die Originale dieser rund 2300 Briefe und Morgensterns Tagebücher nach Marbach.)
Zu den kostbarsten Handschriften des Nachlasses gehören die sieben "Galgenlieder", die als lose Blätter in einem enormen Hufeisen überliefert sind, das als Rahmen einen schwarzen Totenkopf auf rotem Grund umschließt. Ein dergestalt ungewöhnliches Gesangbuch gehörte zu den Utensilien, wie sie jeder Galgenbruder für die makabren Rituale der Brüderschaft sein eigen nannte. Das hier "aufgeschlagene" Autograph von "Galgenbruders Lied an Sophie, die Henkersmaid", stammt von "Raaben-Aas", d. i. Morgenstern selbst. - Zum Galgenberg gehört der Galgen, zur Henkersmaid der Henker. Und der Henker bedarf natürlich - wie der Massenmörder Haarmann - des Hackebeilchens, das dem Gesangbuch eines anderen Galgenbruders Einband und Rahmen gegeben hat. Diese zweite Sammelhandschrift in Gestalt eines Henkersbeiles konnte schon 1975 bei einer Münchner Auktion für das Deutsche Literaturarchiv ersteigert werden. Die hier "aufgeschlagene" Abschrift des berühmten "Bundeslieds der Galgenbrüder" stammt von "Faherrügghh", dem Galgenbruder Robert Wernicke. - Hätten sich Faherrügghh und Raaben-Aas wohl träumen lassen, daß ihre makabren "Gesangbücher" einst im trauten Verein in einer Ausstellungvitrine des Schiller-Nationalmuseums liegen würden? (Eine farbige Faksimileausgabe des Verlages Urachhaus, "O greul! O greul! O ganz abscheul!", herausgegeben von Karl Riha, hat Beil und Hufeisen übrigens schon 1989 zwischen zwei Buchdeckeln vereinigt.)
Die Erwerbung ist bis zum 22. Februar im Schiller-Nationalmuseum zu sehen. Der Eintritt ist frei.
Fotos: Bernd Hoffmann und Mathias Michaelis, Deutsches Literaturarchiv
Erwerbung von Familienpapieren der Karschin
Anna Louisa Karsch, genannt die Karschin (1722-1791), genoß den Ruf einer »deutschen Sappho«. Der mit ihr befreundete Gleim ließ sie in Halberstadt von seinen Domherren feierlich zur Dichterin krönen. Das Deutsche Literaturarchiv, Marbach, konnte jetzt Papiere aus einem Familiennachlaß der Karschin in Stockholm ersteigern. Das Konvolut enthält einzelne Gedichthandschriften, vor allem aber Familiendokumente und -briefe, so vom Sohn der Karschin, Johann Michael Hiersekorn, an seine Mutter, auch von Tochter und Enkelin (beide dichteten ebenfalls): Luise von Klencke und Helmina von Chézy.



