Pressemitteilungen

2005

PM 11/2002

Erwerbung des Monats:

Neu in der Marbacher Gemäldesammlung:

Das Portrait Theodor Mommsen von Franz Lenbach

Marbach, 11. März 2002 —

Der große Historiker Theodor Mommsen (1817-1903) ist in seiner Jugend auch als Dichter hervorgetreten und im hohen Alter erneut zu literarischen Ehren gekommen: 1843 hat er gemeinsam mit seinem Bruder Tycho und dem Freund Theodor Storm einen Gedichtband veröffentlicht, das 'Liederbuch dreier Freunde'; 1902 wurde ihm für sein berühmtestes Werk, die 'Römische Geschichte', der Literaturnobelpreis verliehen. Fünf Jahre vorher - aus Anlaß seines 80. Geburtstags im November 1897 - hat Franz Lenbach (1836-1904), der prominenteste deutsche Portraitist seiner Generation, mehrere Bildnisse von ihm gemalt. Mommsen fuhr zwar zu Portraitsitzungen nach München, Lenbach hat aber auch nach Photographien gearbeitet, die zum Teil in seinem Nachlaß erhalten sind.

Das einzige noch in Privatbesitz verbliebene Gemälde aus Lenbachs Portraitserie konnte nun durch den Freundeskreises des Schiller-Nationalmuseums und des Deutschen Literaturarchivs erworben werden. Es hing seit 1904 im Palais einer Münchner Adelsfamilie, die es nach dem Tod des Künstlers aus dessen Atelier erworben hatte. Lenbachs andere Mommsen-Bildnisse gehören seit langem zum Bestand der Berliner Nationalgalerie, des Märkischen Museums und der Städtischen Galerie in München. Im Unterschied zu diesen eher repräsentativen Fassungen, die Mommsen von vorn und in Halbfigur zeigen, ist auf dem Marbacher Bild nur der Kopf des Gelehrten im Profil wiedergegeben. Dadurch, aber auch durch eine frische, fast skizzenhafte Malweise, wirkt es intimer, gewissermaßen "literarischer" als die anderen. Es paßt deshalb gut in das Deutsche Literaturarchiv, das seit 1970 den privaten Teil von Mommsens Nachlaß beherbergt.

Zu diesem Bestand gehört auch eine ursprünglich nicht zur Publikation bestimmte "Testamentsklausel", in der Mommsen mit bestechender Klarheit und tief resigniert die Bilanz seines lebenslangen Engagements für die Wissenschaft und für die liberale Bewegung zieht und mit der Politik und Geisteshaltung der Bismarckzeit und des Wilhelminismus abrechnet. Als hätte er diesen Text gekannt, stellt Lenbach in seinem Profilbildnis den Gelehrten als hellwachen, kritischen Geist dar, zugleich aber in großer Verbitterung und Depression. Lenbachs Berliner Kollege und Antipode Adolph Menzel habe, so berichtet der Maler in einem Brief an Mommsen vom 4. Dezember 1897, "vor dem Profilbild ... lange bewundernd gestanden".

Nicht nur des Dargestellten, auch des Künstlers wegen fügt sich das Bild gut in die Marbacher Sammlung ein: Von Lenbach befinden sich dort nämlich noch drei weitere Portraitgemälde. Sie zeigen den Germanisten Wilhelm Hertz, den Bankier Kilian von Steiner, Gründervater und "Urmäzen" des Schillermuseums, und einen weiteren deutschen Literaturnobelpreisträger, den Dichter Paul Heyse, Lenbachs Münchner Freund und Nachbarn. In der Reihe dieser Gemälde nimmt das Mommsen-Bildnis als Kunstwerk und als Lebensdokument den ersten Rang ein.

Die Erwerbung ist bis zum 5. April im Schiller-Nationalmuseum zu sehen. Der Eintritt ist frei.


Foto: Bernd Hoffmann, Deutsches Literaturarchiv