Pressemitteilungen

2005

PM 20/2002

Erwerbung des Monats

Justinus Kerner an Friedrich de la Motte Fouqué in Berlin, 21. Januar 1811

Marbach, 06. Mai 2002 —

Aus den Mitteln des Cotta-Archivs (Stiftung der 'Stuttgarter Zeitung') gelang im Oktober 2001 bei einer Berliner Auktion die Erwerbung eines literaturgeschichtlich wie literarisch außerordent-lich bedeutenden, bislang unpublizierten Briefs von Justinus Kerner an Friedrich de la Motte Fouqué. Wie kaum ein anderer Brief in Kerners ausgedehnter Korrespondenz erschließt er We-sen und Hintergründe für die Verbindung der romantischen Zirkel in Tübingen, Berlin und Hamburg.

Biographisch-poetisches Medium dieser Verbindung ist eine emphatisch gelebte "Freundschaft". Die freundschaftliche Gesellung aller Gleichgesinnten, in der alle mit allen kommunizieren, be-gründet den Almanach als eigene Form: als »Vereinigungspunkt dessen [...], was jeder unserer Freunde jährlich hervorgebracht« (Ludwig Uhland an Kerner, 4. Januar 1811).

Kerner schreibt am 21. Januar 1811 aus Wildbad im Schwarzwald, wo er erst seit wenigen Ta-gen wohnte und von wo aus er das Almanach-Projekt und die Ausgabe seiner poetisch-phantastischen Reiseerzählung betreibt. Sein Brief führt zurück nach Tübingen in das Jahr 1808, als Karl August Varnhagen von Ense dort weilte, um wie Kerner bei Autenrieth Medizin zu stu-dieren. Varnhagen - damals noch nicht der politische und biographische Publizist und noch nicht verheiratet mit Rahel Levin - schloß Freundschaft mit Kerner und Ludwig Uhland, mit dem klei-nen Kreis der »Tübinger Romantiker«, der dem klassizistisch-»verzopften« >Morgenblatt für gebildete Stände< sein handschriftliches >Sonntagsblatt für ungebildete Stände< entgegen-hielt. Varnhagen vermittelte den Kontakt zu seiner Schwester Rosa und zu Amalie Weisse (spä-ter Schoppe) in Hamburg, zu Adelbert von Chamisso in Berlin - Stationen, die Kerner dann bei seiner großen Reise 1809/1810 nacheinander aufsuchte.

Dem biographischen Gehalt, dem intensiven Bekenntnis zu den entstandenen Freundschaften, steht der literarische dieses ersten Briefs von Justinus Kerner an Fouqué nicht nach. So locker die Motive sich aneinandereihen, so innig, ja zwingend sind sie verbunden. Der Spannungsbo-gen, in dem sich die Welt poetisiert, führt in die Tiefe, wie traumwandelnd von der Freund-schaft über die wildromantische Natur des Wildbads zur Kyffhäuser-Sage, um dann mit den unendlich traurigen Versen Friedrich Hölderlins die Nachtseite des Lebens aufzurufen.

Transkription des Briefes »Justinus Kerner an Friedrich de la Motte Fouqué am 21. Januar 1811«

  Wildbad im würtembergischen,  21t. Jan. 11.       Theuerster Herr!    Ihre werthen Worte kamen an in meiner Wildniß, und der Mann der sie brachte,  brachte auch einen Brief von Uhland. Von dem Musenalmanache zu dem Sie mir  gütigst Beyträge sandten, bin ich nur der Sammler und Aneinanderreiher. Es  sey eine Tafelrunde wo sich die Freunde versammeln und ich ihnen die Plätze  anweise und sie bediene. Es macht mir gar große Freude von einander getrennte  Menschen die einander innen so verwandt in nahe Berührung zu bringen. So kam es,  daß jeder den ich in der Fremde als Freund erkannte auch bald der Be-kannte und  Freund meines Freundes in der Heimath wurde.  So lernte Varnhagen Uhland kennen, Uhland den Chamisso, Rosa und Amalie Weisse, &c.  Am Almanache selbst, bin ich, wenigstens für dieses Jahr, der geringste Mitarbeiter:  denn ich schreibe wenig, weil selten eine dazu gehörende Ruhe in mir wohnt, auch oft  das Leben zu laut an mir vorüberstürmt, daß all meine Saiten | alsdann unharmonisch   zusammentönen und die Melodie nicht herauszufinden ist.  In Wahrheit, es ist so! -  Hören Sie, reisen Sie doch einmal hieher - das thun Sie nicht, aber senden Sie uns   doch, ich bitte recht, Ihr Bildniß. - .   Hier ist ein warmes Bad das aus dem Felsen quillt und ist es im Sommer stark besucht   zur Winterzeit gar einsam.  Die Gegend ist unbeschreiblich wild, die hohen Berge voll hingeworfener Granitblöke,   als wären da große Riesenstädte gestanden die ein ungeheures Schiksal auseinandergeschlagen  und in Trümmern auf den Bergen umhergestreut hätte  "Da droben in dem holen Stein,  Du kannst ihn nicht zerschlagen,  Da liegt des Riesenkönigs Gebein,  Die Krone die er getragen." -  Ich werde Ihnen diese Gegend einmal beschreiben.  Die Blätter von mir deren Sie erwähnen und die, (wofern mein Verleger sie nicht zu   anstößig für ein gebildetes Publikum fand,) nun unter der Presse sind, führen den Titel:   "Reiseschatten von dem Schattenspieler Luchs, Heidelberg bey Braun".  Ich weiß nicht, ob es der Mühe lohnt, daß Sie das Werkchen lesen. Doch thun Sie es,   vielleicht | macht es Ihnen doch einigen Spaß.  Unser vaterländischer Dichter Hölderlin wird Ihnen bekannt seyn? Er dichtet noch   immer in sei-ner Zerrüttung, in seinem Wahnsinn, meistens unverständlich für andere.   Ein Freund von mir, sandte mir heute nachstehende rührende Zeilen die er unter seinen   Papieren fand und die gar wohl zu verstehen:  "Das Angenehme dieser Welt hab' ich genossen,  Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen,  April und May und Julius sind ferne,  Ich bin nichts mehr, ich lebe nicht mehr gerne."      Varnhagen kennt ihn persönlich. Schreiben Sie ihm doch diese Zeilen ab: denn ich weiß   nicht wo er haust.  Nun, theuerster Herr! will ich Ihnen Lebewohl sagen auch wie sehr ich doch ganz  bey   Ihnen seyn möchte!  Gott segne Sie!  Ihr ergebenster  Justinus C. Kerner    
Die Erwerbung ist bis zum 29. Mai 2002 im Schiller-Nationalmuseum zu sehen.