Pressemitteilungen
2005
PM 32/2002
Erwerbung des Monats
Tohm di roes, Poe sie all bum
Marbach, 06. August 2002 —
Die Edition >Poe sie all bum< gehört zu den äußerst raren und druckgeschichtlich hochinteressanten »Untergrundveröffentlichungen« in der DDR. Hergestellt wurde meist im Siebdruckverfahren, so konnte die staatliche Druckgenehmigung umgangen werden. Diese Erscheinungsform bot gerade den unerwünschten und nichtkonformen Autoren Möglichkeiten zu publizieren, vor allem auch: zu experimentieren. >Poesiealbum<, >Poe sie all bum<, >Poe-sie-all-peng< - in dieser Verballhornung vermischten die Herausgeber Sascha Anderson und Bert Papenfuß-Gorek Anspielungen an die Alben der Schulzeit, an Edgar Allen Poe, vor allem aber an die seit 1967 von Bernd Jentzsch im Verlag Neues Leben herausgegebene, gleichnamige literarische Reihe. Jene Heftchen zeigten in der Mitte jeweils das Blatt eines Grafikers und waren im Abo oder für 90 DDR-Pfennige am Kiosk zu erhalten. Nach diesem Vorbild brachten Anderson und Papenfuß-Gorek in Zusammenarbeit mit Künstlern wie Ralf Kerbach, Cornelia P. Schleime und Wolfram Adalbert Scheffler zwischen 1980 und 1984 in Dresden und später Berlin vermutlich zehn kleinformatige Künstlerbücher in einer Auflage von jeweils nur 20 Exemplaren heraus.
Das ausgestellte Stück gibt einige Rätsel auf. Buchkünstlerisch und entstehungsgeschichtlich ist es dem Umkreis der Edition Poe sie all bum zuzurechnen, wenn auch ohne offensichtliche Beteiligung von Sascha Anderson. Vielleicht haben sich die gleichfalls in Dresden agierenden Tohm di Roes und Micha[el] Brendel den Titel als Replik angeeignet? Wie bei so manchem inoffiziellen Druck der früheren DDR bleiben die Hintergründe im Dunkeln.
Tohm di Roes heißt eigentlich Thomas Rösler. 1960 in Gera geboren, studierte er an der Staatlichen Schauspielschule, Fachrichtung Puppenspiel, arbeitete als Transportarbeiter und in einem Kindergarten, seit 1982 freiberuflich. In seinen hier und da in Anthologien und in den Zeitschriften »Liane«, »Und« und »usw.« veröffentlichten Texten und Gedichten ist er Sprachmonteur und Spracherfinder. Im aufgeschlagenen »neo-expressionistischen Einakter« hat di Roes dem »Volk aufs Maul geschaut«. Nur durch seine Verfremdungseffekte wird das bei lautem Lesen verständliche Kantinengespräch zwischen zwei Männern und einer Frau (»alls scheiß zowießo«) in all seiner Derbheit und Reduziertheit erträglich. Der 1959 geborene Micha Brendel studierte Bühnenbild an der Hochschule der Bildenden Künste in Dresden und gehört zu den beeindruckendsten (Aktions-)Künstlern der ehemaligen DDR. Vielfältig und zahlreich sind seine Beiträge (Texte, Fotos, Montagen, Grafiken, Performancedokumentationen, Einbandgestaltungen) in originalgrafischen Zeitschriften und Künstlerbüchern der 80er Jahre.
Die Erwerbung ist bis zum 30. August 2002 im Schiller-Nationalmuseum zu sehen.

