Pressemitteilungen

2005

PM 46/2002

Wilhelm Hauff

Zur Signifikanz eines Autors für eine unterbestimmte Epoche

Marbach, 13. Oktober 2002 —

Internationale wissenschaftliche Fachkonferenz
vom 10. bis 13. Oktober 2002 in Marbach am Neckar

Ob Kalif Storch, Zwerg Nase, der Kleine Muck oder der Holländer-Michel und das Glasmännlein aus dem Kalten Herz - Wilhelm Hauffs Märchengestalten waren und sind die Begleiter mancher Kindheit. Hauffs Märchen, bis heute in zahllosen Ausgaben und hohen Auflagen verbreitet, gehören tatsächlich zum eisernen Bestand deutscher Märchenliteratur. Auch in anderen Medien wie im Hörspiel und Film haben sie ihre Faszinationskraft bewiesen. Doch Hauff beeindruckte nicht nur das Publikum, sondern auch die Kollegen: so verdankt ihm Karl Mays Durch die Wüste eine Schlüsselszene.

Buchstäblich greifbare Folgen zeitigte schließlich Hauffs historischer Roman Der Lichtenstein. Seit den 1850er-Jahren steht die dem erfundenen Handlungsort des Roman nachgebaute Burg nun mit ihren steinernen Türmen und Zinnen hoch über Honau am Trauf der Schwäbischen Alb. Als architektonisches Zeugnis der Hauff-Begeisterung des 19. Jahrhunderts war die Burg bis ins 20. Jahrhundert hinein Kulisse für aufwendige Historienspiele. Und noch heute begeistern sich unzählige Sonntagsausflügler an dieser Bilderbuch-Burg.

Die Wirkung der Werke Hauffs erstaunt umso mehr, wenn man bedenkt, dass ihr Autor nicht einmal 25 Jahre alt geworden ist. Seinen großen Erfolg erarbeitetet er sich während der zwei Jahre seiner aktiven Schriftstellerlaufbahn mit enormem Fleiß, aber nicht zuletzt auch mit klugen und teilweise äußerst skandalträchtigen Marktstrategien.

Dieser Umstand mag ebenso zum zögerlichen Umgang der Literaturwissenschaft mit dem >Phänomen Hauff< beigetragen haben wie Hauffs Image als Märchen-Onkel oder biedermeierlicher Mode-Dichter. So führt Wilhelm Hauff innerhalb der Germanistik noch immer ein Schattendasein. Ein Schicksal, das er übrigens mit einer ganzen Reihe anderer Dichter des Biedermeier teilt.

Die interdisziplinäre Tagung im Deutschen Literaturarchiv nimmt Hauffs 200. Geburtstag zum Anlass, den Dichter und sein Werk aus ungewöhnlichen Blickwinkeln neu zu betrachten. Beiträge zu Hauffs Nachwirkungen im Film (Prof. Dr. Marc Silberman), in der Architektur (Prof. Dr. Hans-Christoph Dittscheid) und natürlich in der Literatur (Prof. Dr. Ernst Osterkamp) werden die historischen und ästhetischen Bedingungen der multimedialen Verarbeitungen seiner Werke beleuchten.

Gefragt wird überdies nach der Rolle Hauffs als Dr. phil., Zeitschriftenredakteurs und Erfolgsschriftstellers auf dem literarischen Markt (Prof. Dr. Erhard Schütz). Die Ästhetik Hauffs (Prof. Dr. Gerhard Plumpe) steht ebenso zur Diskussion wie der Orientalismus und Antisemitismus seiner Zeit.

Die geographische Lage des Deutschen Literaturarchivs Marbach, das gemeinsam mit Prof. Dr. Ernst Osterkamp, Andrea Polaschegg und Prof. Dr. Erhard Schütz die Tagung veranstaltet, wird eine Diskussion des Hauffschen Lichtenstein in den Mauern des steingewordenen Romans selbst ermöglichen. Und so ist der Titel des öffentlichen Abendvortrags von Prof. Dr. Peter von Matt am Freitag, 11. Oktober (20 Uhr, Humboldt-Saal), letztlich auch das Motto der gesamten Veranstaltung: Wilhelm Hauff oder der Weg in die Klarheit.