Pressemitteilungen

2005

PM 53/2002

Kafkas Fabriken. Einladung zur Pressekonferenz am 21.11.2002, 15 Uhr,

im Schiller-Nationalmuseum Marbach am Neckar.

Anschließend Besichtigung der Ausstellung mit den Ausstellungsmachern

Hans-Gerd Koch und Klaus Wagenbach

Marbach, 14. November 2002 —

Franz Kafka gehört zu jenen Schriftstellern, deren nicht ganz einfach zu verstehendes Werk man gern auf einem Lebenshintergrund zu begreifen versucht. Kafkas Konflikt mit dem Vater, die Angst vor der engen Bindung an Frauen, die Vorherrschaft des Unbewussten - solche Aussagen ziehen sich leitmotivisch durch die zahlreiche Sekundärliteratur zu Franz Kafka.

Wer Kafkas Erzählungen und Romane liest, scheitert oft an ihrer >Schrägheit<, ihrer eindeutigen Vieldeutigkeit. Das latent knirschende Getriebe dieser Texte verdankt sich einer Machart, die Kafka selbst in anderem Zusammenhang 1913 so beschreibt: »Dieser Flaschenzug im Innern. Ein Häkchen rückt vorwärts, irgendwo im Verborgenen, man weiß es kaum im ersten Augenblick, und schon ist der ganze Apparat in Bewegung. Einer unfassbaren Macht unterworfen, so wie die Uhr der Zeit unterworfen scheint, knackt es hier und dort und alle Ketten rasseln eine nach der andern ihr vorgeschriebenes Stück herab.«

Technische Bilder, mechanische Welt: Kafka, Klassiker der Moderne, lauschte der Klangwelt der ersten Flugzeugpioniere ebenso wie einem Grammophon mit Enrico Carusos erster Schallplatteneinspielung der Aida. Er benutzte Telefon, Schreibmaschine und Diktiergerät, griff zum Photoapparat und fuhr Motorrad. »Vor einiger Zeit stand auf einem Korridor, über den ich immer zu meinem Schreibmaschinisten gehe, eine Bahre, auf der Akten und Drucksorten transportiert werden, und immer wenn ich an ihr vorübergieng, schien sie mir vor allem für mich geeignet und auf mich zu warten.«

Das Schiller-Nationalmuseum in Marbach am Neckar beleuchtet vom 23. November 2002 bis zum 16. Februar 2003 eine Facette von Kafkas Leben, die einen ungewohnten, sachlichen Blick auf bekannte Texte wie die Strafkolonie, den Prozess, den Verschollenen, das Urteil oder die Verwandlung eröffnet und sie im besten Fall neu lesen lehrt. 14 Jahre lang, von 1908 bis zu seiner Pensionierung 1922, war Franz Kafka Beamter der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag. Was er in dieser Eigenschaft gemacht, gesehen, in Händen gehalten haben könnte, wie die Welt seiner Fabriken ausgesehen hat, ist mehr als achtzig Jahre später kaum mehr vorstellbar. Die Ausstellung folgt Kafkas Arbeitswegen, seinen Reisen in die großen Steinbrüche und Fabriken Nordböhmens, spezialisiert auf die Herstellung von Tuch, Glas und Maschinen.

Die Ausstellung Kafkas Fabriken wurde von zwei ausgewiesenen Kafka-Kennern erarbeitet, die Wissenschaftlichkeit mit Gespür für Detail und Witz zu verbinden wissen: Klaus Wagenbach, seit 1950 leidenschaftlicher Kafkaforscher und nach eigener Aussage »dienstälteste Kafka-Witwe«, sowie Hans-Gerd Koch, seit über 20 Jahren mit der Edition und Kommentierung von Kafka-Texten befasst. Bei der Realisation wurden sie von Petra Plättner vom Schiller-Nationalmuseum unterstützt. Die Exponate, die sie ausgewählt haben, waren in dieser Konstellation bislang noch nie zu sehen: Manuskripte aus den umfangreichen Kafkabeständen der Archive in Marbach, Leihgaben aus Prag, umfangreiches, bisher nicht zugängliches Material aus dem Besitz von Klaus Wagenbach und Hans-Gerd Koch. Und eben auch: so kuriose wie rare Fundstücke aus Kafkas Fabriken. Sogar Kafkas Käfer können die Besucher bei genauem Hinschauen entdecken.

Schiller-Nationalmuseum, Marbach am Neckar, 23. November 2002 bis 16. Februar 2003, täglich 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr. Eintritt 3 Euro, ermäßigt 1,50 Euro.

Zur Ausstellung erscheint das letzte von Friedrich Pfäfflin ausgestattete Marbacher Magazin, die Nummer 100 dieser Reihe: Kafkas Fabriken. Bearbeitet von Hans-Gerd Koch und Klaus Wagenbach unter Mitarbeit von Klaus Hermsdorf, Peter Ulrich Lehner und Benno Wagner. 2002. 160 Seiten, 80 z.T. farbige Abbildungen. Mit einem Verzeichnis der ausgestellten Stücke als Beilage. Broschiert. € 9,-. ISBN 3-933679-74-5

Weitere Informationen: Schiller-Nationalmuseum und Deutsches Literaturarchiv, Museumsabteilung, Tel. 07144/848-601, Telefax 848-690, Homepage www.dla-marbach.de.