Pressemitteilungen

2005

PM 7/2003

Die Marbacher Erwerbung des Monats:

Erstdrucke der Werke Rudolf Borchardts endlich komplett!

Marbach, 16. Februar 2003 —

Der Dichter und Erzähler, Übersetzer und Vortrags-Redner Rudolf Borchardt (1877-1945) gehört zu den aufregend-sperrigen Figuren der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Aus einer Kaufmanns- und Bankiersfamilie jüdischer Herkunft stammend, studierte er (ohne Abschluss) klassische Philologie und Archäologie. Nach schwerer Krankheit und dem Bruch mit dem Vater lebte er bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Italien, wohin er 1921 zurückehrte. Borchardts elitäres Werk, das sich an der Überlieferung der Antike und des Mittelalters auch nachschaffend-übersetzerisch orientiert, steht quer zur Moderne seiner Zeit und erscheint im Rückblick doch auch als gelungener Versuch eines Aufbruchs.

Borchardts Nachlass liegt im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, wo - gemäß Sammelauftrag - nun auch alle 61 Erstausgaben seiner Werke versammelt sind, nachdem in einem Wiener Antiquariat kürzlich die Pathetischen Elegie erworben werden konnte. Die Pathetische Elegie, Borchardts dritte Veröffentlichung, erschien im Februar 1901 als Privatdruck in kleiner Auflage und wurde wohl im Freundeskreis verteilt. Zu den Freunden Borchardts in jener Zeit gehörte der Göttinger Jurist und Büchersammler Otto Deneke (1875-1956), der dem Dichter als Anwalt wegen unbezahlter Bücherrechnungen beistand und ihn in seinen dichterischen Plänen bestärkte. Deneke half außerdem, Verlagsverbindungen zu knüpfen und unterstützte den mittellosen Borchardt finanziell (»...wollen Sie ein Engel sein? und mir bis zum ersten ein Zehnmarkstück borgen? Es kann auch ein Fünfmarkstück sein, wenns sein muss. Und bald? vielleicht sofort?...«). Otto Deneke ist das Marbacher Exemplar der Pathetischen Elegie handschriftlich gewidmet, geschrieben ist die Widmung im Göttinger Diakonissen-Krankenhaus >Alt-Bethlehem<, wohin der Dichter nach einem Nervenzusammenbruch gebracht worden war.

Borchardts Pathetische Elegie ist noch bis zum 2. März im Schiller-Nationalmuseum zu sehen.