PM 20/2003
Die Teile und das Ganze
Bausteine der literarischen Moderne in Österreich
Marbach, 05. Mai 2003 —
Eine Ausstellung des Österreichischen Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek Wien im Deutschen Literaturarchiv Marbach am Neckar
10. Mai bis 31. Oktober 2003
täglich 1018 Uhr
mittwochs bis 20 Uhr Ob
Die letzten Tage der Menschheit,
Der Mann ohne Eigenschaften oder
Geschichten aus dem Wiener Wald: Österreichische Schriftsteller haben die literarische Moderne wesentlich mitbestimmt. Die Dialektik von Ganzheit und Fragment ist zentraler Bestandteil jeder modernen Poetik. Die Ausstellung spürt dem Verhältnis der Teile zum Ganzen am Beispiel großer Werke nach, von Franz Kafka über Karl Kraus, Robert Musil, Hugo von Hofmannsthal, Hermann Broch, Elias Canetti, Ödön von Horváth und Heimito von Doderer bis zu Konrad Bayer, Ingeborg Bachmann, Ernst Jandl und Thomas Bernhard. <font size="-2">Zur Ausstellung erscheint ein Katalogband in der Reihe »Profile« mit Beiträgen u. a. von Moritz Baßler, László F. Földényi, Ulrich Ott, Burghart Schmidt und Wendelin Schmidt-Dengler. Wien: Zsolnay 2003, 302 Seiten. Fadenheftung, zahlreiche Abbildungen. 17, 90. ISBN 3-552-05215-1.</font> Die Ausstellung wird eröffnet am 10. Mai um 17 Uhr im Humboldt-Saal des Deutschen Literaturarchivs mit einem Vortrag von Wendelin Schmidt-Dengler zum Thema »Auf halbem Weg mit ganzen Mitteln. Zum Fragment in der österreichischen Literatur«. Ralph Bergmann spielt Klaviermusik von Alban Berg, Arnold Schönberg und Josef Matthias Hauer. Für Vertreter der Presse besteht die Möglichkeit, die Ausstellung von 15.30 Uhr an zu besichtigen. Die beiden Kuratoren Bernhard Fetz und Klaus Kastberger stehen in dieser Zeit für Fragen zur Verfügung. Presseexemplare des Katalogs liegen bereit. Bestellt werden können Presseexemplare auch direkt beim Verlag: E-Mail: info@zsolnay.at bzw. Fax: 0043-1-5057661-10
Das Fragment in der modernen österreichischen Literatur
Hermann Broch läßt Vergil in seinem Roman
Der Tod des Vergil über die Arbeit des Dichters sagen: »Er muß das Unzulängliche ausmerzen, so ist es ihm befohlen, und er muß es tun, selbst auf die Gefahr hin, daß das ganze Werk darob zugrunde geht.« Der Wille nach Perfektion kann sich auf verhängnisvolle Weise gegen das Kunstwerk selbst richten. Das Problem der Abschließbarkeit von Werken gehört nicht dem 20. Jahrhundert allein. Es gewinnt allerdings in diesem Jahrhundert eine Brisanz, die sich der früherer Epochen nicht vergleichen läßt; ja die Unmöglichkeit, ein Ganzes zu liefern, ist schlechthin zum Gemeinplatz der ästhetischen Debatte geworden, die sich auch eine sarkastische Zurechtweisung gefallen lassen muß: »Fragmente: eine Himmelsgabe für Schriftsteller, die keine ganzen Bücher zustande bringen«, lesen wir bei Pitigrilli. Adornos Ästhetische Theorie insistiert geradezu emphatisch auf dem Rang des Fragments und hebt es implizit damit auch vom Fragment in der Romantik ab: Das Fragment bedeutet Protest gegen die Autorität des Monumentalen, das den Schein der Geschlossenheit suggerieren will: »Integrale Form verschlingt sich mit Herrschaft«, sagt Adorno. Das Fragment verfügt über einen guten Ruf; es ist sowohl mit einem ästhetischen und, weil es sich jedem Totalitätsanspruch entgegensetzt, auch mit einem moralischen Mehrwert ausgestattet. In der Literatur aus Österreich ist die Zahl jener Werke, die Fragmentcharakter besitzen, in ästhetischer Hinsicht als bedeutend gelten und in den Literaturgeschichten nicht fehlen dürfen, auffallend hoch. Ob man an Hofmannsthals
Andreas oder Die Vereinigten, Hermann Brochs
Die Verzauberung, Ingeborg Bachmanns
Todesarten-Zyklus oder Konrad Bayers
Der sechste Sinn denkt: Der Abbruch der Werke ist nicht nur durch den Tod der Autorinnen oder Autoren bedingt, sondern scheint keimhaft in der Konzeption angelegt. Die Autorität des abgeschlossenen Werkes scheint hinter vielen dieser Fragmente zu stehen: Hofmannsthals
Andreas zitiert die Tradition der Reise- und Entwicklungsromane herbei, Musil muß sich zwangsläufig den Vergleich mit den gewaltigen Entwürfen einzelner Bildungsromane gefallen lassen, und Hermann Brochs
Verzauberung steht einer Fülle an zur Entstehungszeit in den 30er-Jahren mit viel Erfolg gehandelten und in sich gerundeten Berg- und Bauernromanen gegenüber. Es gibt wenige Romane, die ein so deutliches und zugleich drastisches Ende haben wie Kafkas
Process. Doch läßt die Abfolge der einzelnen Kapitel und die Verfugung der Handlung viele Fragen offen. Auch die einzelnen Teile von Fritz von Herzmanovsky-Orlandos
Österreichischer Trilogie sind eindeutig finalisiert, doch macht im
Maskenspiel der Genien und in
Der Rout am Fliegenden Holländer die lockere Fügung der Episoden den Bruchstückcharakter des Ganzen evident. Die Signatur der modernen Literatur und im besonderen die der Décadence scheint für Friedrich Nietzsche gerade dadurch bestimmt, »daß das Leben nicht mehr im Ganzen wohnt«, und er hat auch die Konsequenzen für den Stil gedeutet: »Das Wort wird souverain und springt aus dem Satz hinaus, der Satz greift über und verdunkelt den Sinn der Seite, die Seite gewinnt Leben auf Unkosten des Ganzen das Ganze ist kein Ganzes mehr.« Schöner könnte auch der Ursprung der als avantgardistisch bezeichneten Verfahren aus dem Geiste der Décadence und ihrer Neigung nicht umrissen werden. Das legitimiert das Fragment als Form der Äußerung für die Avantgarde, und viele diese kurzen Texte erinnern an die von Adorno als »beschädigt« bezeichneten kurzen parabelhaften Geschichten Kafkas. Das Zerschneiden größerer Einheiten, die Schnittstellen besonders zu markieren und darüber hinaus die Formen nicht mehr als intakte bestehen zu lassen, ist ein Verfahren, das für die literarische Moderne und im besonderen für die als experimentell bezeichnete Literatur der sechziger und siebziger Jahre kennzeichnend ist. Es fehlt freilich auch nicht an Gegenpositionen: Heimito von Doderer postulierte die große Symphonie als Vorbild für den Roman, wußte aber auch, daß der Romancier stets das Bestreben habe, die Komposition, »die sich vom Inhaltlichen her fortwährend bereichert und gliedert«, »wieder zu vernichten«. In diametralem Gegensatz zu Doderer steht Thomas Bernhard, der auf der Künstlichkeit seiner Prosa insistierte und bereits 1965 in einer Vorfassung zu seinem Roman
Verstörung jede Vollkommenheit ausschloß und den Fürsten Saurau sagen läßt, daß nur ein Dummkopf behaupten könne, daß die Natur ganz oder die Schöpfung vollkommen sei. Die Werke kommen auf halbem Wege ins Stocken, weil die Kritiker und mehr noch die Schöpfer selbst im Wissen um die Gefahren der Arbeit und im Wissen um alle ihnen verfügbaren Mittel die Ansprüche nicht einlösen können und die eigene Leistung nicht durch den falschen Schein eines Ganzen hinfällig machen wollen.
Wendelin Schmidt-Dengler