Pressemitteilungen
2005
PM 37/2003
Joseph Breitbach oder Die Höflichkeit des Erzählers
Ausstellung im Schiller-Nationalmuseum, Marbach am Neckar
Marbach, 14. Juli 2003 —
20. Juli bis 28. September 2003
Eröffnung am 20. Juli, 11 Uhr, Humboldt-Saal
Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar
Es begrüßt: Ulrich Ott
Zur Ausstellung spricht: Jochen Meyer
Es erinnert sich: Günter Herburger
Joseph Breitbach (19031980) hat nach seinem Tod von sich reden gemacht durch die Stiftung des höchstdotierten deutschen Literaturpreises. Darüber droht in Vergessenheit zu geraten, dass der seit 1929 in Paris lebende, an der Place du Panthéon residierende Homme de Lettres zu den wichtigsten Autoren seiner Generation gehört mit Erzählungsbänden wie Rot gegen Rot (1929) und Die Rabenschlacht (1973), politischen Komödien wie Die Jubilarin (1960) und Genosse Veygond (1970) und Romanen wie Die Wandlung der Susanne Dasseldorf (1932) oder Bericht über Bruno (1962). Was Breitbach schon 1931 seinem Generationsgenossen Hermann Kesten bescheinigt hat »Hass gegen die Konventionen und den kollektivistischen Spuk von rechts und links« , gilt auch für sein eigenes Werk und Leben. Mit dem umfangreichen Nachlass dieses engen Freundes von Joseph Roth, René Schickele und Ernst Jünger bewahrt das Deutsche Literaturarchiv den Quellenbestand für die Kabinettausstellung zu seinem 100. Geburtstag am 20. September 2003.
Ein Rheinländer aus Koblenz, der Franzose wurde; ein deutscher Schriftsteller, der auch als französischer Autor reüssierte: Die von Jochen Meyer erarbeitete Marbacher Joseph-Breitbach-Ausstellung im Schiller Nationalmuseum und das zur Ausstellung erscheinende Marbacher Magazin 102/2003 schöpfen zum ersten Mal aus Breitbachs überwältigend reichem Manuskript- und Korrespondenznachlass im Deutschen Literaturarchiv. Der erste von drei thematischen Schwerpunkten (Zwischen zwei Sprachen: Kannitverstan) zeigt die Konstanten und Probleme einer solchen Grenzgänger-Existenz. Der zweite Schwerpunkt (Marx, Mehrwert und Mitbestimmung) gilt dem älter, aber nicht gelassener gewordenen kritischen Zeitgenossen der achtundsechziger Generation: Breitbach nahm in seinem Volksstück Die Jubilarin die Warenhausthematik seiner Anfänge wieder auf und wandte in seiner politischen Komödie Genosse Veygond die Theorie vom Mehrwert und seiner ungerechten Verteilung auf den Typus des marxistischen Erfolgsautors in der kapitalistischen Gesellschaft an. Im Konflikt zwischen dem Verlag der Autoren und dem für Suhrkamp votierenden Peter Weiss und wenig später in der Kipphardt-Affäre holte die Wirklichkeit schon 1969 und 1971 den Stückeschreiber Breitbach ein und gab ihm nicht Unrecht. Der dritte Schwerpunkt (Die Höflichkeit des Erzählers) stellt Breitbachs erzählendes Werk neu zur Diskussion: seine drei Romane (neben den beiden schon genannten den tragikomischen Schelmenroman Das blaue Bidet, 1978) und die in dem Band Die Rabenschlacht gesammelten Erzählungen aus fünf Jahrzehnten. Bei avancierten Erzähltheoretikern, etwa Käte Hamburger, suchte Breitbach Beistand gegen eine Avantgarde, der die erzählbare Welt zunehmend abhanden kam. Er wollte »zum >richtigen< Erzählen zurück«, wollte erzählen, »wie ein Bericht es verlangt«, und schuf sich durch die Berichtsprosa seiner Ich-Erzähler und die konjunktivische Distanz indirekter Rede seine eigene spezifisch moderne Erzählweise.
Wie nur wenige deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts stand Joseph Breitbach zeitlebens in freundschaftlich-streitbarer Korrespondenz mit älteren und jüngeren Autoren, mit Deutschen und Franzosen, mit André Gide, Roger Martin du Gard, Julien Green und Marguerite Yourcenar, mit Carl Jacob Burckhardt, Annette Kolb, Ernst Jünger und Golo Mann, mit Alfred Andersch, Heinrich Böll, Hans Erich Nossack und vielen anderen. Wolfgang Koeppen grüßte am 15. September 1973 den Freund und Kollegen, zählte einige von Breitbachs Figuren auf: »Pitt, Carl, Clemens, Bruno, der elternlose Ernst Drewer«, und fuhr fort: »diese Waisen, Außenseiter, Verfolgte, Träumer, die Jünglinge auf der Suche nach Gerechtigkeit, die es nicht gibt, die Kälte der Welt, der Warenhäuser und der Ideologien, ein großer Schriftsteller, der seiner persönlichen Humanität treu geblieben ist wie kaum ein anderer unserer herumgeworfenen Generation. Ich bin, wenn ich Sie lese, zuhause.« Zur Ausstellung erscheint das Marbacher Magazin 102/2003: Joseph Breitbach oder Die Höflichkeit des Erzählers. Von Jochen Meyer. 112 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Mit einem Verzeichnis der ausgestellten Stücke als Beilage. Broschiert. 9,.
