Pressemitteilungen

2005

PM 44/2004

Zum 200. Todesjahr von Friedrich Schiller: Nationalmuseum und Deutsches Literaturarchiv planen 2005 ein umfangreiches Programm

Marbach, 17. August 2004 —


Foto: Dominik Obertreis

Mit zwei großen Ausstellungen von April 2005 bis Frühjahr 2006 gedenken die Deutsche Schillergesellschaft in Marbach am Neckar und die Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen im kommenden Jahr des 200. Todestages von Friedrich Schiller. Den Auftakt macht im Marbach die von der Landesstiftung Baden-Württemberg ermöglichte Sonderausstellung »Götterpläne und Mäusegeschäfte. Schiller 1759-1805«, die von den Kuratoren Dr. Frank Druffner und Martin Schalhorn erarbeitet wird. In der Neckarstadt werden die Ausstellungen außerdem von einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm begleitet, das durch die Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes in Halle ermöglicht wird.

»Götterpläne und Mäusegeschäfte«: Jahresausstellungen 2005 in Marbach

Die Marbacher Sonderausstellung, die vom 23. April bis zum 9. Oktober 2005 im Schiller-Nationlamuseum und vom 30. Oktober 2005 bis 17. April 2006 im Weimarer Schiller-Museum zu sehen sein wird, greift in ihrem Titel ein Zitat aus den »Räubern« auf. Sie erstreckt sich über das gesamte erste Stockwerk des Museums und beschäftigt sich mit dem Dichter aus einem neuen Blickwinkel: Schiller gehörte zu den ersten Schriftstellern, die überwiegend von den Einkünften ihrer Werke zu leben versuchten. Der Meister des Kommunizierens und Kalkulierens erscheint hier als ein Mensch, der sich seinen großen künstlerischen Ideen, Dramenstoffen und Korrespondenzpartnern ebenso widmet wie den täglichen »Mäusegeschäften«, die ihm als Ernährer und Familienvater im Kampf ums Überleben obliegen.

Die Marbacher Jahresausstellung illustriert diesen Zwiespalt mit Hilfe von Handschriften und Manuskripten, frühen Druckerzeugnissen und Widmungsexemplaren, Gemälden und Skulpturen, aber auch mit Alltagsgegenständen und Kleidungsstücken des Dichters. Neben Exponaten aus den eigenen Sammlungen greifen die Kuratoren auf Leihgaben aus dem In- und Ausland, besonders aus dem Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar, zurück, die das Bild abrunden. Die Sonderausstellung wird finanziell durch die Landesstiftung Baden-Württemberg ermöglicht.

Nach der Schließung der Schau »Götterpläne und Mäusegeschäfte« im Oktober 2005 öffnet das Nationalmuseum am 10. November 2005 erneut seine Pforten für eine Schiller-Ausstellung: Vom Herbst 2005 bis zum 17. April 2006 zeigt Marbach die von der Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen konzipierte Ausstellung »Die Wahrheit hält Gericht - Schillers Helden heute«. Ihr Kurator, der Direktor der Museen der Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen, Dr. Ernst-Gerhard Güse, beschäftigt sich mit der Herkunft, Wirkung und Bedeutung der Hauptfiguren aus Schillers Dramen. Zahlreiche Exponate werden in erlebbare Raumbilder eingefügt, Medien und Raumeinbauten sind Bühne und Exponat zugleich; auf diese Weise werden sie zum unverzichtbaren Bestandteil der Ausstellung. Vor Marbach ist die Schau vom 9. Mai bis zum 10. Oktober 2005 im Schiller-Museum in Weimar zu sehen.
Veranstaltungen: Vortragsreihe »Schiller international« im April 2005

Rund um die Eröffnung der Marbacher Jahresausstellung am 23. April 2005 findet eine internationale Vortragsfolge mit dem Titel »Schiller international« statt. Von Mittwoch, 20. April, bis Mittwoch, 27. April 2005 beschäftigen sich Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mit Schillers Werk. Sie reisen aus Ländern an, aus deren Geschichte Schiller seine Dramenstoffe bezog: aus Großbritannien, Spanien, Frankreich, Russland, Italien und der Schweiz. Thema ihrer Vorträge ist die Bedeutung des Weimarer Schwaben für die Literatur- und Kulturgeschichte der einzelnen Länder. Nach Marbach kommen unter anderem George Steiner, der den Festvortrag nach der Ausstellungseröffnung am 23. April halten wird, sowie Adolf Muschg (Schweiz), Ute Frevert (Deutschland) und Michel Tournier (Frankreich). Die Vortragsreihe wird von der Kulturstiftung des Bundes gefördert.

Schiller im Comic: Ausstellung in Schillers Geburtshaus

Schiller als Comicfigur? In dieser etwas anderen Form des Portraits nähert sich jetzt der bekannte Comic-Künstler Horus (Horus W. Odenthal) dem Dichter. In Kooperation mit der ehapa comic collection in Köln geben das Schiller-Nationalmuseum und das Deutsche Literaturarchiv im Mai 2005 einen Comic über Schiller heraus, der die Flucht des Dichters aus Schwaben nachzeichnet. Ausgehend von diesem dramatischen Ereignis wird Horus weitere wichtige Stationen aus Schillers Biographie in Texten und Bildern vergegenwärtigen. Die Entstehung des Bandes wird zeitgleich mit seinem Erscheinen von einer Ausstellung dokumentiert, die Ende Mai 2005 in Schillers Geburtshaus eröffnet wird. Horus ist ein Kenner von Schillers Werken und gilt als einer der wichtigsten deutschen Comiczeichner. Seit gut zehn Jahren liefert er regelmäßig Comic-Erzählungen für Verlage in Deutschland und den USA. Der 50 Seiten starke Comic erscheint auch als Sonderausgabe für die Abonnenten des »Marbacher Magazins « und wird von der Kulturstiftung des Bundes gefördert.

»Der Dichter, der Denker«: Philosophische Spaziergänge. Schiller und der Diskurs der Moderne

Schiller nahm regen Anteil an den philosophischen Debatten seiner Zeit. »Du errätst wohl nicht, was ich jetzt studiere?«, schrieb er im März 1791 an seinen Freund Körner. »Nichts Schlechteres als Kant. Seine Kritik der Urteilskraft, die ich mir selbst angeschafft habe, reißt mich hin durch ihren lichtvollen geistreichen Inhalt und hat mir das größte Verlangen beigebracht, mich nach und nach in seine Philosophie hineinzuarbeiten.« In Schillers Leben wurde die Kant-Lektüre eine entscheidende Zäsur. Kant seinerseits verfolgte mit wachem Interesse, wie sich das Werk des Dichters entwickelte. Fichte, Schelling und Novalis suchten den persönlichen Kontakt zu Schiller. Und Hegel war von seinen »Philosophischen Briefen« so inspiriert, daß er zwei Verse aus ihnen – leicht abgewandelt – als Schlußstein der »Phänomenologie des Geistes« verwendete: »aus dem Kelche dieses Geisterreiches / schäumt ihm seine Unendlichkeit.« Schiller gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Deutschen Idealismus, manche halten ihn gar für seinen Erfinder. Wie intensiv war Schillers Auseinandersetzung mit der Philosophie wirklich? Welche Folgen hatte sein Werk für die Entwicklung des Freiheitsgedankens in Geschichtsphilosophie und Ethik, für die philosophische Ästhetik und Spieltheorie? In fünf bis sieben Vorträgen, die die beiden Ausstellungen begleiten, wird die Rolle Schillers als Philosoph und als Stichwortgeber für den Diskurs der Moderne von prominenten Denkern der Gegenwart beleuchtet. Den Anfang der »philosophischen Spaziergänge« macht im September 2005 der Philosoph Dieter Henrich, ein Kenner des Deutschen Idealismus.

Autorentagung am 19. November: »Schiller: Vorbild, Gegenbild, Provokation«

Kein deutscher Klassiker ist so umstritten wie Friedrich Schiller. Als Inbegriff des Nationaldichters wird er seit zwei Jahrhunderten ebenso gefeiert wie verachtet. In vielerlei Hinsicht ist er tatsächlich ein National-Autor geblieben: der Dichter einer Nation, die ihn in ihrer wechselvollen Geschichte immer wieder zur weltlichen Heiligenfigur erhoben hat. Der Frage nach dem »Fall Schiller« geht eine Autorentagung im Deutschen Literaturarchiv am Samstag, 19. November, mit dem Titel »Schiller: Vorbild, Gegenbild, Provokation?« nach. Das Archiv bittet fünf renommierte Schriftsteller, ihr Verhältnis zu Schiller zu klären und über seine Bedeutung für ihr eigenes Schaffen nachzudenken. Sein karges Leben, seine auf dem Theater inszenierte Größensehnsucht, das Pathos seiner Ästhetik, die Radikalität seines aufklärerischen Denkens sollen neu kommentiert werden. Schillers Geburtsstadt wird für einen Tag zum Ort der öffentlichen Debatte über die Vergangenheit und die Aktualität einer der wichtigsten Künstlerpersönlichkeiten des 18. Jahrhunderts. Die Tagung wird von der Kulturstiftung des Bundes gefördert.

Initiativen und Ideen für die Schule: »Schiller für Schüler«

Schiller und die Schule: Das ist ein altes Thema. »Wilhelm Tell«, »Kabale und Liebe«, »Maria Stuart« und »Wallenstein« gehören seit jeher zur Schullektüre. Und auch wenn es Generationen von Schülern auf den ersten Blick nicht so schien: Schiller kann in der Schule Spaß machen. Dies wollen mehrere Projekte im Schillerjahr 2005 vermitteln, an denen auch das Schiller-Nationalmuseum und das Deutsche Literaturarchiv beteiligt sind. Wieviel Beispielhaftes und Brauchbares können Jugendliche in Schillers Leben und Werk finden? Diese Frage stellt von Februar bis Oktober 2005 die »Marbacher Schiller-Akademie« im Deutschen Literaturarchiv. In einer Vortragsreihe für junge Leser steht Schillers Leben und Werk zur Diskussion. Schillers Fleiß, seine Größensehnsucht und der Ausgleich einer geringen Welterfahrung durch Phantasie faszinierten schon die Zeitgenossen seines kurzen Lebens. Zu Wort kommen in Marbach neben Wissenschaftlern auch Autorinnen und Autoren wie Sigrid Damm und Jan Philipp Reemtsma, sowie Regisseure und Schauspieler, die Schillers dramatische Kunst beleben. Teilnehmen können Kurse und Klassen aller Schularten und interessierte Jugendliche. »Schiller für Schüler«, in dessen Rahmen auch ein Schülerfestival in Mannheim stattfindet, wird von der Landesstiftung Baden-Württemberg gefördert.

Nähere Informationen über »Schiller für Schüler« erhalten Sie unter www.schiller-fuer-schueler.de

Ein zweites Projekt für Schüler nimmt Schillers Erzählung »Der Verbrecher aus verlorener Ehre« ins Visier: In der Marbacher Auftragsproduktion gestaltet der Sprecher und Schauspieler Michael Speer eine Sprech- und Spielhandlung, die in Schulen entlang der Lebenslinie des Christian Wolf von Ebersbach nach Vaihingen aufgeführt wird.  Der »Weg nach unten« des Sonnenwirts Christian Wolf, wie Michael Speer die Produktion nennt, enthält Seitenblicke auf Schillers eigene Karriere, da er sich wie eine Entgegnung auf Schillers Höhenflug liest. Die Premiere findet in Marbach im Februar 2005 statt.

Reisen mit Schiller: Stuttgarter Staatstheater spielt Schiller an Schiller-Orten

Eine Annäherung an Schiller durch eine Reise? Schiller reiste nur äußerst selten, von den Ländern, in denen die Heldinnen und Helden seiner Stücke heimisch sind, kannte er kaum eines aus eigener Anschauung. Trotzdem: Das Stuttgarter Staatstheater und das Deutsche Literaturarchiv in Marbach reisen, suchen nach Spuren an verschiedenen Orten zwischen Stuttgart und Marbach und wagen den abenteuerlichen Versuch, eine Schiller-Ansicht zu entwerfen, die den Dichter vom Sockel nationaler Verehrung herunterholt. Zwischen dem Marbacher Geburtshaus und dem Ludwigsburger Schloss entsteht eine Schillerroute, die eine Ansicht (mit Aussicht) auf ein widersprüchliches Leben verleiht, das auf den »Willen zur inneren Freiheit, zur Kunst, zur Liebe, zum Frieden, zu rettender Ehrfurcht des Menschen vor sich selbst « (Thomas Mann) gerichtet war. Die Reise entsteht am Stuttgarter Staatstheater unter der Regie von Uli Jäckle als Koproduktion mit dem Schiller-Nationalmuseum und dem Deutschen Literaturarchiv. Sie findet erstmals am 8. Mai 2005 statt; weitere Aufführungen folgen bis Ende Juli 2005.