Pressemitteilungen
2005
PM 01/2005
Sensationelle Erwerbung aus dem 18. Jahrhundert: Der Teilnachlass
des Fabeldichters Gottlieb Conrad Pfeffel (1736-1809) ist in Marbach
Marbach, 04. Januar 2005 —
Foto: DLA Marbach
Er schrieb Briefe in Hexametern, dichtete erbauliche und satirische Fabeln und war ein Reformpädagoge im Geiste Rousseaus: Gottlieb Conrad Pfeffel (1736-1809). Mit Johann Georg Jacobi und Sophie von LaRoche, mit Lavater, Jacob Reinhold Michael Lenz, Friedrich Nicolai, Jung-Stilling und Johann Heinrich Voß stand er in schriftlicher Verbindung, was ihn als bedeutenden Zeitgenossen der Entwicklung von der Aufklärung, über den Sturm und Drang bis hinein ins 19. Jahrhundert ausweist. Einen Teilnachlass Pfeffels aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hat jetzt das Deutsche Literaturarchiv Marbach erworben: Er enthält Manuskripte, Lebenszeugnisse, Dokumente und rund 470 Briefe, die Pfeffel mit bekannten Intellektuellen und Autoren der Zeit wechselte. Das Konvolut, dessen Kauf unter anderem durch Mittel der Stiftung Kulturgut Baden-Württemberg und der Uhland-Stiftung möglich wurde, stellt nicht nur wegen seiner Einzelautographen eine einzigartige Erwerbung dar. Vielmehr sind dergestalt geschlossen überlieferte Ensembles aus dem 18. Jahrhundert heute überaus selten und daher eine Sensation.
Pfeffel, in Colmar geboren und dort gestorben, ist neben Johann Georg Jacobi die zweite Zentralfigur der oberdeutschen Literaturlandschaft. Schon während seines Jurastudiums in Halle stellte sich bei ihm eine Trübung der Augenlinsen ein, die ab 1758 fast zur völligen Erblindung führte. Der literarisch und philosophisch gebildete Jurist blieb dennoch rastlos: Er übersetzte aus dem und ins Französische, vermittelte zwischen dem deutschen und französischen Lesepublikum und schrieb selbst moralische Erzählungen. 1773 gründete er in Colmar die »école militaire«, eine protestantische Erziehungsanstalt, die europäischen Ruf erlangte. Auch für seinen Verleger Johann Friedrich Cotta wurde Pfeffel zu einer Galionsfigur des Buch- und Zeitschriftenwesens: Cotta schätzte seine Beiträge für die Unterhaltungszeitschriften »Flora« und »Taschenbuch für Damen« ebenso wie seine Fabeln und publizierte noch nach Pfeffels Tod eine zehnbändige Sammlung seiner »Prosaischen Versuche« (1810-12). Sie stellt das Gegenstück zu den vorausgegangenen 10 Bänden der »Poetischen Versuche« (1802-10) dar. Wissenschaftlicher Lorbeer wurde Pfeffel kurz vor seinem Tod zuteil, als Friedrich Heinrich Jacobi den Elsässer 1809 zum Ehrenmitglied der Münchner Akademie der Wissenschaften kürte.
Foto: DLA Marbach
Der jetzt erworbene Teilnachlass ergänzt in Marbach den großen, bereits im Cotta-Archiv verwahrten Pfeffelschen Bestand von rund 570 Briefen. Der eigentliche Nachlass des Schriftstellers wurde durch einen Schlossbrand vernichtet. Von besonders großem Interesse für die Forschung dürften die 87 Briefe Johann Georg Jacobis an Pfeffel sowie Autographen von 70 namhaften Korrespondenzpartnern sein; darunter die Schriftsteller Leopold F.G. von Goeckingk, Franz Wilhelm Jung, Jung-Stilling, Jacob Reinhold Michael Lenz, Johann Heinrich Voß und Friedrich Nicolai. Die Korrespondenz bettet Pfeffels Beziehung zu seinem Verleger Cotta in das literarische und biographische Netz der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein und gibt Einblick in den damaligen Literaturbetrieb. Da der Nachlass aus unzugänglichem Privatbesitz in den deutschen Autographenhandel gelangte, ist das Material - sieht man von Teildrucken in entlegen publizierten Arbeiten ab - fast nicht ediert. In Marbach wird der vorsortierte Nachlass nun erschlossen und öffentlich zugänglich gemacht.


