Pressemitteilungen

2005

PM 20/2005

Deutsches Literaturarchiv

empfängt Mörike-Nachlass aus Weimar: Historisch-kritische

Gesamtausgabe ist zu 80 Prozent fertig gestellt

Marbach, 14. März 2005 —


Foto: Chris Korner /DLA

Der handschriftliche Nachlass des Dichters Eduard Mörike (1804-1875) ist im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar angekommen. Das teilte der Direktor des Schiller-Nationalmuseums und Deutschen Literaturarchivs, Dr. Ulrich Raulff, am Dienstag in Marbach mit. Vor gut einem Jahr hatte die Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen den Nachlass zum Preis von zwei Millionen Euro der Deutschen Schillergesellschaft überlassen.

Mörikes handschriftlicher Nachlass befand sich seit 1892 in Weimar; dorthin hatte ihn die Witwe des Dichters elf Jahre vor der Eröffnung des Schiller-Nationalmuseums in Marbach verkauft. Das Konvolut umfasst insgesamt rund 6000 Blatt, darunter die Manuskripte von Gedichten und Einzelautographen wie »Der alte Turmhahn« oder »Märchen vom sichern Mann«, die Entwürfe des Romans »Maler Nolten« und der Erzählung »Mozart auf der Reise nach Prag« oder Korrekturen zum »Stuttgarter Hutzelmännlein«. Außerdem enthält der Nachlass Kalender aus verschiedenen Jahren, persönliche Papiere, Erinnerungsstücke sowie die Korrespondenz des Dichters, die fast die Hälfte der Blätter ausmacht. Die Briefe von und an Mörike setzen 1827 ein und geben Aufschluss über sein ganzes Leben. Für den heutigen Leser wird, so der Leiter des Marbacher Mörike-Archivs, Dr. Hans-Ulrich Simon, ein eher zurückhaltender Mensch erkennbar: In jungen Jahren verfasste Mörike vor allem erzählende Briefe, während der reife Mann seine Korrespondenz zum Austausch von Informationen mit Freunden und Partnern nutzte.

Da auch für die Gründer des Schiller-Nationalmuseums Mörikes Erbe von Anfang an ein Sammlungsschwerpunkt darstellte, gelang es den Direktoren des Museums und des Deutschen Literaturarchivs, im Lauf der Jahre durch eine geschickte Erwerbungspolitik so viele Autographen, Bildnisse und Erinnerungsstücke zu sammeln, dass Marbach neben Weimar zur wichtigsten Stätte der Mörike-Forschung wurde. Durch den jetzigen Kauf des Weimarer Nachlasses, den öffentliche Hand und private Spender ermöglichten, wird der Bestand der zwei bedeutendsten Mörike-Forschungsstätten vereinigt. Das Deutsche Literaturarchiv ist nunmehr die zentrale Anlaufstelle für die Erforschung von Mörikes geistigem und gegenständlichem Erbe.

Seit 1967 entsteht im Marbacher Mörike-Archiv im Auftrag des Landes Baden-Württemberg außerdem die erste Historisch-kritische Gesamtausgabe. Bislang mussten die Marbacher Editoren auf einen qualitativ mangelhaften Mikrofilm zurückgreifen, um mit den Schriftstücken aus Weimar zu arbeiten. Alle Transkriptionsergebnisse galt es sodann an den Weimarer Originalen zu überprüfen. Der Transfer der Originale nach Marbach erleichtert daher auch die Arbeit an der Gesamtausgabe. Zugleich fällt er mit einem glücklichen Umstand zusammen: Mittlerweile haben die Editoren 20 Bände fertig gestellt  und damit 82 Prozent der gesamten Edition. Im Jahr 2009 wird der letzte der noch fehlenden acht Bände publiziert. Er schließt eine einzigartige Ausgabe ab, die nicht nur Mörikes Werke erstmals komplett vereinigt, sondern auch Einblick in alle Textstufen gibt und zahlreiche unbekannte Fundstücke zugänglich macht. Die Edition, die der Forschung eine gründlichere und bisweilen auch völlig neue Sicht auf das lyrische und erzählerische Werk des bedeutenden Dichters sowie auf seine literarischen und freundschaftlichen Beziehungen erlaubt, wäre ohne die jahrelange großzügige Unterstützung durch das Land Baden-Württemberg undenkbar gewesen.