Pressemitteilungen

2005

PM 60/2005

78 Lesungen mit Dichtern und Intellektuellen: Die Tonbandsammlung

im Deutschen Literaturarchiv Marbach ist um neue Aufnahmen reicher

Marbach, 20. Juli 2005 —

Die Stimme von Adolf Muschg ist ruhig, warm und durch eine alpenländische Färbung geprägt. Elias Canetti spricht voller Begeisterung, beinahe kindlich aufgeregt und mit einem leichten Akzent. - Dichterstimmen: Seit der Erfindung des Tonbands gehören sie zu den wesentlichen Primärquellen für Literaturwissenschaftler. Wie ein Schriftsteller spricht, verrät etwas über seinen Charakter, seine Herkunft und sein Wesen; wie er seine Texte liest oder lesend interpretiert, macht, ebenso wie seine Handschrift oder seine Bibliothek, seinen Weltbezug deutlich, aber auch seine Beziehung zum eigenen Werk. Seit mehr als 25 Jahren sammelt das Deutsche Literaturarchiv Marbach in seiner Dokumentationsstelle Bild- und Tondokumente zum literarischen Leben des 20. Jahrhunderts, um Forschern den Zugang zu diesen Quellen zu ermöglichen. Jetzt ist die Marbacher Sammlung erneut gewachsen: 78 Lesungen von bedeutenden Autoren, Intellektuellen und Wissenschaftlern des 20. Jahrhunderts, aufgenommen auf 85 Tonbändern, kamen als Geschenk ins Haus. Die Unikate stammen aus der Stuttgarter Buchhandlung Hoser. Dort wurden die auf Veranlassung von Frau Dr. Ingrid Storz stattfindenden Lesungen zwischen 1976 und 1988 aufgezeichnet.

Elias Canetti und Erich Fried, Günter Grass und Stefan Heym waren in diesen zwölf Jahren in Stuttgart zu Gast. Uwe Johnson las aus seinen »Jahrestagen« vor, Gabriele Wohmann ihre Gedichte, Rainer Kunze seine »wunderbaren Jahre«. Luise Rinser und Peter Handke, Martin Walser und Walter Jens, Walter Kempowski und Günter Kunert, Jurek Becker und Hans-Joachim Schädlich stellten neue Werke vor. Wolfgang Hildesheimer las aus seiner »Mozart«-Biografie und Peter Härtling aus »Der Wanderer«. Zu Gast waren auch der Schauspieler Peter Ustinov, der Übersetzer Hans Wollschläger, die Historiker und Literaturkritiker Joachim Fest, Klaus Harpprecht und Marcel Reich-Ranicki, ebenso wie der Kabarettist Werner Schneyder. Zwischen 60 und 90 Minuten lang sind die Mitschnitte in der Regel, die interessierte Nutzer demnächst im Online-Katalog »Kallias« des Deutschen Literaturarchivs finden werden und in einer der zehn Benutzerkabinen der Dokumentationsstelle vor Ort anhören können.

Der Marbacher Service, öffentliche Autorenlesungen für Forschungszwecke zur Verfügung zu stellen, ist nach Einschätzung von Andreas Kozlik, Leiter der Dokumentationsstelle in Marbach, einzigartig: Kaum sonst hätten Benutzer vor Ort die technischen Möglichkeiten und den unkomplizierten Zugriff, wie ihn Marbach biete. Die Marbacher Dokumentationsstelle, eine Abteilung der Bibliothek, sammelt nicht nur Bild- und Tondokumente zur deutschsprachigen Literatur von der Goethe-Zeit bis in die Gegenwart, sondern auch Rundfunkmanuskripte, Theaterprogramme und Zeitungsausschnitte.

Mittlerweile umfasst die Bild- und Tonträgersammlung über 8000 Videokassetten und DVDs und 15 000 Tonträger, darunter CDs, CD-ROMs, Tonkassetten und Tonbänder. Zum Repertoire gehören neben Dichterlesungen, Interviews mit Autoren und Radiobeiträgen auch Hörspiele und Hörbücher. Die Bedeutung der Sammlung aus der Hoserschen Buchhandlung liegt für Marbach nicht nur in deren Einzigartigkeit, sondern sie ist auch eine sinnvolle Ergänzung der bisherigen Sammlungen: So waren im Marbacher Katalog bislang noch keine Lesungen von Heinz Piontek oder Wolfgang Hildesheimer verzeichnet.