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2005
PM 87/2005
Rastlos zwischen den Metropolen: Der vierte Band des Tagebuchs von Harry Graf Kessler zeichnet das Bild Europas vor dem Ersten Weltkrieg
Marbach, 23. Oktober 2005 —
Schon als die ersten beiden Bände des Tagebuchs von Harry Graf Kessler (1868-1937) im vorigen Jahr erschienen, wurden sie als »Jahrhundertprotokoll« gefeiert. Wie kaum ein anderes Tagebuch sind die Aufzeichnungen des in Paris geborenen und in Lyon gestorbenen Bankierssohns, Schriftstellers, Kunstmäzens und Diplomaten Kessler eine herausragende Quelle für die Zeit- und Kulturgeschichte. Im Stuttgarter Verlag Klett-Cotta ist jetzt der nächste der insgesamt neun Bände des Tagebuchs erschienen: Band IV dokumentiert die Jahre 1906 bis 1914 aus der Sicht Harry Graf Kesslers und ist ein eindrucksvolles Zeugnis der kulturellen und politischen Umwälzungen vor dem Ersten Weltkrieg. Herausgegeben hat den Band Jörg Schuster vom Deutschen Literaturarchiv Marbach unter Mitarbeit von Janna Brechmacher, Christoph Hilse, Angela Reinthal und Günter Riederer. In Marbach wurden Kesslers Tagebücher seit 1968 kontinuierlich erworben, seit 1994 bearbeitet und seit 2004 in einer Hybrid-Edition zugänglich gemacht.
Über 900 Text- und 300 Registerseiten stark ist der neu erschienene Band. Hektisch zwischen den Metropolen London, Paris und Berlin sowie seinem Haus in Weimar pendelnd, zeichnet Harry Graf Kessler ein genaues und sensibles Porträt der spannungsreichen, nervösen und überhitzten Atmosphäre Europas unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg. Im Mittelpunkt stehen die Begegnungen mit Zeitgenossen wie Sarah Bernhardt, Gabriele D'Annunzio, Maximilian Harden, Walther Rathenau, Rainer Maria Rilke, Auguste Rodin, George Bernard Shaw, Richard Strauss, Igor Strawinsky, Henry van de Velde und vielen anderen. Hervorstechend sind die Freundschaften mit dem österreichischen Dichter Hugo von Hofmannsthal und dem französischen Bildhauer Aristide Maillol, mit denen Kessler 1908 eine weitgehend desaströs verlaufende Reise nach Griechenland unternimmt. Mit Hofmannsthal kommt es aufgrund der Zusammenarbeit am Libretto zu Richard Strauss' »Rosenkavalier« zum Streit; einige Jahre später schreibt Kessler zusammen mit dem Dichter das Ballett »Josephslegende«, das wenige Wochen vor Kriegsausbruch 1914 in Paris uraufgeführt wird. Bei Aristide Maillol gibt er die Statue »Le Cycliste« in Auftrag und beobachtet den Fortgang der Arbeit über Monate hinweg - unter anderem durch zahlreiche Atelierfotografien, die er in sein Tagebuch integriert. Nicht zuletzt durch diese insgesamt über 100 dokumentarischen Fotografien nimmt der Tagebuchband der Jahre 1906 bis 1914 eine Sonderstellung innerhalb von Kesslers monumentalem Tagebuchwerk ein.
Die Herausgeber des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Wüstenrot Stiftung geförderten Projekts haben für ihre Arbeit die Form der Hybrid-Edition gewählt: Jeder Band enthält eine ausführliche Einleitung und, anstelle eines fortlaufenden Kommentars, erläuterte Register. Neben der gedruckten Fassung dient eine elektronische Publikation auf CD-Rom als zusätzliches Hilfsmittel für die Forschung. Der nächste, die Jahre 1916-1918 umfassende Band erscheint im Frühjahr 2006.
Harry Graf Kessler: Das Tagebuch. Hrsg. von Roland S. Kamzelak und Ulrich Ott. Bd. 4: 1906-1914. Hrsg. von Jörg Schuster unter Mitarbeit von Janna Brechmacher, Christoph Hilse, Angela Reinthal und Günter Riederer. Klett-Cotta, 2005. 1270 Seiten. Leinen € 63,- (Einzelpreis), € 54,- (Subskriptionspreis). Eine Lederausgabe erscheint am 10. November 2005 bei Klett-Cotta.
www.klett-cotta.de

