Pressemitteilungen
2005
PM 92/2005
Vom schwäbischen Pantheon zum nationalen Gedächtnis der Literatur: Vor 50 Jahren wurde das Deutsche Literaturarchiv Marbach gegründet.
Marbach, 02. November 2005 —
Marbach, 3. November 2005 (dla) – Auf den ersten Blick hätten die Motive nicht unterschiedlicher sein können, die 1955, vor 50 Jahren, zur Gründung des Deutschen Literaturarchivs in Marbach am Neckar führten. Das Memorandum des damaligen Direktors des Schiller-Nationalmuseums, Dr. Bernhard Zeller, das diese Motive enthielt und von Politikern wie Wissenschaftlern diskutiert wurde, fand dennoch Gehör. Denn die Motive waren berechtigt: 1. Westdeutschland brauchte nach der deutschen Teilung einen Ort, an dem Dichternachlässe von überregionaler Bedeutung sicher gesammelt werden konnten. 2. Viele deutsche Autoren, zumal jene aus der Generation des Expressionismus und des Exils, waren durch das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg heimatlos geworden. Für ihre Arbeit und ihre Hinterlassenschaft bedurfte es eines neuen Ortes. 3. Das Schiller-Nationalmuseum hatte mit der Übernahme der Handschriftensammlung des Cotta-Verlages als Leihgabe der Stuttgarter Zeitung 1952 sein ursprüngliches Sammelgebiet, die schwäbische Literatur, gesprengt. Daher schien es prädestiniert dafür, ein Deutsches Literaturarchiv zu werden – ein Archiv also auch für die neue und neueste Literatur, das bestehende Bibliotheken beim Sammeln von Dichternachlässen ergänzte.
Die Geldgeber stimmten den Plänen 1956 zu – und ermöglichten auf diese Weise die Realisierung. Seitdem hat sich das Deutsche Literaturarchiv zu einer international renommierten Institution für Germanisten auf der ganzen Welt entwickelt: In seinen vier sammelnden Abteilungen – Cotta-Archiv, Handschriftenabteilung, Bibliothek und Kunstsammlungen – erstreckt sich das Sammlungsgebiet über die Zeit von 1750 bis hin zur unmittelbaren Gegenwart. Aus diesem Zeitraum befinden sich heute 1200 Dichter- und Gelehrtennachlässe in den unterirdischen Magazinen; über 700 000 Bände umfasst die Spezialbibliothek des Deutschen Literaturarchivs, die neben Erstausgaben, Primär- und wissenschaftlicher Sekundärliteratur auch Dichter- und Sammlerbibliotheken, etwa von Gottfried Benn oder Paul Celan, vorzuweisen hat. In den Kunstsammlungen sind mit rund 200 000 Exponaten die größte Porträtgalerie und die größte Sammlung von Totenmasken in Deutschland untergebracht, aber auch zahlreiche Erinnerungsstücke aus den Nachlässen der Dichter, Möbel, Musikautographen und –drucke, Fotografien, Stiche und Grafiken.
Erst drei Direktoren hat das Deutsche Literaturarchiv seit seiner Gründung gesehen: Bernhard Zeller, Ulrich Ott und Ulrich Raulff. Alle drei gaben und geben der Schillerhöhe ein besonderes Profil: Konnte Bernhard Zeller als erster Direktor des Hauses den Kontakt zu den Autoren der Moderne und ihren Erben herstellen und ihr Vertrauen erlangen – aus seiner Amtszeit datiert die Erwerbung der Nachlässe und Teilnachlässe von Arthur Schnitzler, Hermann Hesse, Kurt Tucholsky, Carl Zuckmayer, Gottfried Benn, Else Lasker-Schüler und vielen anderen expressionistischen und Exilautoren –, so prägte Ulrich Ott die Institution durch eine energische und umsichtige Bautätigkeit. Unter seiner Leitung wurde das Deutsche Literaturarchiv erweitert (1990-94): Es entstanden außerdem das Collegienhaus (1993) und der Plan für ein Literaturmuseum der Moderne, das nun unter Marbachs drittem Direktor Ulrich Raulff fertiggestellt wird. Zu den größten und bedeutendsten Erwerbungen während Otts Amtszeit zählen die Nachlässe von Paul Celan, Ernst Jünger, Alfred Döblin und der Kauf des »Proceß«-Manuskripts von Kafka.
Heute ist das von Bund und Land paritätisch finanzierte Quelleninstitut neben der Klassik Stiftung Weimar und der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel eine der wichtigsten Einrichtungen für die germanistische Forschung in aller Welt. An dieser Rolle hat sich auch nach dem Ende der deutschen Teilung nichts geändert. Vielmehr erweiterte die Handschriftenabteilung ihr Sammelgebiet in den 90-er Jahren auf Nach- und Vorlässe von Autoren der DDR. Zu Vertretern dieser DDR-Literatur gehören unter anderem Johannes Bobrowski, Sarah Kirsch, Stephan Hermlin und Peter Hacks. Neben Expressionismus und Exil liegt der Forschungsschwerpunkt der rund 10 000 Benutzungen im Jahr mittlerweile vor allem auf der Gegenwarts- und DDR-Literatur.
Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile – Platons Satz gilt auch für das Deutsche Literaturarchiv Marbach. Weit über die Einzelbestände hinaus dokumentiert seine Sammlung das literarische Leben in Deutschland, zeigt es in den Lebensbeziehungen und sozialen Verflechtungen der Autoren auf, macht die literarische Produktion, ihre Vermittlung und Rezeption sichtbar – kurz: das Netzwerk des literarischen Lebens. Zugleich bleibt Marbach bei der Vermittlung seiner Sammlungen den Grundsätzen seiner Gründung treu: Die Archivalien werden nicht allein von der germanistischen Forschung genutzt, sondern zugleich einer breiten Öffentlichkeit in Ausstellungen und Publikationen zugänglich gemacht. Ein solches gleichberechtigtes und sich gegenseitig auch befruchtendes Neben- und Miteinander eines Bildungs- und Forschungsauftrages ist heute sonst nur noch in Weimar gegeben – doch allein in Marbach steht das einzige allgemeine Literaturmuseum im deutschen Sprachraum. In dieser Funktion wird das Schiller-Nationalmuseum von 2006 an nun durch das Literaturmuseum der Moderne ergänzt.

