Pressemitteilungen
2005
PM 94/2005
Schiller in Marbach: Vom 12. November an ist die Ausstellung »Schillers Helden heute« aus Weimar im Nationalmuseum zu sehen
Marbach, 10. November 2005 —
Welche Rolle spielen Friedrich Schillers Helden auf der Bühne heutiger Theater? Dieser Frage geht in Schillers 200. Todesjahr die Jubiläumsausstellung der Klassik Stiftung Weimar nach, die vom 12. November 2005 bis zum 5. Februar 2006 im Schiller-Nationalmuseum in Marbach am Neckar zu sehen ist. An die Eröffnung der Ausstellung am 12. November um 15 Uhr in der Marbacher Stadthalle schließt sich die Marbacher Schillerrede an, die in diesem Jahr Altbundespräsident Richard von Weizsäcker hält.
Mit mehr als 600 Exponaten thematisiert die Ausstellung die Auseinandersetzung zeitgenössischer Regisseure mit sieben großen Dramen des Dichters: »Die Räuber«, »Fiesco«, »Don Carlos«, »Wallenstein«, »Maria Stuart«, »Die Jungfrau von Orleans« und »Wilhelm Tell«. Im Mittelpunkt steht einerseits Schillers Reaktion auf die Zeitenwende um 1800 und andererseits die Interpretation seiner Werke durch Künstler aus zwei Jahrhunderten.
Jedem Schillerschen Drama ist ein Raum des Schiller-Nationalmuseums gewidmet. In bühnenbildartigen Kulissen werden Inszenierungen aus Schillers Zeit aktuelle Interpretationen gegenübergestellt. Durch authentische Dokumente, Handschriften, Kalendereinträge und Notizen Schillers, durch Bilder, Bühnendekorationen, Fotos, Videos und Filmausschnitte des 20. und 21. Jahrhunderts werden die Entstehungsgeschichte der einzelnen Werke, ihre Wirkung und ihre Bearbeitung durch Autoren und Regisseure der Gegenwart plastisch.
Als Helden werden in dieser Ausstellung nicht nur die Titelfiguren von Schillers Dramen verstanden, sondern immer auch ihre Gegenspieler. Schillers Helden sind allesamt zwiespältige Figuren: Machtbesessene, Nihilisten, Zyniker und Selbsthelfer. Marquis Posa aus dem »Don Carlos« etwa ist ein europäischer Aufklärer, der in den Bannkreis der Macht gerät und seine Ideale verrät; Wallenstein erscheint als Realpolitiker, wechselt unter dem Zwang seiner eigenen Intrige jedoch das Lager. Die wichtigsten Aussagen dieser Figuren sind in der Ausstellung auf »Heldensäulen« gebannt; auf diese Weise wird der unauflösliche Widerspruch zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft, zwischen Ideal und politischer Wirklichkeit sichtbar.
Die Handlungszwänge und Abgründe des menschlichen Charakters spiegeln sich bei Schiller immer auch in den Inszenierungen, die ein Stück konsequent im Kontext gegenwärtigen Geschehens zeigen. In der Ausstellung sind das unter anderem Hansgünther Heymes »Wallenstein« von 1968/69 oder die »Tell«-Aufführungen von Claus Peymann und Christoph Schroth (beide 1989). Zum 200. Jahrestag der Französischen Revolution auf den Spielplan gesetzt, wurde die Zwingburg Uri unter dem Eindruck der politischen Entwicklung von der Pariser Bastille zur Mauer in Berlin. Andrea Breth sah 2004 in ihrem »Don Carlos« am Wiener Burgtheater in Philipp II. einen einsamen Bürokraten, der, eingeschlossen in einem Labyrinth von trennenden Glaswänden, kalt und beziehungslos an der Spitze einer im kafkaesken Sinne perfekt arbeitenden Behörde steht.
Zu den aktuellen Inszenierungen, die für die Weimarer Schau ausgewählt wurden, gehören außerdem Frank Castorfs »Räuber« an der Volksbühne Berlin (1990), Wolfgang Spielvogels »Fiesco« in Frankfurt/M. (2004), Brechts origineller Zugriff auf Schillers »Jungfrau von Orleans« in seinem Stück »Die heilige Johanna der Schlachthöfe« (1930; Uraufführung 1959 im Hamburger Schauspielhaus), die Collage-Bühnenfassung der »Maria Stuart« für die Uraufführung von Rolf Hochhuths »Wessis in Weimar« durch Einar Schleef am Berliner Ensemble (1993) sowie »Tell«-Aufführungen des Luzerner Theaters (2002) und des Deutschen Nationaltheaters auf dem Rütli (2004).
Die Jubiläumsschau wurde von der Kulturstiftung des Bundes und dem Land Thüringen gefördert. In Marbach begleiten eine Autorentagung, Vorträge und musikalische Abende die Ausstellung.
Weitere Informationen zum Begleitprogramm der Ausstellung, Foto- und Pressematerial finden Sie unter www.schiller-weimar-marbach.de

