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2005
PM 102/2005
Vierte »Zeitkapsel« im Deutschen Literaturarchiv Marbach: Der Stuttgarter Konzeptionskünstler Harry Walter zeigt Max Benses Denkmaschinen
Marbach, 02. Dezember 2005 —
»Time capsules« – Zeitkapseln – nannte Andy Warhol seine Pappschachteln, in denen er Dinge für die Nachwelt sammelte und verschloss. Seit einem knappen Jahr können Besucher des Deutschen Literaturarchivs Marbach in der Veranstaltungsreihe »Zeitkapsel« miterleben, wie verborgene Schätze aus Schriftsteller- und Gelehrtennachlässen ans Licht geholt werden. »Max Benses Marbacher Denkmaschinen« heißt die neue und vierte Zeitkapsel, die am Dienstag, 6. Dezember, 20 Uhr, vom Stuttgarter Konzeptionskünstler und Autor Harry Walter geöffnet wird. Sie entstammt dem Nachlass von Max Bense (1910-1990), der in Marbach aufbewahrt wird.
Mathematiker, Philosoph, Schriftsteller, Wissenschaftstheoretiker - keine dieser Bezeichnungen kann Max Bense vollständig charakterisieren. Vielmehr fasziniert der Gelehrte Bense durch sein lebenslanges Bestreben, Natur- und Geisteswissenschaften miteinander zu verbinden. Schon in den 50er Jahren entwickelte die um Bense entstandene Stuttgarter Gruppe, eine Vereinigung aus Schriftstellern und Typographen, eine Theorie der konkreten Poesie. Bei diesen Laut- und Buchstabengedichten sind Wörter keine bloßen Bedeutungsträger, sondern visuelle und phonetische Gestaltungselemente; Poesie entsteht durch eine neuartige Zusammensetzung von Sprachelementen nach mathematischen Prinzipien. Berühmt wurden Benses Versuche, schon zu Beginn des Computerzeitalters Gedichte mit Hilfe von Großrechenanlagen mit programmtechnischen Methoden zu generieren. Zeich(n)en und Denken sind auch in seinem Nachlass nicht getrennt zu haben - ob in Tafelaufschrieben aus seiner Zeit als Universitätsprofessor oder in privaten Notizbüchern. Strukturbäume, Vektorpfeile und Koordinatensysteme überlagern die Handschrift und programmieren eine Oberfläche mit überraschenden Tiefen.
Harry Walter, der die vierte Marbacher »Zeitkapsel« öffnet, ist ein profunder Kenner Benses und selbst ein Grenzgänger im Spannungsfeld von Literatur, Philosophie und Bildender Kunst. 1995 verfasste er das Marbacher Spuren-Heft 28 über »Max Bense in Stuttgart«. Moderiert wird die Veranstaltung von Dr. Heike Gfrereis, der Leiterin des Museums. Der Eintritt kostet 5,- Euro (ermäßigt: 3,- Euro).

