Pressemitteilungen
2005
PM 105/2005
Das Marbacher Programm steht 2006 unter dem Jahresthema »Zeigen«: Chipperfield übergibt das Literaturmuseum der Moderne
Marbach, 14. Dezember 2005 —
Das Programm des Deutschen Literaturarchivs Marbach steht 2006 zum ersten Mal unter einem Jahresthema, das zwischen Denken und Schreiben, Wissen und Poesie, Bewahren und Vermitteln, Literatur und anderen Künsten Brücken schlägt. Mit der Eröffnung des Literaturmuseums der Moderne liegt das erste Thema auf der Hand: »Zeigen«. Was zeigt die Literatur? Wie zeigt sie es? Kann sie und soll sie selbst gezeigt werden? Diese und andere Fragen rund um das Thema »Zeigen« werden im Deutschen Literaturarchiv Marbach 2006 in Ausstellungen und Gesprächen, Lesungen und Tagungen diskutiert und auf die Probe gestellt.
Das LiMo öffnet und zeigt seine Architektur
Den Auftakt macht die Architektur am Montag, 9. Januar: An diesem Tag übergibt David Chipperfield, dessen Berliner Büro für das Literaturmuseum der Moderne verantwortlich zeichnet, das neue Gebäude auf der Marbacher Schillerhöhe an die Deutsche Schillergesellschaft. Von 16 bis 18 Uhr finden zu jeder halben Stunde Führungen durch das Museum statt, bevor sich der Münchner Kunsthistoriker Walter Grasskamp am Abend, um 19 Uhr im Vortragsraum des LiMo, seine eigenen Gedanken über »Sonderbare Museumsbesuche« macht, die zu einem »literarischen Panoptikum« werden. Im Anschluss spricht der Philosoph Odo Marquard über die Schiller-Lektüre von Martin Heidegger. Zwischen den Vorträgen spielt Frédéric Rabolds Ice Cream Jazz Band; der Eintritt ist frei.
Auftakt »Zeigen« und langer Freier LiMo-Morgen
Eine Woche lang, vom 10. bis zum 15. Januar, 10 bis 18 Uhr, bleibt das leere LiMo sodann geöffnet und kann auf eigene Faust oder in Führungen besichtigt werden. Jeden Tag um 12 Uhr bieten Mitarbeiter des Deutschen Literaturarchivs kostenlose Rundgänge an; anschließend gibt es preiswerte Suppe als Mittagstisch. Die LiMo-Woche endet mit einem »langen freien LiMo-Morgen« am Sonntag, 15. Januar, ab 11.30 Uhr, wenn der Choreograph Marco Goecke gemeinsam mit Solisten des Staatsballetts Stuttgart ein Stück aufführt, das Körper und Raum, Archivkästen und Tanz aufs Sinnliche verbindet: »Tanzen in Kästen« heißt das Stück, das exklusiv für Marbach entstand und nur hier zu sehen ist. Über den Zusammenhang von Literatur und Architektur diskutieren gleich nach der Aufführung der Literaturwissenschaftler Norbert Miller und der Architekturtheoretiker Werner Oechslin mit Peter Conradi, dem Vorsitzenden der Wettbewerbsjury 2001 für das LiMo, während sich ab 14.30 Uhr zwei Künstler mit dem Phänomen des Zeigens in der Musik und in der Literatur auseinandersetzen: »Zeigen oder nicht?« heißt die von Ulrich Raulff und Heike Gfrereis moderierte Diskussion mit dem Komponisten Wolfgang Rihm und dem Schriftsteller Wilhelm Genazino, bei der das Problem der Darstellbarkeit und Vermittlung von Fantasien, Gefühlen und Mehrbedeutungen im Mittelpunkt steht.
Der »lange freie LiMo-Morgen« wird von der Arbeitsgemeinschaft literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten (ALG) gefördert; der Eintritt in alle Veranstaltungen ist frei. Vom Staatstheater Stuttgart fährt ein kostenloser Bus-Shuttle nach Marbach und zurück (Parkplatz Landtag, 10.30 Uhr, Rückfahrt um 14 bzw. 16 Uhr).
Arno Schmidt?! - Allerdings!
Neben den Veranstaltungen zum Literaturmuseum der Moderne gibt es im ersten Quartal des Jahresprogramms 2006 noch einen zweiten Schwerpunkt: »Arno Schmidt?! - Allerdings!« heißt die Ausstellung, die vom 30. März bis zum 27. August im Schiller-Nationalmuseum zu sehen ist und von der Arno Schmidt Stiftung in Bargfeld kuratiert wurde. Sie zeigt, dass Schmidt einer der sprach- und bildmächtigsten, provokativsten und innovativsten, zugleich aber auch humorvollsten Autoren der westdeutschen Nachkriegszeit ist. In der materialreichen Ausstellung tritt er als Wort- und Formkünstler, als Landschaftsfotograf und Kartograf in Erscheinung, als Liebhaber alter Bücher und als politisch-bitterer Kommentator des Weltenlaufs. Der Hamburger Literaturwissenschaftler und Mitbegründer der Arno Schmidt Stiftung, Jan Philipp Reemtsma, eröffnet die Ausstellung am 30. März, 19 Uhr; bereits am 29. März sprechen die Übersetzer Hans Wollschläger, Claude Riehl und Domenico Pinto über Schmidts Rolle als Übersetzer. Einen Tag nach der Eröffnung, am 31. März, lesen Bernd Rauschenbach und Jan Philipp Reemtsma aus Schmidts Werk »Kühe in Halbtrauer« und bringen die Feinheiten seiner Erzählkunst eindrucksvoll zum Ausdruck.
Darüber hinaus ist im Schiller-Nationalmuseum noch bis zum 5. Februar 2006 die von der Klassik Stiftung Weimar zusammengestellte Ausstellung »Die Wahrheit hält Gericht – Schillers Helden heute« zu sehen.
Der Eintritt in die Schiller-Ausstellung kostet 5,- Euro (ermäßigt: 3,- Euro), in die Arno Schmidt-Ausstellung 7,- Euro (ermäßigt 5,- Euro; Mitglieder der Deutschen Schillergesellschaft zahlen nicht); Führungen können unter Telefon 07144-848-616 gebucht werden.
Lesungen, Tagungen und eine »Zeitkapsel«
Auch die zahlreichen Marbacher Einzelveranstaltungen im Deutschen Literaturarchiv machen Literatur auf verschiedene Weisen sichtbar. Kindern erklärt der Schriftsteller Burkhard Spinnen anhand seines Romans »Belgische Riesen« am 23. Januar, wie Literatur im Kopf entsteht, und diskutiert anschließend mit Lehrern über das Lesen in der Schule. Michael Krüger liest am 1. Februar im Deutschen Literaturarchiv aus seinem Roman »Turiner Komödie«, Martin Mosebach ist am 22. März mit seinem neuen Roman »Das Beben« zu Gast. Auch editorische Fragen werden vom Jahresthema nicht ausgespart: Am 15. Februar zeigt die Celan-Herausgeberin Barbara Wiedemann im Gespräch mit dem Schriftsteller Marcel Beyer, dass Paul Celan nicht nur Lyriker, sondern auch Prosadichter war, und eine Editorentagung mit fünf Wissenschaftlern am 10. und 11. März wirft neue Schlaglichter auf die noch unveröffentlichten Briefe und Tagebücher des Staatsrechtlers und politischen Denkers Carl Schmitt. »Partisanenpost. Neues von Carl Schmitt« heißt die Veranstaltung, die für jeden Literaturfreund offen ist. Am 15. März öffnet sich sodann die fünfte »Zeitkapsel«, eine Veranstaltungsreihe, bei der Schätze aus dem Archiv ganz aus der Nähe präsentiert werden. Diesmal zeigt Ulrich von Bülow, stellvertretender Leiter der Marbacher Handschriftenabteilung, Rainer Maria Rilkes Duineser Briefmappe, die vor kurzem nach Marbach gelangt ist.
Für Lesungen und Gespräche im Deutschen Literaturarchiv zahlen Literaturfreunde an der Abendkasse 5,- Euro (ermäßigt: 3,- Euro), während Mitglieder der Deutschen Schillergesellschaft ermäßigten Eintritt haben.

