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2006
PM 48/2006
Gottfried »Benns Doppelleben oder Wie man sich selbst zusammensetzt«: Im 50. Todesjahr widmet Marbach dem Dichter eine kleine Ausstellung
Marbach, 04. Juli 2006 —
»Unser Kulturkreis begann mit Doppelgestalten. Sphinxen, Zentauren, hundsköpfigen Göttern, und befindet sich mit uns in einer Kulmination von Doppelleben: wir denken etwas anderes als wir sind«, schreibt Gottfried Benn (1886–1956). Im 50. Todesjahr des Dichters nähert sich das Deutsche Literaturarchiv Marbach seinem Leben und Werk mit einer kleinen Ausstellung, in deren Mittelpunkt das Manuskript seiner Autobiografie »Doppelleben« (1950) steht. »Benns Doppelleben oder Wie man sich selbst zusammensetzt«, so der Titel der Ausstellung, ist vom 7. Juli bis zum 27. August im Literaturmuseum der Moderne zu sehen und präsentiert neben prominenten und bisher unbekannten Dokumenten von Benn auch Autografen von Else Lasker-Schüler, Klaus Mann, Börries von Münchhausen und F.W. Oelze.
Gleich zweimal in seinem Leben hat Benn seine Autobiografie entworfen: 1934 unter dem Titel »Lebensweg eines Intellektualisten« für den Essay-Band »Kunst und Macht« und 1949 als »Doppelleben«. Beide Male wird Benn von seinen Verlegern zu dieser Arbeit gedrängt. Seine Memoiren entstehen unter Rechtfertigungsdruck, besonders die von 1949: Viele Leser fragen sich, warum er nach Hitlers Machtübernahme für anderthalb Jahre mit den Nazis gemeinsame Sache gemacht hat. Im Gegensatz zu vielen Generationsgenossen verschweigt Benn seine faschistische Phase nicht; stattdessen schneidet er seinen »Lebensweg« aus dem alten Buch und inszeniert sich als ›Intellektualist‹ neu. Die Autobiografie »Doppelleben« wird einer der großen literarischen Erfolge des Jahres 1950.
Die Marbacher Leseausstellung konzentriert sich ganz auf den Werdegang von Benns Autobiografie und ihre Herkunft aus einer Dichterwerkstatt, in der nicht nur mit Kuli und Schreibmaschine, sondern auch mit Schere und Klebstoff gearbeitet wurde: Wie arbeitet Benn, wenn er sein Leben beschreibt? Was gibt er in der Autobiografie Doppelleben (1950) preis, und was verheimlicht er? Entsteht ein Leben überhaupt erst, wenn man es beschreibt? Ist man erst dann ein Ich, wenn man sich selbst zusammensetzt? In den fünf Vitrinen der Ausstellung werden das Manuskript, die Ausgaben der Autobiografie und Dokumente und Fotografien rund um die Entstehung der beiden autobiografischen Entwürfe gezeigt.
»Benns Doppelleben oder Wie man sich selbst zusammensetzt« ist die erste einer Reihe kleiner Leseausstellungen im neuen Literaturmuseum der Moderne, in deren Mittelpunkt die Genese eines Textes, einer Sprech- oder Bildformel oder auch einer Idee steht. Die nächste Ausstellung dieser Art ist im Herbst im Literaturmuseum der Moderne zu sehen: Sie gilt Karl Jaspers' unvollendetem Buch über Hannah Arendts Denkstil, das sich im Nachlass des Philosophen befindet (»Karl Jaspers: Das Buch Hannah«, 28. September bis 26. November 2006).
Weitere Informationen zu Gottfried Benn im Marbach 2006 finden Sie im Bereich Ausstellungen sowie in der Pressemitteilung 47/2006; Journalisten außerdem im Pressebereich.

