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2006

PM 32/2006

»Lilienthal 1801« oder die Zettelkästen: Bernd Rauschenbach und Joachim Kersten lesen in Marbach aus Arno Schmidts unvollendetem Roman

Marbach, 10. Mai 2006 —

»Die Welt der Kunst und der Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare.« Arno Schmidt (1914-1979), von dem dieser Satz stammt, lebte für die Literatur. Seine Methode, Wörter oder Sätze in Zettelkästen zu sammeln, aus ihnen Texte herzustellen und sie zu visualisieren, ist einzigartig in der deutschen Nachkriegsliteratur. Auch zu Schmidts letztem unvollendeten Roman »Lilienthal 1801 oder Die Astronomen« gibt es solche Vorarbeiten. Eine Auswahl aus den etwa 400 Notizzetteln zum Roman stellen am Mittwoch, 17. Mai, 20 Uhr, die Rezitatoren Bernd Rauschenbach und Joachim Kersten im Deutschen Literaturarchiv Marbach vor. Die Veranstaltung begleitet die Ausstellung »Arno Schmidt? – Allerdings!« im Schiller-Nationalmuseum und kostet 5,- (ermäßigt 3,-) Euro Eintritt.

»Lilienthal 1801 oder Die Astronomen« sollte Arno Schmidts größter Roman werden, gegen den »Zettel´s Traum« nur eine Handübung sei, wie Schmidt selbst sagte. Über 1500 DIN-A-3-Seiten sollte er umfassen, in vier Spalten gesetzt sein und an drei oder vier Tagen spielen – in Lilienthal, einem Dorf nordwestlich von Bremen, wo der Astronom Schröter damals das größte Fernrohr des europäischen Festlands besaß und umfangreiche Mondforschungen betrieb. Fragen der Zeitgeschichte wären unter den handelnden Personen besprochen worden, ebenso wie solche der Philosophie und des Alltagslebens. Über 20 Jahre gedanklicher und praktischer Vorarbeiten hatte Schmidt geleistet, das Thema verworfen und wieder aufgenommen. Als er, ermuntert von seinem Förderer Jan Philipp Reemtsma, das Werk endlich angehen wollte, ereilte ihn kurze Zeit später der Tod.

Bernd Rauschenbach, geboren 1952, studierte Germanistik und Bibliothekswissenschaft und lebt heute als geschäftsführender Vorstand der Arno Schmidt Stiftung in Eldingen bei Bargfeld, wo er mit Joachim Kersten, Jahrgang 1946, Rechtsanwalt und Justitiar der Stiftung, zusammenarbeitet. Beide haben sich als Autoren, Rezitatoren und Herausgeber einen Namen gemacht.