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2006

PM 37/2006

Was von einem literarischen Jahrhundert übrig bleibt: Am 6. Juni eröffnet Bundespräsident Horst Köhler die Dauerausstellung im Literaturmuseum der Moderne

Marbach, 07. Juni 2006 —

Die Dauerausstellung im Literaturmuseum der Moderne zeigt zum

ersten Mal in großem Umfang das, was von einem Jahrhundert wie dem 20.

im Gedächtnis des Marbacher Literaturarchivs erhalten geblieben ist:

Unmengen von Papier, manches davon von unschätzbarem kulturellen Wert,

wie die Manuskripte von Kafkas Proceß, Schwitters Anna Blume, Döblins

Berlin Alexanderplatz, Hesses Steppenwolf, Kästners Emil und die

Detektive, Rilkes Laurids Malte Brigge und Heideggers Sein und Zeit.

 

Die Dauerausstellung trennt deutlich zwischen Literatur und Leben,

zwischen den Baustellen der Phantasie und den Resten des gelebten

Lebens. Während sie in einem Raum (stilus) die Besucher auf

spielerische Weise zum Lesen und Verstehen kurzer literarischer Texte

einlädt, stellt sie im größten Ausstellungsraum (nexus) die originalen,

einzigartigen Dinge des Archivs in den Vordergrund: kleine, oft

unscheinbare und nicht immer leicht verständliche Dinge, die von ihren

Betrachtern Zeit fordern, Aufmerksamkeit, Bereitschaft zur Anstrengung,

Ruhe, Lust auch am Flanieren und Suchen, Stöbern und Denken. Im

kleinsten Raum der Dauerausstellung (fluxus) wechseln die Exponate

mehrmals jährlich. Hier präsentieren prominente Kuratoren ihre aktuelle

persönliche Literatur: Lieblingsbücher, ungelesene Texte, Fundstücke

aus dem eigenen Archiv.

 

Stilus stellt das Material der Literatur in den Mittelpunkt: Zeichen,

Buchstaben, Wörter und Worte, Schreibstile, Sprech- und Denkformeln –

das, was die Schönheit der Literatur ausmachen kann und was jeder

erkennt, wenn er es einmal weiß.

Im Mittelpunkt von nexus stehen die historischen, stillen und

unbewegten Materialien des Archivs: über 1.300 Entstehungs- und

Rezeptionszeugnisse der Literatur, Briefe, Dokumente und persönliche

Gegenstände ihrer Autoren. Die Ausstellung atmet mit dem Archiv, die

Exponatauswahl verändert sich im Rhythmus von dessen Erwerbungen und

Entdeckungen.

 

In nexus sind verschiedene, sehr unterschiedliche Wege möglich: Die

Besucher können flanieren, sich treiben lassen, einfach nur schauen,

aber auch wenige Objekte aussuchen und konzentriert lesen oder nur

Objekte eines Autors, einer Zeit oder mit bestimmten Eigenschaften

ansehen. Es gibt einen einfachen Weg mit Kostbarkeiten, vier zwischen

20 und 45 Minuten lange, kreuz und quer leitende Audioführungen für

unterschiedliche Besuchertypen (für Eilige, Schaulustige, Kinder,

Leser) und unendlich viele Nebenwege durch die Papierschichten und

historischen Ablagerungen des Archivs. Den einen ›objektiv richtigen‹

Weg gibt es nicht, der Einsicht zuliebe, die gerade die

Auseinandersetzung mit Literatur lehren kann: Konsequente, in sich

stimmige Sichtweisen und Lesarten

 

existieren in ästhetischen Systemen nebeneinander. Sie schließen sich nicht aus, sondern bereichern einander.

Ein eigens für das neue Museum entwickeltes multimediales

Museumsführungssystem (M3) hilft den Besuchern bei ihrer

Entdeckungsreise durch dieses unterirdische, pragmatische Reich der

Literatur. Der sich im Raum verortende M3 begleitet die Besucher durch

alle Räume der Ausstellung, besitzt in jedem Raum eine spezifische

Funktion, ist Navigations-, Informations-, Dokumentations- und

Führungssystem, Bestandsverzeichnis aller Exponate und Schlüssel zu

allen audiovisuellen Exponaten und interaktiven Installationen.

 

Der Katalog zur Dauerausstellung ist ein Begleitbuch, das in seiner Art

neu ist – neu nicht zuletzt für Marbach: Sechs Essays oder »Denkbilder«

umkreisen anfangs den Gedanken der Geburt eines Literaturmuseums aus

dem Geist des Archivs. Sie legen keine ›Linie‹ fest, riskieren den

Widerspruch um des Vergnügens willen, eine subjektive Meinung zu haben

und ein bestreitbares Argument zu formulieren. Daran schließen sich 35

»Schaustücke« an: Autopsien eines Archivstücks aus nexus. Jedes Objekt

ruft nach seiner Beschreibung, jedes Exponat will seine eigene

Geschichte. Mit Beiträgen von Marcel Beyer, Adolf Endler, Robert

Gernhardt, Durs Grünbein, Christoph Hein, Dieter Henrich, Brigitte

Kronauer, Günter Kunert, Sibylle Lewitscharoff, Jürgen Manthey, Martin

Mosebach, Lothar Müller, Ernst Osterkamp, Beat Wyss und vielen anderen.

 

 

Marbacher Katalog 60: Denkbilder und Schaustücke. Das Literaturmuseum

der Moderne. Herausgegeben vom Deutschen Literaturarchiv Marbach. 260

Seiten, zahlreiche farbige Abb. Broschiert. Euro 2o,-. ISBN-10: 

3-937384-19-7 / ISBN-13: 978-3-937384-19-1. Marbach a. N.: Deutsche

Schillergesellschaft, 2006.

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Rede_Bundespraesident_15.pdf
Rede_Direktor_Eroeffnung_060606_15.pdf