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2006

PM 56/2006

Zwischen Fronteinsatz, Propagandakrieg und Diplomatie: Der sechste Band des Tagebuchs von Harry Graf Kessler wirft einen neuen Blick auf die Geschichte des Ersten Weltkriegs

Marbach, 27. Juli 2006 —

Im Stuttgarter Verlag Klett-Cotta ist jetzt ein weiterer der insgesamt neun Bände des Tagebuchs von Harry Graf Kessler erschienen: Band VI dokumentiert die Jahre 1916 bis 1918 und zeichnet ein eindrucksvolles Bild der Zeit des Ersten Weltkriegs. Herausgegeben wurde der etwa 700 Text- und 200 Registerseiten starke Band von Günter Riederer unter Mitarbeit von Christoph Hilse.

Band VI beginnt mit Kesslers erster Reise in die Schweiz, wo er im Auftrag des Auswärtigen Amtes an der Gesandtschaft in Bern die deutsche Kulturpropaganda im neutralen Ausland organisiert. Aufgrund seiner exzellenten Kontakte gelingt es Kessler, Berühmtheiten der damaligen Konzert- und Bühnenwelt in die Schweiz zu locken: Im November 1916 gibt der Dirigent Arthur Nikisch einige Konzerte in verschiedenen schweizerischen Städten, Kessler organisiert ein Gastspiel von Max Reinhardt und seinem Ensemble und lädt Richard Strauss zu mehreren Auftritten ein. Bern wird dabei als Tummelplatz der internationalen Spionage beschrieben, ausführlich berichtet das Tagebuch über Intrigen und gescheiterte Geheimverhandlungen mit dem französischen Kriegsgegner. Darüber hinaus besucht Kessler in seiner neuen Funktion mehrmals das Große Hauptquartier und liefert eindrucksvolle Porträts der deutschen militärischen Führung um Hindenburg und Ludendorff. Im Sommer 1918 ist Kessler in Berlin an der Aushandlung der deutsch-russischen Zusatzverträge zum im März unterzeich-neten Frieden von Brest-Litowsk beteiligt und trifft dabei erstmals mit Gustav Stresemann zusammen. Am 9. November 1918 wandert er als Flaneur durch das revolutionäre Berlin und entwirft in seinen Tagebucheinträgen ein eindringliches und dichtes Panoramabild der Revolution. Höhepunkt des Bandes ist die Schilderung seiner Tätigkeit als erster deutscher Gesandter in Polen, die Kessler Mitte November 1918 aufgenommen hatte, und die bereits vier Wochen später mit seiner Ausweisung ein jähes Ende fand.

In den Aufzeichnungen Kesslers spiegeln sich nahezu alle wichtigen Ereignisse des Ersten Weltkrieges wieder. Im Mittelpunkt stehen zudem Begegnungen mit Zeitgenossen wie Johannes R. Becher, Matthias Erzberger, Georges Grosz, John Heartfield, Wieland Herzfelde, Annette Kolb, Ludwig Stein, Gustav Stresemann und Theodor Wolff. Kesslers Weltkriegstagebuch ist eine faszinierende Quelle, welche die Forschung zum Ersten Weltkrieg beinflussen und bereichern wird.


Harry Graf Kessler: Das Tagebuch. Hrsg. von Roland S. Kamzelak und Ulrich Ott. Bd. 6: 1916-18. Hrsg. von Günter Riederer unter Mitarbeit von Christoph Hilse, Klett-Cotta, 2006. 963 Seiten. Leinen 58,- (Einzelpreis), 49,- (Subskriptionspreis).

Harry Graf Kessler. Foto: DLA Marbach.