Pressemitteilungen
2006
PM 59/2006
Das Deutsche Literaturarchiv Marbach zeigt eine seiner schönsten
Sammlungen: »Cottas Tischbein«. Zeichnungen nach Antiken von
Johann Heinrich Wilhelm Tischbein
Marbach, 28. August 2006 —
Nach langwierigen Verhandlungen ging 1819 ein grafisches Konvolut Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins (1751–1829) in den Besitz des Stuttgarter Verlegers Johann Friedrich Cotta über. Es umfasst rund 250 Blätter mit Skizzen, zum Teil farbigen Zeichnungen und illuminierten Kupferstichen nach Vorlagen antiker Skulpturen, Gemmen und Vasen. Der »Goethe-Tischbein« hatte als Direktor der Akademie der Schönen Künste in Neapel an der Herausgabe zweier Prachtwerke gearbeitet: Collection of Engravings of Ancient Vases (4 Bde., Neapel 1791-1803) und Homer nach den Antiken gezeichnet (ab 1801). Bei seiner Flucht aus Italien vor Napoleons Truppen 1799 nahm er seine Studien und Kupferplatten mit nach Deutschland.
Cotta hatte beim Ankauf der Tischbein’schen Materialsammlung die Fortsetzung der beiden Werke im Sinn. Das Vasenwerk wurde jedoch aufgegeben, da bereits einige der Vasen unautorisiert publiziert worden waren. Vom Homer nach Antiken gezeichnet erschienen zwischen 1801 und 1823 insgesamt neun Hefte. Das Konvolut blieb im Verlagsarchiv, das 1952 als Depositum und 1961 als Stiftung der Stuttgarter Zeitung dem damals neu gegründeten Deutschen Literaturarchiv übergeben wurde. Wohl verwahrt in Grafikschränken und nur gelegentlich in kleinen Teilen gezeigt, führte es bislang ein Schattendasein. Vom 7. September bis zum 22. Oktober werden nun herausragende Blätter aus dem einmaligen Bestand in den beiden großen Wechselausstellungsräumen des Literaturmuseums der Moderne gezeigt.
Die Ausstellung führt in die Zeit des Klassizismus und schlägt ein Kapitel der Wissenschaftsgeschichte auf: Tischbein und der legendäre Vasensammler Hamilton wiesen durch ihr gemeinsames Werk nach, dass die in Unteritalien gefundenen Vasen tatsächlich griechischer Herkunft waren. Die Reproduktionen dienten auch als Musterbuch für Innendekoration und Gebrauchskunst. In erster Linie jedoch prägten die antiken Darstellungen die kollektive Vorstellung von der Götterwelt der Alten. Die Ausstellung zeigt, wie Tischbein in der Auseinandersetzung mit den Vorbildern seine und unsere idealen Bilder der Antike fand.
»Cottas Tischbein« wird am 6. September eröffnet. Dr. Gudrun Körner führt um 19 Uhr im Literaturmuseum der Moderne in die von ihr kuratierte Ausstellung ein. Anschließend an die Besichtigung diskutieren Andreas Platthaus, Feuilletonredakteur der FAZ und ausgewiesener Comic-Kenner, und Werner Busch, Professor der Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin, über Tischbeins Antiken-Zeichnungen: Augenweide oder Comicstrip, Schaulust oder Lesekost? Das Gespräch findet im Humboldtsaal des Deutschen Literaturarchivs statt.
Die Wechselausstellung »Cottas Tischbein« wurde verlängert und ist bis einschließlich 28. Januar 2007 im Literaturmuseum der Moderne zu sehen.

