Pressemitteilungen
2006
PM 70/2006
Marbacher Dekalog: »Literaturen«-Chefredakteurin Sigrid Löffler zeigt im Literaturmuseum der Moderne am Donnerstag zehn ausgewählte Bücher
Marbach, 08. Oktober 2006 —
Mehrmals jährlich präsentieren prominente Kuratoren im kleinsten Raum der Dauerausstellung des Literaturmuseums der Moderne (LiMo) ihre aktuelle persönliche Literatur: Lieblingsbücher, ungelesene Texte, Fundstücke aus dem eigenen Archiv. Nach dem Verleger Klaus Wagenbach erinnert von kommendem Donnerstag, 12. Oktober, 19 Uhr, an Sigrid Löffler, Chefredakteurin der Zeitschrift »Literaturen«, an ihre zehn unverzichtbaren literarischen Begleiter. Den für Marbach erstellten Dekalog erweitert sie noch um ein elftes Gebot: Du sollst wiederlesen! Bei der Eröffnung der zweiten fluxus-Ausstellung am Donnerstag ist die Kuratorin anwesend; es moderiert Dr. Jan Bürger, Mitarbeiter des Literaturarchivs. Der Eintritt in die Veranstaltung ist frei.
Sigrid Löffler, vielen auch als Gründungsmitglied des ›Literarischen Quartetts‹ bekannt, nimmt in ihrer Auswahl auf die aktuellen Diskussionen um einen literarischen Kanon Bezug: Der Kanon, so zitiert Sigrid Löffler den Schriftsteller John Milton, umfasst einerseits jene Bücher, die von den Schriftstellern am Leben erhalten werden, indem sie sich in ihren eigenen Werken darauf beziehen. Kanonisch sind anderseits aber auch Bücher, mit denen sich Autoren auseinandersetzen, um sie durch ihre eigenen Werke zu revidieren, zu untergraben, zu erledigen, zu ersetzen, ungeschehen zu machen, zu überbieten.
In Marbach will Löffler weder eine weitere Rangliste der Weltliteratur aufstellen noch eine selbstverliebte, subjektivistische Hitliste mit persönlichen Vorlieben. Vielmehr macht die Literaturkritikerin den Lesern Vorschläge – ohne kanonischen Anspruch. Sie erinnert an Werke, die schon früh Themen aufgreifen, die noch heute aktuell sind: Dazu gehören der religiöse Fanatismus (Julien Green) ebenso wie die Selbstneurotisierung Europas durch die Zwangsvorstellung (»Die Barbaren kommen«: Dino Buzzati), die Chancen einer Konkordanz zwischen europäischer und islamisch-orientalischer Kultur (Jan Potocki) oder amerikanischer und europäischer Kultur (Glenway Wescott), die Folgen des Kolonialismus am Beispiel des amerikanischen Landraubs an den Indianern (T. C. Boyle) und der Kampf um weibliche Selbstbestimmung (Elfriede Jelinek) sowie die Wiederkehr des Verdrängten am Beispiel der NS-Verbrechen (Thomas Bernhard, W. G. Sebald). Gehuldigt wird auch zwei Geniestreichen, in denen die Romanform voll Witz und Humor dekonstruiert, aufgebrochen und neu erfunden wird: Laurence Sternes Roman »Tristram Shandy« (1760) und Italo Calvinos »Wenn ein Reisender in einer Winternacht« (1979). Alle zehn Werke hat Sigrid Löffler mit Lesespuren versehen. Sie gehören, so die Kuratorin, eher in einen Gegenkanon, als dass sie sich wirklich kanonisch klassifizieren lassen. Doch sie alle lohnen das Lesen und Wiederlesen – und bestätigen damit Löfflers elftes Gebot: »Du sollst wiederlesen!«
