Pressemitteilungen

2006

PM 80/2006

Dichterbilder und Denkerposen: Marbach zeigt im Schiller-Nationalmuseum die große Sonderausstellung »In der Geisterfalle. Ein deutsches Pantheon«

Marbach, 26. Oktober 2006 —

In den Kunstsammlungen des Deutschen Literaturarchivs Marbach werden über 150.000 Fotografien aufbewahrt: Fotos von Dichtern und Denkern aus über drei Jahrhunderten, Schnappschüsse und Familienalben aus deren Nachlass, auch offizielle Porträts von bekannten Künstlern, Zeugnisse des alltäglichen Lebens und Stimulanzien der Dichterverehrung.

In einer großen Ausstellung im Schiller-Nationalmuseum, dem »Pantheon des schwäbischen Geistes«, werden mehr als 500 von ihnen in 14 Kapiteln gezeigt. Kind und Tod – Leichte Übungen – Mitspieler – Warten, Lauern – Schwere – Schirmherrschaft – Doppelgänger – Vor Bild – Glanz und Dunkel – Kopf und Kra-gen – Schwerelos – Natürlichkeit – Das Unaussprechliche – Unterm Messer. 14 Geisterfallen – ausgelegt, um das zur Erscheinung zu bringen, was vom Genius eines Menschen sichtbar ist. Welche Bildklischees ergreifen von jemandem Besitz, wenn er sich als bedeutende Person fotografieren lassen möchte? Welche Sehgewohnheiten der Geisterjäger vor ihm inspirieren den Fotografen zu einer Finte? Was für Haken kann der Geist schlagen, um seinem Jäger durch die Lappen zu gehen und sich ihm nicht blind auszuliefern?

»Ein Hut von Stroh als Sommerzier, / Ein Dichterkragen von Papier, / Das himmelblaue Flattertuch, / Der Feldstuhl, das Notizenbuch, / Ein Bleistift Nr. 4 und endlich / Das Paraplü sind selbstverständlich«. Ohne dieses Zubehör kommt Balduin Bählamm, der dilettierende Musterpoet von Wilhelm Busch, so wenig aus wie die Dichter und Denker des Archivs. Ohne ihre klassischen Begleiter, ihre Kleidungsstücke und Assistenzkörper, wären sie als Geister nicht zu erkennen: ohne ihre Posen könnten sie sich als eindrückliche Individuen nicht definieren. Nichts ist so kunstvoll wie das vermeintlich wirklichkeitstreue, unverfälschte künstlerische Medium der Fotografie, nichts so wenig originell wie das von der Aura der Wahrhaftigkeit umflorte Genie.

Am Befund des Materials leuchten für die Betrachter im Vorübergehen die Ideen auf, die hinter den Bildern von großen Geistern stehen. Gewisse Körperhaltungen stimmen die inspirierenden Götter gewogen, bestimmte optische Effekte – Glanz und Dunkel, Rauch und Schwere – zeugen von besonderer Tiefe. »Als ich zwanzig Jahre alt war, saß ich häufig recht sehr nachdenklich am Tisch und schrieb Verse, wobei ich den Kopf in die Hand stützte, weil die Dichtkunst mitunter minutenlang stockte.« (Robert Walser) Die Lichtbilder des Geistes, die Ikonen der Tiefe, sind flach, nicht einmal hohl, in und hinter dem Fotopapier liegt nichts. Als Medium ernst genommen sind sie die äußerste Mauer der Wirklichkeit; weit entfernt von dem Traum, dass das Beste, was von einem Menschen bewahrt werden könne, die Bewegungen und Farben seiner Erscheinung seien, der berührende Klang seines Denkens, auch nur ein Lächeln oder seine Pausen zwischen zwei Sätzen. Manchmal jedoch zittert die makellose Fläche der Fotografien im Archiv. Sie bricht auf. Etwas anderes als das Abbild, der kleine, den Zufällen ausgelieferte Mensch selbst und nicht der Genius, kommt auf ihr zum Vorschein: »Scharfsinnend geht er hin und wider, / Bald schaut er auf, bald schaut er nieder. / Jetzt steht er still und ruft: ›Aha!‹ / Denn schon ist ein Gedanke da«. – Ein heiter-unterhaltsames, entlastendes und auch ergreifendes Panoptikum des menschlichen Geistes, der großen und auch der kleinen Geister.