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2006

PM 90/2006

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach erhält Raymond Klibanskys Nachlass - Der Philosoph war einer der größten Gelehrten des 20. Jahrhunderts

Marbach, 06. Dezember 2006 —

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach hat  den Nachlass des kürzlich verstorbenen Philosophen Raymond Klibansky (1905-2005) erhalten. Die Papiere und Korrespondenzen, die als Stiftung der Familie nach Marbach gelangten, bezeugen eine außergewöhnliche Lebensgeschichte: Klibansky wurde 1905 als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Paris geboren und studierte ab 1921 in Heidelberg. Er traf dort auf Gelehrte wie Karl Jaspers und Alfred Weber, Friedrich Gundolf und Ernst Kantorowicz, deren intellektuelle Wirkung weit über das akademische Milieu hinausreichte. Er verkehrte im Salon von Marianne Weber, Klaus und Golo Mann gehörten zu seinem Freundeskreis, und Paul Oskar Kristeller, der große Ideenhistoriker der Renaissance, war sein Kommilitone. Früh trat Klibansky in eine intensive Arbeitsbeziehung zu Ernst Cassirer und Aby Warburg. Warburgs Programm einer allgemeinen Kulturwissenschaft und Cassirers Forschungen zur Vorgeschichte der neuzeitlichen Philosophie und Wissenschaft wurden für ihn selbst als Wissenschaftler wegweisend.

Aus den in Marbach eingetroffenen Korrespondenzen lassen sich Klibanskys intensive und erfolgreiche Bemühungen um die Rettung von Warburgs einzigartiger Kulturwissenschaftlicher Bibliothek nach 1933 ebenso rekonstruieren wie seine Exiljahre in England, wo er während des Kriegs für den britischen Geheimdienst arbeitete. Dokumentiert sind seine philosophiegeschichtlichen Entdeckungen und seine vielfältigen Lehrämter nach 1945, die ihn nach Oxford, Montreal und Paris führten, wo er, als weltweit anerkannter Gelehrter und langjähriger Präsident des Internationalen Instituts für Philosophie, ein weltweites Korrespondenznetz knüpfte. Der Forschung stehen in Marbach nun neben seinen Materialien, Entwürfen und Manuskripten über Meister Eckhart, Cusanus und David Hume auch die Vorarbeiten und Urschriften jener beiden Bücher zur Verfügung, die ihn in Deutschland vor allem bekannt gemacht haben: sein zusammen mit Erwin Panofsky und Fritz Saxl verfaßtes kulturhistorisches Standardwerk »Saturn und Melancholie« (1964, deutsch: 1990) und seine Autobiographie »Erinnerungen an ein Jahrhundert. Gespräche mit Georges Leroux« (2001).

Foto: DLA Marbach