Pressemitteilungen
2006
PM 94/2006
»... dem es wie Hölderlin ergangen ist«: Das neue Marbacher Spuren-Heft 74 beschreibt Jakob van Hoddis' Aufenthalt in Tübingen
Marbach, 18. Dezember 2006 —
Hans Davidsohn, der sich Jakob van Hoddis nannte, wurde berühmt durch ein einziges Gedicht: ›Weltende‹. Am 11. Januar 1911 erschien das kleine Poem in der Zeitschrift ›Der Demokrat‹, wenige Tage später war es in aller Munde: »Diese zwei Strophen, diese acht Zeilen schienen uns in andere Menschen verwandelt zu haben« (Johannes R. Becher).
Während ›Weltende‹ eine Art Manifest des deutschen Expressionismus blieb – es ist der Eröffnungstext der legendären Anthologie ›Menschheitsdämmerung‹ -, geriet der Autor bald in Vergessenheit. Erste Anzeichen einer Psychose brachten Davidsohn bereits 1912 in stationäre Behandlung, ab 1915 war er definitiv ein Pflegefall, den die Mutter in wechselnden Privathaushalten zur Betreuung unterbrachte. Von 1922 an lebte Jakob van Hoddis in Tübingen unter der Obhut des Gastwirt-Ehepaares Julius und Sophie Dieterle, im Juni 1927 wurde er in die Tübinger Universitätsklinik für Gemüts- und Nervenkrankheiten eingeliefert. Nach wenigen Wochen erfolgte die Überweisung in eine Göppinger Privatklinik. Diagnose: »Schizophrener Endzustand«.
Das neue Heft der Marbacher Reihe ›Spuren‹ zeigt, wie schon die Zeitgenossen das zerbrochene Leben des Jakob van Hoddis in Analogie zum Schicksal eines anderen Tübinger Psychiatriepatienten und »Pflegsohns« deuteten: Friedrich Hölderlin. Vor diesem Hintergrund legt es dar, welche Verbindungslinien zwischen moderner Lyrik, Hölderlin-Rezeption und »verstehender Psychiatrie« im frühen 20. Jahrhundert bestanden.
Das expressionistische Jahrzehnt ist die Zeit der Wiederentdeckung Hölderlins. Mit den Anfängen avantgardistischer Poetik entsteht ein Verständnis für die extrem unkonventionelle Sprache der späten Hölderlin-Hymnen. Zugleich beginnt damals eine neue Phase des Austauschs zwischen Psychiatrie und Literatur, in der die Dichter massiv »Irre« und »Umnachtete« zu Helden ihrer Texte machen, während die Ärzte die spezifische Kreativität von Geisteskranken untersuchen und erstmals zu würdigen versuchen.
Obwohl die Tübinger Psychiatrie unter dem Chefarzt Robert Gaupp eine Vorreiterrolle in diesem Prozeß spielte, wurde dem kleinwüchsigen Dichter Davidsohn keine besondere Aufmerksamkeit zuteil. Nach Jahren der Unterbringung in der jüdischen Pflegeanstalt Sayn-Bendorf wurde Jakob van Hoddis 1942 von den Nationalsozialisten in einem der Vernichtungslager auf polnischem Gebiet ermordet.
Das Spuren-Heft 74 können Sie online in unserem Shop bestellen.
Manfred Koch: »... dem es wie Hölderlin ergangen ist«. Jakob van Hoddis in Tübingen, SPUREN 74, 16 Seiten, 18 Abbildungen, Geheftet. Umschlag aus Pergamin, € 4,50, ISBN-10 3-937384-17-0, ISBN-13 978-3-937384-17-7
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