Pressemitteilungen

2006

PM 97/2006

Korrespondent für Cotta in Europas Metropolen: Der neunte Band der Marbacher Bibliothek erzählt von Paris und London im 19. Jahrhundert

Marbach, 20. Dezember 2006 —

Spätestens seit Siegfried Kracauers »Jacques Offenbach«, Friedrich Sieburgs »Gott in Frankreich« und Walter Benjamins »Passagenwerk« gilt Paris in Deutschland als »Hauptstadt des 19. Jahrhunderts«. Und tatsächlich legten deutsche Zeitungs- und Zeitschriftenverleger im 19. Jahrhundert auf eine regelmäßige Berichterstattung aus der Metropole großen Wert, wobei hier Johann Friedrich Cottas »Augsburger Allgemeine Zeitung« und sein 1807 gegründetes »Morgenblatt für gebildete Stände« Maßstäbe setzten.

»Was ich aber besonders wünschte«, gab Cotta 1799 August Campe mit auf den Weg nach Paris, »das sind Gemälde über den sittlichen u. CulturZustand, vile Künste und Wissenschaften, Luxus, besonders in Vergleichung mit altem Paris, einen kleinen tableau von Paris nach Mercier, Handel, GeldWucher, SpeculationsGeist, kurz alles, was das grosse Publicum in Hinsicht auf einen so wichtigen Punkt interessieren kan – also auch Schilderung der wirklichen handelnden Personen; Privatbetragen derselben p.p.«.

»Sittengemälde« dieser Art, eindrucksvolle Korrespondentenberichte und Stadt-beschreibungen erreichten den Tübinger Verleger auch aus London, Hamburg, Lyon, Genf, Rom, St. Petersburg und New York. Zehn »Tableaux« aus Paris und London versammelt der diesjährige und neunte Band der Marbacher Bibliothek. Sie stammen aus der Feder der Korrespondenten Eduard Kolloff (Paris) und Woldemar Seyffarth (London), die für Cotta mehrere Jahrzehnte lang aus den europäischen Metropolen berichteten und deren Feuilletons eine neue Form der Berichterstattung mitbegründeten. Die von Bernhard Fischer ausgewählten und mit einem Nachwort versehenen Texte werden von dem Schriftsteller Peter O. Chotjewitz abgerundet, der von seinen Erfahrungen mit Paris und London im 20. Jahrhundert erzählt.

Von 1834 an lieferte der Kunsthistoriker Eduard Kolloff unterhaltsame Reportagen, Rezensionen, »Tableaux« und »Sittengemälde« aus Paris. Kolloff, der Deutschland aus politischen Gründen den Rücken gekehrt hatte, schrieb für Cottas »Morgenblatt« und die »Allgemeine Zeitung«, verkehrte im Kreis der deutschen Demokraten und gehörte zur Umgebung Ludwig Börnes. Mit seinen Stadtansichten begann eine neue Epoche der Paris-Berichterstattung, die sich die Darstellung veränderter Lebensformen im Nachbarland bemühte und damit neben die herkömmlichen »Korrespondenz-Nachrichten« trat.

Aus London erreichten Woldemar Seyffarths Korrespondenzen Cottas »Morgenblatt«: Der gebürtige Weißenfelser, der sich nach vielen Reisen als Privatgelehrter in London niedergelassen hatte, schrieb zwischen 1834 und 1850 Hunderte von Artikeln über die städtische Lebensform und die Vergesellschaftung des Lebens, über Schauplätze, Sitten und Lebensgewohnheiten. Fünf seiner Texte aus den Jahren zwischen 1835-1837 bringt die Marbacher Bibliothek neu heraus.

Warum interessierten sich deutsche Leser so sehr für das Leben in den Großstädten der Nachbarn? Eine Antwort darauf gibt das Nachwort von Bernhard Fischer, das einen anderen Beiträger aus Cottas »Morgenblatt« zitiert: »So lange wir in Deutschland kein London und Paris haben, werden diese Städte immer unsre Neugier beschäftigen und befriedigen. Es liegt ein Zauber in den großen Städten, in dem öffentlichen Leben, das sich hier zusammendrängt und all seine Talente, Tugenden und Laster, all seine Reichthümer und sein Elend auslegt.«


Woldemar Seyffarth/Eduar Kolloff: Tableaux von London und Paris aus Cottas »Morgenblatt«. Hg. von Bernhard Fischer. Mit einem Essay von Peter O. Chotjewitz. 2006. 169 Seiten. Pappband mit Schutzumschlag. Deutsche Schillergesellschaft, Marbach am Neckar (Band 9 der Marbacher Bibliothek). 18,– Euro. ISBN-13: 978-3-937384-26-9 / ISBN-10: 3-937384-26-x.