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2007
PM 021/2007
Das Literaturmuseum der Moderne in Marbach zeigt von Sonntag an eine neue Ausstellung: »Hans Magnus Enzensberger: WortSpielZeug.«
Marbach, 25. März 2007 —
Seit Juni 2006 hängt Enzensbergers Poesieautomat, eine Leihgabe der Sammlung Würth, im Literaturmuseum der Moderne und lädt den Besucher zum Spiel mit Worten ein. Nun hat der Schriftsteller, Medienkritiker, Übersetzer, Theoretiker und Buchstabenjongleur 18 neue Wortspielzeuge entworfen, die den Besucher zu Wort- und Glücksspielen animieren. Sie sind Poesie ohne Papier, Literatur zum Anfassen, zum Schieben, Kugeln und Klingeln. Die 18 Objekte werden vom 25. März an bis einschließlich 6. Mai im Literaturmuseum der Moderne in Marbach am Neckar gezeigt.
Enzensberger, geboren 1929, ist Medienkritiker, Theoretiker, Übersetzer, Vermittler, Weltgeist auf Achse und als Autor schwer fassbar. »Vor gut fünfundzwanzig Jahren war mir ausnahmsweise langweilig zumut. Die politische Bewegung hatte sich in Katzenjammer, Sektiererei und Gewaltphantasien aufgelöst, und meine langfristigen literarischen Projekte kamen nicht recht voran. Ich zog mich auf gewisse Sprach- und Denkspiele zurück, die den Vorrang des Obsessiven hatten«, schreibt Hans Magnus Enzensberger in seiner »Einladung zu einem Poesieautomaten« (1999). Der Poesieautomat ist, wie auch die neuen 18 WortSpielZeuge, ein Ergebnis seiner Verwunderung über die Sprache: »An unserem Umgang mit der Sprache ist etwas eigentümlich Unpersönliches, so als würfe ihr Mechanismus seine Ergebnisse hinter dem Rücken derer aus, die sie sprechen. Die Linguisten arbeiten seit einem halben Jahrhundert daran, die mathematischen Strukturen ausfindig zu machen, die für jenen fremden, unpersönlichen Anteil an unseren Produktionen verantwortlich sind; aber es sieht ganz so aus, als kämen sie damit niemals an ein Ende.«
Auch für die Dichter ist der »hartnäckige Rest« der Sprache eine Ressource, mit der sie arbeiten: »Schon eine so vertraute Spielfigur wie der Reim kann unerwartete Wirkungen hervorbringen, die nicht nur den Leser, sondern auch den Verfasser überraschen«, schreibt Enzensberger in seinem »Waschzettel zu einer Ausstellung«. Ihn selbst reizt das Experiment, die Zweidimensionalität des Blattes zu verlassen und dreidimensionale Maschinen zu konstruieren. »Ich könnte mir Gedichte denken, aus Wörtern, die vibrieren ... Mit Text bedeckte Alltagsgegenstände und Werkzeuge: Telefone, Stopfpilze, Äxte und Löffel ...«
18 Literatur-Objekte Enzensbergers wurden inzwischen gebaut. In Marbach laden sie die Besucher zu einer ebenso spielerischen, hintergründigen, intellektuellen wie anregenden Auseinandersetzung mit Worten, Texten und Mehrsinnigkeiten ein: Eine »Schlangenbeschwörung«, eine »Idiomatische Maschine«, ein »Weltempfänger«, eine »Jalousie«, ein »Sägeblatt für Bakunin« und manches andere Wort-Ding. »Ob das Kunst ist, weiß ich nicht«, kommentiert der Autor seine Lust am Grenzgang zwischen Sprache und Alltagsgegenstand: »Es ist lange her, dass Jean Paul einem seiner ersten Werke einen schönen Titel gab: Er nannte es Belustigungen unter der Hirnschale einer Riesin. Die Riesin, mit der wir es hier zu tun haben, ist die deutsche Sprache.«Literarisch steht Enzensbergers Arbeit mit Buchstaben, Zahlen, Permutationen und Techniken der Operationalisierung in der Tradition poetischer Ordnungssysteme, die insbesondere in Anagrammen, Chronogrammen, Lipogrammen, Paronomasien und anderen Verfahren seit der Antike überliefert sind. Sie sind Ordnungsfaktor und zugleich eine Beschreibungsform, wie Stephan Krass im ausstellungsbegleitenden Marbacher Magazin »WortSpielZeug« darstellt. Als Autor, Literaturredakteur und Performance-Künstler ist Krass dieser Kunst besonders verbunden: So hat er für den Poesieautomaten ein Anagramm-Poem geschrieben, das mit den Texten Enzensbergers im Wechsel läuft.
Die in der Ausstellung gezeigten Objekte gehören der Sammlung Würth. Es existiert eine zweite Serie im Besitz von Hans Magnus Enzensberger. Die Ausstellung wird von einem gleichnamigen Marbacher Magazin begleitet, das Stephan Krass geschrieben hat und einen »Waschzettel zu einer Ausstellung« von Hans Magnus Enzensberger enthält.
Marbacher Magazin 117: WortSpielZeug. Von Stephan Krass. Mit einem Waschzettel zu einer Ausstellung von Hans Magnus Enzensberger. Deutsche Schillergesellschaft, Marbach am Neckar. 2006. 60 Seiten, zahlreiche, farbige Abbildungen, 9,– Euro. ISBN 10: 3-937384-24-3; ISBN 13: 978-3-937384-24-5.
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