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2008
PM 021/2008
»Das geheime Deutschland. Eine Ausgrabung«: Das Literaturmuseum der Moderne in Marbach zeigt vom 13. März an 190 Köpfe aus dem George-Kreis
Marbach, 11. März 2008 —
Ein petrifizierter Dichterstaat auf fragwürdigem Kunstniveau: So sieht eine der merkwürdigsten Erbschaften aus, die aus dem Kreis um den Dichter Stefan George (1868-1933) auf die Nachwelt gekommen ist. Vom 13. März bis zum 31. August 2008 zeigt das Literaturmuseum der Moderne (LiMo) in seiner neuen Ausstellung »Das geheime Deutschland. Eine Ausgrabung« rund 190 Porträtskulpturen. Die Köpfe, geschaffen, um große Einzelne zu verewigen, unterdrücken nur mühsam das Gesetz der Serialität. Zugleich sind sie Ausdruck einer ästhetischen Gemeinschaft, die sich über mehrere Jahrzehnte und Generationen hinweg dem Ziel verschrieb, einen »Staat« aus Dichtern und Künstlern zu bilden, ein »geheimes Deutschland« zu verkörpern.
Anhand einer Auswahl von Dokumenten, Fotografien und den Porträtskulpturen wird erstmals das bildnerische Erbe des George-Kreises in großem Umfang sichtbar. Zugleich erschließt die Konzentration auf die Plastik das ideengeschichtliche Potenzial dieser Gemeinschaft: Zwar war für jene Dichter, Wissenschaftler und Künstler, die sich in den zehner und zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts um George scharten, die Wirkung des Wortes, auch in seiner grafischen Gestaltung, von größter Bedeutung. Von 1913 an strebte der »Kreis« aber auch nach einem bildnerischen Ideal, das durch die stete Übung am Abbild des »Meisters« gefunden wurde.
Für die Idee der Plastik im George-Kreis stehen die Namen vor allem dreier Bildhauer: Ludwig Thormaehlen (1889-1956), Alexander Zschokke (1894-1981) und Frank Mehnert (1909-1943). Von diesen drei autodidaktischen Künstlern zeigt die Marbacher Ausstellung zahlreiche Werke. Das häufigste Sujet ist naturgemäß das Haupt des »Meisters«, doch auch Georges Schüler wurden abgebildet – unter ihnen die Literaturwissenschaftler Ernst Bertram und Friedrich Gundolf, der Jurist Ernst Morwitz und der Archäologe Erich Boehringer, die Historiker Ernst Kantorowicz und Percy Gothein sowie die Brüder Alexander, Berthold und Claus Graf Schenk von Stauffenberg.
Die Qualität dieser Skulpturen wirft eine Frage auf: Wie konnten sich formbewusste Sprachartisten und Philologen ersten Ranges mit den eher mittelmäßigen Kunstübungen dieser drei Bildhauer zufrieden geben? Eine Antwort geben die Kuratoren Ulrich Raulff und Lutz Näfelt im ausstellungsbegleitenden Magazin unter Hinweis auf Stefan Georges Platon-Lektüre in den Jahren 1910/11. Seitdem war für den Dichter die Idee des »plastischen Prinzips« lebendiger denn je. Mit der partiellen Weiterentwicklung seines Kreises zu einer Bildhauerschule trat George zu den Griechen: »So wurde in der George-Schule nicht nur zu einer bestimmten Kunst der Anschauung erzogen (George richtig sehen), sondern auch zu einer Kunst der verbalen Wiedergabe (George richtig beschreiben). Später, als das Plasten, anfangs eine Beschäftigung von Spezialisten (selbst wenn sie Autodidakten waren), geradezu endemisch wurde, kam ein dritter Ausbildungsgang dazu: George richtig bilden«, schreibt Ulrich Raulff in seinem Essay.
Dieses ideengeschichtliche Konzept stellt die Ausstellung in 13 thematischen Kapiteln dar, die einen historischen Bogen vom späten Kaiserreich bis weit über Georges Tod im Jahr 1933 schlagen. Die Dokumente und Fotografien betten die Idee des dargestellten Menschentypus in die verschiedenen Kreise und Unterkreise um George ein und verdeutlichen das philosophisch-ästhetische Programm. Angeordnet sind die Kapitel um einen sechs Meter breiten und 13 Meter langen Tisch, der eine Betrachtung der Skulpturen ermöglicht und den Besucher zu einem Rundgang einlädt. Die Schar jener Köpfe, die aus dem Besitz des Deutschen Literaturarchivs Marbach und der Stefan-George-Stiftung stammen, wird durch 40 Leihgaben aus privaten und öffentlichen Sammlungen, unter anderem der Universität Frankfurt am Main, dem Kunstmuseum in Magdeburg und dem George-Museum in Bingen am Rhein ergänzt.
Der Flyer zur Ausstellung
Journalisten finden weitere Informationen im Pressebereich.
Zur Ausstellung erscheint das Magazin 121:
Das geheime Deutschland. Eine Ausgrabung. Köpfe aus dem George-Kreis. Von Ulrich Raulff und Lutz Näfelt. Deutsche Schillergesellschaft, Marbach am Neckar, 2008. 124 Seiten, zahlreiche, zwei- und vierfarbige Abbildungen, ISBN978-3-937384-375. 14,- Euro. Gedruckt mit Hilfe der Geschwister Boehringer Ingelheim Stiftung für Geisteswissenschaften in Ingelheim am Rhein.
Foto: Claus von Stauffenberg als Modell für den ›Pionier‹, Foto mit hinzugefügten Maßen von Frank Mehnert, um 1937. Foto: Stefan George-Archiv, Stuttgart.

