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2008

PM 047/2008

»Unter dem breiten Dach des Hauses am Markte«: Das SPUREN-Heft 78 erzählt von Bertolt Brechts ›unwürdiger Greisin‹ in Achern

Marbach, 15. Mai 2008 —

Zwar stammte Bertolt Brecht nicht aus den »schwarzen Wäldern«, wie eines seiner frühen Gedichte, ›Vom armen B.B.‹, vermuten lässt; doch immerhin wurde sein Vater im badischen Städtchen Achern am Schwarzwaldrand geboren, wo der Großvater eine Steindruckerei betrieb. Dem jungen Brecht, der in Achern oft seine Ferien verbrachte, prägte sich dort die Großmutter am tiefsten ein. Karoline Brecht, geb. Wurzler, arbeitete in der Firma mit, besorgte den großen, kinderreichen Haushalt und kochte auch für die Gesellen und Gehilfen. Vor allem aber scheint es ihr gelungen zu sein, »unter dem breiten Dach des Hauses am Markte« einen Raum der Beheimatung zu schaffen, in dem auch der ansonsten so konfliktfreudige Brecht bereit war, politische und soziale Zwistigkeiten, wie er sie mit seinem Bruder Walter hatte, zu suspendieren. Dieser Großmutter hat Brecht mit der Kalendergeschichte ›Die unwürdige Greisin‹, die zweimal verfilmt wurde und noch heute in Lehrplänen und Lesebüchern einen festen Platz hat, ein Denkmal gesetzt.

Im neu erschienenen Heft der Marbacher Reihe SPUREN deckt Johannes Werner die autobiographischen Hintergründe dieser Kalendergeschichte auf. Werner zeigt, wie Brecht seine Acherner Erinnerungen auf die für ihn typische sozialexperimentelle Weise umarbeitete und seine Großmutter durch ‚Korrekturen’  ihrer Biographie als ›unwürdige Greisin‹ in seinen literarischen Kosmos integriert. Denn anders als das Leben Karoline Brechts war das der literarischen Figur nach dem Tode ihres Mannes von Selbstbestimmung, Konventionsbrüchen und sozialem Protest bestimmt.

SPUREN 78: Johannes Werner: Brechts ›unwürdige Greisin‹ in Achern. 2007. 16 Seiten, zahlreiche Abb. Geheftet. 4,50 Euro.  ISBN 978-3-937384-29-0