Pressemitteilungen
2008
PM 048/2008
Das Vorbild für Paul Celans »Sprachgitter«: Das SPUREN-Heft 80 widmet sich dem Sprechgitter des Pfullinger Klosters
Marbach, 15. Mai 2008 —
Die Spur aus dem schwäbischen Pfullingen führt zunächst weit weg – in die österreichische Hauptstadt Wien. Dort hält sich Paul Celan im Juni 1957 auf, als ihn eine Karte des Verlegers Günther Neske erreicht. Am selben Tag schreibt Celan sein Gedicht ›Sprachgitter‹. Das auf der Karte abgebildete Sprechgitter des ehemaligen Pfullinger Klosters gab den Anstoß zu einer poetischen, ja poetologischen Verdichtung von Erinnerungen an seinen ersten und bis dahin einzigen Wienaufenthalt: 1948, nach seiner Flucht aus Rumänien und erstmals in allein deutschsprachiger Umgebung, stellte sich für Celan das Problem neu, Gedichte für Leser zu schreiben, die auf der anderen Seite, der Seite der Täter, gestanden hatten.
Dieser Konflikt nahm in der Liebesbeziehung zu Ingeborg Bachmann exemplarisch Gestalt an: Das Paar, das sich 1948 im besetzten Wien fand, hatte Biographien, die grundlegend verschieden waren: die Philosophie studierende Tochter eines frühen Mitglieds der österreichischen NSDAP und der staatenlose Jude deutscher Sprache aus Czernowitz, der beide Eltern in einem deutschen Konzentrationslager verloren und selbst ein rumänisches Arbeitslager überlebt hatte.
Im neuen Heft der Reihe SPUREN zeigt die Celanforscherin und -herausgeberin Barbara Wiedemann, wie sorgfältig Celan das Foto aus Pfullingen ‚gelesen’ hat und wie nachdrücklich das Gedicht selbst den Leser aus Wien zurück nach Pfullingen führt: zur Gesprächssituation der mittelalterlichen Nonnen vor dem Sprechgitter, das als Rest des Klosters neben dem ehemaligen Haus des Neske-Verlages heute noch steht. Durch ihr Gelübde zum Schweigen verpflichtet, war den Nonnen Kommunikation nur am Gitter möglich. Damit war es immer auch ein behindertes Sprechen, das die Differenz zum Gesprächspartner aus der ‚Welt’ körperlich erfahrbar machte. Auch in Celans Gedicht gelingt Sprechen nur als gestörtes Sprechen, und für den Leser wird das Gedicht selbst zum Sprachgitter.
SPUREN 80: Barbara Wiedemann: Paul Celan und das Sprechgitter im Pfullinger Kloster. 2007. 16 Seiten, zahlreiche Abb. Geheftet. 4,50 Euro. ISBN 978-3-937384-36-8
