Pressemitteilungen
2008
PM 083/2008
»Wandernde Schatten«: Das Literaturmuseum der Moderne zeigt in einer großen Ausstellung den Nachlass des Schriftstellers W.G. Sebald (1944-2001)
Marbach, 19. September 2008 —
W. G. Sebald, der im Jahr 2001 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, hat den Glanz des beginnenden Weltruhms noch gesehen. Die sieben Jahre, die seither vergangen sind, haben diesem Schriftsteller ein unerhörtes Nachleben beschert. Kein anderer deutschsprachiger Autor hat sich in der Literaturgeschichte der jüngsten Zeit so schnell seinen Platz erobert wie er. Dabei ist Sebald, der von vielen wie süchtig Gelesene, zugleich ein Gegenstand weltweiter, intensiver Forschung, ein Autor für Leser wie für Literaturwissenschaftler. Worin liegt die Faszination des großen Melancholikers und Seelenfischers, den seine Anhänger mit Franz Kafka, Robert Walser und Walter Benjamin vergleichen? Was verrät sein Nachlass, den das Deutsche Literaturarchiv hütet, über den rätselhaften Autor, dessen Stimme schon zu Lebzeiten wie aus einem Totenreich zu kommen schien?
Zum ersten Mal werden diese Papiere, Bilder und Dinge in diesem Herbst in Marbach zu sehen sein. Im Mittelpunkt der Ausstellung »Wandernde Schatten. W.G. Sebalds Unterwelt«, die das Literaturmuseum der Moderne vom 26. September 2008 bis einschließlich 1. Februar 2009 zeigt, stehen die vier großen Prosawerke Sebalds »Schwindel. Gefühle.« (1990), »Die Ausgewanderten« (1992), »Die Ringe des Saturn« (1995) und »Austerlitz« (2001). Sie bestimmen auch das Bild von Sebalds Nachlass, der weniger eine persönliche Hinterlassenschaft ist als vielmehr das Zeugnis einer unablässigen Auseinandersetzung mit der Literatur der letzten drei Jahrhunderte.
Tatsächlich ist kein Nachlass wie der andere, jeder ist unverwechselbar und einzigartig. Doch selbst vor dem Hintergrund eines großen Archivs ist Sebalds Nachlass auffällig. Wie kaum ein anderer ist er das Korpus eines Autors, Werk und Werkstatt in einem. Sebalds Nachlass kennt keine Privatheit. Die Stücke, die man in ihm findet, sind ausnahmslos Dokumente aus der Lese- und Schreibfabrik, anfangs Stimulanzien der Assoziation des Schreibenden, später Teil der Konnotation eines Werks. Selbst Dinge und Fundstücke, die zunächst als Dokumente des Lebens erscheinen – Personalausweise, Blutspenderpass, Führerschein, ein Stück bemaltes Holz, ein vom Wasser flach geschliffener Stein, Brille, Rucksack und Fotoapparat –, werden gleichsam beseelt und in seine Texte hineinverwoben. So sind sie Reminiszenzen an die fiktive Welt ebenso wie Zeugnisse der realen, Medien der Metamorphose, Schwellen, an denen sich das Leben in Literatur verwandelt und zu Text wird, aber über die auch die Literatur ins Leben hinüberzugehen vermag, um als wirklich zu erscheinen, als wahr und gelebt.
Diese doppelte Ausrichtung der Dinge – Verweise aufs Leben wie auf die Literatur zu sein – ist der unverwechselbare, für Sebald spezifische Kern des Nachlasses. Er liefert zugleich das Leitmotiv der Ausstellung. Über einen Einführungsraum führt sie in acht Bildfeldern an Sebalds spezielle Sichtweise auf sich, auf die Literatur und die Welt heran. Hier wird der Blick des Besuchers geschärft für das, was im Hauptraum in extenso aufgeblättert und ausgelegt wird: die Architektur von Sebalds Schreibmaschinerie. Um ins Zentrum der poetischen Imagination dieses Schriftstellers zu gelangen, muss der Besucher bewusst den Weg der üblichen textgenetischen Ausstellung verlassen. Mit über 500 Exponaten und einem konsequent durch Sebalds vier große Erzählwerke geführten Verfahren der assoziativen Legung, des bald strengeren, bald freieren Spiels von Text und Bild werden die Besucher in den Sog der Sebaldschen Texträume verwickelt. Sebald ist ein kunstvoller Schicksalskonstrukteur und Geisterbeschwörer. Die Ausstellung zeigt, dass er auch ein Gedanken, Worte und Bilder sammelnder Glücksaufschläger ist, wie Goethe es einmal genannt hat: Er schlägt die Bücher da auf, wo sie ihn meinen. Die Gestaltung vervielfacht und bricht diese Verführung zur Verwicklung, zum Entdecken von Ähnlichkeiten.
Der Besucher kann sich in dieser Ausstellung verlieren und vergessen, man kann sich erschreckt wiederfinden und auch beruhigt wieder vom vermeintlichen Ebenbild distanzieren und erkennen: Das bin nicht ich. Letztlich ist, vertieft man sich in diesen Nachlass, alles Leben eine Spiegelung der Literatur.
Heike Gfrereis und Ellen Strittmatter sind die Kuratorinnen dieser Ausstellung, Keppler|Schmid und Space 4 ihre Gestalter.
Zur Ausstellung erscheint der Marbacher Katalog 62:
Wandernde Schatten. W.G. Sebalds Unterwelt. Hrsg. von Ulrich von Bülow, Heike Gfrereis und Ellen Strittmatter. Mit einem bisher unveröffentlichten Text von W.G. Sebald: »Aufzeichnungen aus Korsika. Zur Natur- & Menschenkunde«. 2008. 240 Seiten, zahlreiche farbige Abb. Broschiert. ISBN 978-3-937384-45-0, 20,- Euro.

