Pressemitteilungen
2008
PM 100/2008
»Strahlungen. Literatur und Atom«: Das Literaturmuseum der Moderne zeigt eine eindrückliche Ausstellung zur Rezeption der Atombombe in der Literatur
Marbach, 13. November 2008 —
Ist das Licht des Atomblitzes, der am 16. Juli 1945 die Wüste in New Mexico erleuchtete, auch in die Geschichte der Literatur gefallen? Ist mit den Bomben, die im August 1945 zwei japanische Städte auslöschten, auch eine Epoche des Denkens und Schreibens zu Ende gegangen? Wie nachhaltig hat der Sturz ins nukleare Zeitalter die Sprache und die Literatur verändert? Die neue Ausstellung »Strahlungen. Atom und Literatur« im Literaturmuseum der Moderne (LiMo) macht vom 20. November 2008 bis zum 1. Februar 2009 jene Spuren sichtbar, welche die Ideen von »Radioaktivität« und »Atom« im Archiv der Schriftsteller und Gelehrten hinterlassen haben.
An fünf großen Tischen blättert die Ausstellung Annäherungen und Perspektiven auf das nukleare Zeitalter auf, die sich in der Philosophie und der Literatur von 1945 an und bis in die 1970er-Jahre herauskristallisiert haben. Rund 100 Exponate – Manuskripte von Gedichten und Erzählungen, Theaterstücken und Essays, Briefe, Bücher und Schriftensammlungen – aus den Marbacher Sammlungen machen dabei jene Auseinandersetzung mit der Apokalypse, jenes konkrete Lebensgefühl der Endlichkeit sichtbar, das die Welt nach 1945 beherrschte. Die Datumsmarke des 6. August 1945, des Angriffs auf Hiroshima, scheidet die Dichtung in zwei literarische Zeitzonen: vor und nach der Bombe.
Ist die literarische Rezeption vor dem Zweiten Weltkrieg noch von der Beschäftigung mit radioaktiven Strahlen bestimmt (Gottfried Benn, Ernst Jünger), greift der Lyriker Yvan Goll in seiner »Atom elegy« (1946) als einer der ersten die zerstörerische Kraft der Atomenergie auf. Er thematisiert die Testversuche in der Wüste von Alamagordo. Die Lyriker Nelly Sachs, Rose Ausländer und Paul Celan sprechen von Hiroshima und können von Auschwitz nicht schweigen. »Es ist, als hätten die politischen und moralischen Gebote der Nachwelt, Auschwitz und Hiroshima nicht zu vergleichen, […] für die Überlebenden des Holocaust keinen Sinn«, schreibt die Kuratorin Helga Raulff im begleitenden Marbacher Magazin. Der Gleichsetzung von Holocaust und Atomkrieg als Menschheitskatastrophe widerspricht die Philosophin Hannah Arendt: Für sie ist Hiroshima Teil der amerikanischen Kriegsführung, Auschwitz hingegen nicht zwingend mit einem Krieg verbunden.
Die deutsche Nachkriegsliteratur der 1950er- und 1960er-Jahre beschäftigt sich – nicht zuletzt infolge der amerikanischen Nachrichtensperre – verspätet mit Hiroshima und seinen Folgen. Günter Eich, Ingeborg Bachmann, Marie Luise Kaschnitz, Ludwig Harig, Erwin Wickert schildern in Gedichten, Erzählungen und Hörspielen die Folgen der Zerstörung und die Perspektive amerikanischer Bomber-Piloten. Anna Seghers, Stephan Hermlin und Günther Weyrauch nehmen die Atom-Tests auf dem Bikini-Atoll zum Anlass, die Gefahren dieser Tests literarisch zu reflektieren und vor ihren Auswirkungen zu warnen. Die Philosophie weist auf die politische Herausforderung durch die Zerstörungswaffe (Karl Jaspers, »Die Atombombe und die Zukunft des Menschen«) und auf die Unumstößlichkeit ihrer Existenz hin (Carl Friedrich von Weizsäcker, »Mit der Bombe leben«, 1958). Für Martin Heidegger setzt die Bombe die Kategorien des abendländischen philosophischen Denkens außer Kraft (»Das Gestell und die Atomenergie«, 1953).
Einer Zeit nach dem »Tag X«, dem Tag der Zerstörung, widmen sich Schriftsteller wie Erich Kästner, Arno Schmidt, Elisabeth Langgässer oder Heinrich Schirmbeck – und können sie sich nur als Groteske, als absurde Welt denken. Im Theater der 1950er-Jahre stellen Heinar Kipphardt (»In der Sache J. Robert Oppenheimer«), Carl Zuckmayer (»Das kalte Licht«) und Friedrich Dürrenmatt (»Die Physiker«) bedeutende Atomphysiker in den Mittelpunkt ihrer Dramen, allerdings ohne deren historische Ansichten wiederzugeben. Vielmehr geht es ihnen um erkenntnistheoretische und anthropologische Fragen: »Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.« (Dürrenmatt)
Die Atombombe, das zeigt die Marbacher Ausstellung auf ebenso anschauliche wie erhellende Weise, hat die Kreativität der Dichter nicht zerstört, sondern beflügelt. Kuratiert wurde die Ausstellung von Helga Raulff und Tanja Stumpff, gestaltet haben sie Keppler|Schmid und Space 4. Viele Exponate sind zum ersten Mal zu sehen. Als Leihgabe kam ein Manuskript von Rose Ausländer aus dem Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut nach Marbach. Zur Eröffnung am 20. November um 19 Uhr im Humboldt-Saal spricht Jan Philipp Reemtsma.
Zur Ausstellung erscheint das Marbacher Magazin 123/124:
Strahlungen. Atom und Literatur. Von Helga Raulff. Mit zum Teil unveröffentlichten Texten von Hermann Broch, Hans Blumenberg und Karl Löwith, kommentiert von Marcel Lepper, Jan Bürger und Reinhard Laube. 2008. 160 Seiten, zahlreiche farbige Abb. Broschiert. ISBN 978-3-937384-48-1. 15,- Euro.
Unsere Abbildungen: Gottfried Benn: »Verlorenes Ich«. Handschriftlicher Entwurf in Arbeitsheft 9 (1943); Erwin Wickert: Hiroshima. Druckfassung des Hörspiels (bitte zum Vergrößern auf die Bilder klicken; alle Fotos: Chris Korner/DLA Marbach).
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