Pressemitteilungen
2009
PM 013/2009
»Autopsie Schiller. Eine literarische Untersuchung«: Das LiMo zeigt im Schiller-jahr 2009 eine beeindruckende Ausstellung rund um den Nachlass des Dichters
Marbach, 26. Februar 2009 —
Erst vor vier Jahren gedachte ganz Deutschland des Todes eines seiner größten Dichter, des Klassikers Friedrich Schiller (1759-1805). In diesem Jahr, 2009, haben die Stadt Marbach und die Deutsche Schillergesellschaft allen Grund zu feiern: Am 10. November 2009 jährt sich Schillers Geburtstag zum 250. Mal. Am selben Tag wird, nach zwei Jahren Bauzeit, das sanierte Schiller-Nationalmuseum mit einer neuen Dauerausstellung zur Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts eröffnet. Schon zuvor, vom 1. März bis zum 4. Oktober 2009, zeigt eine große Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne den gegenständlichen Nachlass von Schiller in ganzer Fülle und deckt die Bedeutungsschichten auf, die sich in diesen Spuren des Dichters verbergen.
Über 390 Exponate, darunter auch das erstmals in größerem Umfang ausgestellte Manuskript der »Piccolomini«, sind zu einem Raumbild geordnet, in dem die Besucher Schiller – so buchstäblich wie metaphorisch, so handfest wie phantasievoll verstanden – von Kopf bis Fuß entdecken können: vom Hut und vom Stirnband gegen Kopfweh über den Handspiegel und das Riechfläschchen, die Westen und Handwärmer des Dichters bis zu den Hosen, Strümpfen und Schuhschnallen.
Die Folge der neun Ausstellungskapitel orientiert sich an der Topografie des menschlichen Körpers, nicht an den Konstanten und Entwicklungen der Biografie. Jedes Kapitel nimmt ein Stück, das an Schillers Körper erinnert, zum Ausgangspunkt und kombiniert es auf spielerische und poetische Weise mit anderen Exponaten – die meisten entstammen Schillers Nachlass, einige auch aus anderen Dichternachlässen des 18. und 19. Jahrhunderts – zu kreisrunden Tableaus. Der Zirkel führt jeweils von den Bewegungsimaginationen, die mit diesen Stellvertretern von Schillers Körper verbunden sind (der Blick nach oben, das Aufstützen des Kopfes, das Schnupfen und Riechen, Sprechen und Sehen, Anfassen und Umgreifen, Sitzen, Rutschen, Rennen und Stehen), über die Anekdoten, die seine Verehrer daran geknüpft haben, in die historischen, oft psychosomatische Dispositionen bezeichnenden Wort- und Bildfelder, in die sie Schiller selbst in seinen Briefen und Werken gestellt hat. Die ›Autopsie‹ des Archivbestandes (verstanden als pathologisches Verfahren, als Zerlegen eines Körpers, wie als bibliothekarische Tätigkeit, als in Augenscheinnahme von Schriftstücken im Original) legt eine ihnen zugrunde liegende Erinnerungsfigur frei: Aus den Gegenständen und den Gedanken, aus den Assoziationen und Metaphern, die vom Gegenstand zum Begriff und wieder zurück führen, entsteht ein Schiller-Bild.
Die Motive seiner Fingerringe kehren wieder in den Titelbildern der »Räuber« und der »Thalia«; seine Federn und der Gänsekiel sind seine Pfeile, die Verse in die Welt schicken, um als geflügelte Worte im Herzen ihrer Leser stecken zu bleiben; die Streichungen in seinen Manuskripten verraten, wie er gesprochen hat; das als Briefbeschwerer genutzte Prisma ist ihm literarisches Motiv und Zeichen der menschlichen Fähigkeit zur Distanz. Selbst die Schiller so inflationär zugeordnete Schnupftabakdose birgt ein Drama im Kleinen: eine Katharsis der Nase. Auch die vielen überlieferten Schiller-Locken sind nicht nur Träger einer DNA und Zeugnisse der Dichterverehrung, die Anleihen bei der Heiligenverehrung der Katholiken macht. In der poetischen Welt sind sie der Draht zu den Göttern und das erotisierende Beiwerk, eine Beute des Jünglings Thanatos, der in der Antike jedem Gestorbenen eine Locke abschneidet und eine Reminiszenz an die Göttin Gelegenheit, die man beim Schopfe packen muss.
In neun Vitrinen zeigt sich Schillers poetisch-historischer Sternenhimmel in seiner irdischen Spiegelung. Immer wieder spielt Schillers gegenständlicher Nachlass auf seine Literatur an. Hätte man je seine Strümpfe gesammelt, wenn er selbst sie nicht poetisch verwendet hätte? Er tut es in einem Brief an Ludwig Huber, wo ihn der zerrissene Strumpf aus den idealischen Welten stürzen lässt, im »Untertänigsten Pro Memoria« (1786), wo ihn der Strumpf in der Loschwitzer Waschwelle beim Dichten des »Don Karlos« stört, und auch in einem kleinen Lustspiel »Körners Vormittag«, in dem er selbst auftritt, im Unterschied zu anderem Personal auffällig strumpflos. Immer wieder führen die Zirkel der Vitrinen, wenn sie die poetischen wie alltäglichen Bedeutungsmöglichkeiten der überlieferten Erinnerungsstücke abstecken, hin zu Schillers Literatur, betten seine Texte in emblematische Verhältnisse und historische Materialbilder ein. So führt der Weg von den Schuhschnallen und Schillers Löffel zum »Wallenstein«, vom Spazierstock zum »Spaziergang«, von den Handwärmern zu den »Räubern«, von den Spielkarten zur »Ästhetischen Erziehung des Menschen«, vom Tuch gegen Kopfweh zum »Fiesko«, vom Hut zum »Wilhelm Tell« und zur Dichterkrönung, von der Taschenuhr zu »Kabale und Liebe«.
Mit ihrer Raumarchitektur, dem dichten, emblematischen Zusammenspiel von Wort und Bild und der für eine Literaturausstellung ungewohnten Legung möchte die Ausstellung ihren Besuchern vermitteln, wie modern, wie kunst- und auch körperbewusst Schiller ist und wie weit sein Verständnis von Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele geht. Sie nimmt die kleinen Dinge ernst und löst sie aus ihren üblichen Zusammenhängen. Sie versucht sie in ihrer Merkwürdigkeit zu verstehen, indem sie das Medium der »Ausstellung« als eine spezifische Erkenntnisform nutzt, und dabei ist sie ein Experiment mit populärem Ziel: Sie möchte Vergnügen bereiten und zu einem Verständnis von klassischer Dichtung mit allen Sinnen anstiften. Auch die, die Schiller nicht kennen, will sie anhand der alltäglichen Dinge in zentrale Elemente seines Denkens und Schreibens einführen.
Die von Heike Gfrereis auf Grundlage der Archivforschungen von Stephanie Käthow, Katharina J. Schneider, Ramona Treinen und Martina Iris Wolff zusammengestellte und gelegte Ausstellung wurde vom Stuttgarter Architekturbüro space4 und den Grafikern Diethard Keppler und Stefan Schmid gestaltet. Ergänzt wird die Ausstellung durch eine Filminstallation, in der beispielhaft die literarische Wirksamkeit jener Dimensionen gezeigt wird, die über dem ersten Stück der Ausstellung (dem Hut) und unter ihrem letzten Exponat (den Schuhschnallen) liegen: Himmel und Hölle. Darüber hinaus wird im »stilus«-Raum des LiMo jede Woche ein neuer Schiller-Text decodiert. Ermöglicht wird die Ausstellung durch eine freundliche Unterstützung der Landesstiftung Baden-Württemberg.
Zur Ausstellung erscheint das Marbacher Magazin 125/126:
Autopsie Schiller. Eine literarische Untersuchung. Von Heike Gfrereis. Mit einem Essay von Wilhelm Genazino. Deutsche Schillergesellschaft: Marbach am Neckar, 2009. 156 Seiten, zahlreiche farbige Abb. ISBN 978-3-937384-54-2. € 15,-
Weitere Informationen zum Schillerjahr 2009 finden Sie unter Aktuelles/Das Schillerjahr 2009.

