Pressemitteilungen
2009
PM 049/2009
Klassiker der DDR-Literatur in Marbach
Marbach, 13. August 2009 —
Hermann Kant hat seine Manuskripte, Briefe und andere literarische Dokumente dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach übergeben. Bekannt wurde der 1926 in Hamburg geborene Schriftsteller vor allem mit seinem Roman Die Aula, der 1965 im Rütten & Loening Verlag Berlin erschien. Der erste Satz des Romans lautet im Typoskript wie später im Druck: „Da sitzt einer über seiner Schreibmaschine, raucht zuviel, bläst Staub von den Tasten, beißt in den Apfel und denkt an Schiller dabei, starrt auf das leere Papier und dann auf die Uhr, kratzt an dem verklebten kleinen a herum, bis es sauber ist, hat schon wieder eine Zigarette in Brand, und nennt das alles Arbeit.“ Schaut man die Buchstaben genauer an, sieht man, dass das kleine a tatsächlich an der angegebenen Stelle gereinigt wurde. Erhalten sind neben diesem Romantyposkript auch die verschiedenen Fassungen seiner späteren Romane wie Das Impressum (1972), Der Aufenthalt (1977), Okarina (2002), Kino (2005) sowie seiner Autobiographie Abspann. Durch seine Funktionen in der Sozialistischen Einheitspartei und im Schriftstellerverband der DDR, dessen Präsident er von 1978 bis 1990 war, spielte Hermann Kant eine zentrale, bis heute umstrittene Rolle in den Auseinandersetzungen zwischen Staatsmacht und Literatur. Auch zu diesem Thema versprechen seine detaillierten Tagebücher, Gesprächsnotizen, Redeentwürfe und seine Korrespondenzen, die nahezu vollständig überliefert sind, neue Aufschlüsse. Zu seinen Briefpartnern zählen u.a. Volker Braun, Gisela Elsner, Franz Fühmann, Günter Gaus, Günter Grass, Peter Hacks, Kurt Hager, Wolfgang Harich, Stephan Hermlin, Stefan Heym, Christoph Hein, Wolfgang Hilbig, Klaus Höpcke , Egon Krenz , Erik Neutsch, Marcel Reich-Ranicki, Günther Rücker, Anna Seghers, Willi Sitte, Erwin und Eva Strittmatter, Martin Walser, Dieter Wellershoff und Christa Wolf. Dazu kommen zahlreiche Leserbriefe, Fotos, Tonbänder, Bücher und andere Materialien.
Ebenfalls nach Marbach geht der Nachlass des Schriftstellers Dieter Noll (1927-2008). Sein „Roman einer Jugend“ Die Abenteuer des Werner Holt, in dem er eigene Erlebnisse als „Flakhelfer“ verarbeitete, setzte 1960 den Maßstab für den kulturpolitisch erwünschten „sozialistischen Entwicklungsroman“ und war – ebenso wie Kants Aula – jahrzehntelang Pflichtlektüre in den Polytechnischen Oberschulen der DDR. Vorhanden sind auch die Unterlagen zur Fortsetzung des Romans, die 1963 unter dem Titel Roman einer Heimkehr erschien und die Erlebnisse seiner Zentralfigur nach 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone beschreibt. Außerdem enthält der Nachlass von Dieter Noll Manuskripte zu seinen weiteren Werken (u.a. Kippenberg, 1979), Tagebücher und Briefwechsel, darunter den handschriftlichen korrigierten Entwurf zu jenem Brief Nolls an Erich Honecker, der 1978 im Neuen Deutschland veröffentlicht wurde und zum Ausschluss kritischer Schriftsteller aus dem Schriftstellerverband beitrug.
