Pressemitteilungen
2011
PM 035/2011
»Neue Technik für alte Schriften«
Kooperationsvereinbarung zwischen Universität Würzburg und Deutschem Literaturarchiv Marbach
Marbach, 09. Juni 2011 —
Ein Projektseminar für Studierende, gemeinsame wissenschaftliche Forschungsvorhaben, gegenseitige Hilfe in Fragen der Digital Humanities und des digitalen Archivs: Das sind die Kernpunkte einer neuen Kooperationsvereinbarung, die das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA) und die Universität Würzburg unterzeichnet haben.
Digital Humanities – also digitale Geisteswissenschaften – meint: Geistes- und Kulturwissenschaftler nutzen computergestützte Verfahren für ihre Arbeit. So ist beispielsweise der Computerphilologe damit befasst, digitale Editionen so zu gestalten, dass sie gleichzeitig gedruckt und auch im Internet publiziert werden und deren Vorzüge, etwa dynamische Präsentation und schnelle Recherche, dabei genutzt werden können. Oder er nutzt umfangreiche Textsammlungen, um die Geschichte und Verbreitung bestimmter Wörter oder Phrasen und damit von Ideen oder Motiven zu verfolgen. Vertreter dieser Fachrichtung in Würzburg ist Professor Fotis Jannidis, Inhaber des Lehrstuhls für Computerphilologie und Neuere Deutsche Literaturgeschichte. Jannidis und Dr. Roland Kamzelak, der im DLA für Editionen zuständig ist, arbeiten seit vielen Jahren schon zusammen und haben gemeinsam zahlreiche Workshops zu strukturiertem Text und Auszeichnungsstandards abgehalten. Eine weitere, langjährige Verbindung besteht mit der Arbeitsstelle der Jean-Paul-Edition am Institut für Deutsche Philologie, zu Professor Helmut Pfotenhauer und Dr. Barbara Hunfeld. Gemeinsam mit dem Vizepräsidenten Professor Wolfgang Riedel wurde nun eine institutionelle Kooperation daraus geschmiedet.
»Studierende des Studiengangs ‚Digital Humanities‘ erhalten ab dem kommenden Wintersemester die Möglichkeit, in der Praxis die digitalen Kompetenzen anzuwenden, die sie sich im Laufe ihres Studiums angeeignet haben«, sagt Jannidis. So könnten Studierende beispielsweise den Brief eines Schriftstellers aus dem 18. Jahrhundert, der schon seit vielen Jahren im Marbacher Archiv schlummert, »digitalisieren, mit Metadaten versehen und erschließen«. Wenn also in dem Brief der Name eines Dritten auftaucht, wird der verlinkt zu einer Datenbank, in der die Biographie zu finden ist. Anspielungen auf zeitgenössische Ereignisse, die heute nicht mehr so ohne Weiteres zu verstehen sind, erhalten die notwendigen Erläuterungen; Wörter, die nicht mehr verwendet werden, eine Erklärung. Dieses Praxissemester wird vom DLA betreut. Am Ende des Semesters ist es sogar möglich, so Kamzelak, »gelungene Arbeiten in einer digitalen Reihe, die von Marbach gehostet wird, zu publizieren.«
Wissenschaftler aus Marbach und aus Würzburg wollen in Zukunft auf regelmäßigen Treffen aktuelle Forschungsergebnisse präsentieren, neue Projektmöglichkeiten diskutieren und diese im Idealfall anschließend gemeinsam entwickeln und beantragen. Ein erstes Projekt steht für den kommenden Herbst fest: Dann wird die jährliche, internationale Konferenz der Text Encoding Initiative gemeinsam von Marbach und Würzburg veranstaltet. Diese Initiative ist eine internationale Vereinigung von Geisteswissenschaftlern, die Empfehlungen für die Auszeichnung von Texten entwickelt hat, die inzwischen zum internationalen Standard innerhalb der Geisteswissenschaften zählen. Die langfristige Speicherung von digitalen Texten hängt wesentlich von diesem Standard ab.

