Pressemitteilungen

2011

PM 050/2011

Neu erschienen: Josef Mühlberger in Eislingen von Tina Stroheker

SPUREN 94

Marbach, 26. Juli 2011 —

Im neuen Heft der bibliophilen Reihe ›Spuren‹ stellt die Schriftstellerin Tina Stroheker eine exemplarische Biografie des 20. Jahrhunderts vor, in der die Spannung zwischen Entwurzelung und Beheimatung zu Literatur wurde. Das Heft ist reich mit bislang wenig bekannten Fotografien und Dokumenten illustriert und zeigt auch einen Brief Paul Celans, der Mühlberger im Kontext der Goll-Affäre zur Parteinahme verpflichten wollte.

Ein deutscher Böhme in Ost-Württemberg, ein Intellektueller in der Kleinstadt, ein Homosexueller zu Geltungszeiten des berüchtigten § 175 in der Provinz: Josef Mühlberger, 1903 als Sohn eines deutschen Vaters und einer tschechischen Mutter in Trautenau (heute Trutnov) geboren, kam 1946 mit anderen Deutschen, die die Tschechoslowakei hatten verlassen müssen, am Rand der Schwäbischen Alb an. Er empfand es als »Vertreibung in ein Paradies«. Während der NS-Zeit hatte er die Publikationsmöglichkeit verloren und war wegen Unzucht inhaftiert worden. Hinter ihm lagen Kriegsdienst und amerikanische Gefangenschaft. In Distanz zu den un-versöhnlichen Kreisen der Vertriebenenverbände, die von seiner Sehnsucht nach Ausgleich befremdet waren, fand er sich in seiner neuen Heimat nicht bereit, »dem Chauvinismus, welcher Einfärbung auch immer, nachzugeben« (Härtling). Stattdes-sen blieb es Mühlberger, dessen 1934 erschienene Erzählung ›Die Knaben und der Fluß‹ Hermann Hesse hoch gelobt hatte, u.a. als Verfasser einer ›Tschechischen Literaturgeschichte‹ (1970) ein Anliegen, Deutsche und Tschechen einander näherzubringen. In der württembergischen Fremde versuchte der Schriftsteller, Überset-zer, Literaturwissenschaftler und Journalist anzukommen, indem er sich deren Geschichte zu eigen machte. Befreundet mit Max Brod und geschätzt von Siegfried Unseld, stand Mühlberger mit seinem verhaltenen Pathos und seinem Hang zum Belehrenden den ästhetischen Experimenten seiner Zeitgenossen fern und blieb im westdeutschen Literaturbetrieb eine Randfigur. Nirgends daheim, wurde die Frage, was Heimat und was Fremde sei, zu Mühlbergers Lebensfrage.

SPUREN 94 Tina Stroheker: Josef Mühlberger in Eislingen. 16 Seiten, 18 Abbildungen, geheftet.Umschlag mit Pergamin, 4,50. ISBN 978-3-937384-73-3