Autopsie Schiller. Eine literarische Untersuchung
1. März bis 4. Oktober 2009

Er ist neben Goethe der Klassiker der deutschen Literatur. Man zitiert seit über zwei Jahrhunderten aus seinen Werken, spielt seine Dramen auf allen Bühnen, lernt seine Gedichte in der Schule auswendig. Vor vier Jahren wurde mit einer Fülle von Veranstaltungen seines 200. Todestags gedacht. Nun hat er Geburtstag, eine der Dichterverehrung zu verdankende schöne Verkehrung der üblichen Reihenfolge. Am 10. November vor 250 Jahren wurde er in Marbach am Neckar geboren.
Doch was schenkt man einem toten Dichter zum Geburtstag? Im Schiller-Nationalmuseum wird zu seinem Festtag eine neue Dauerausstellung eröffnet. Im Vorfeld werden Teile der Exponate im Literaturmuseum der Moderne gezeigt – in einem anderen architektonischen Rahmen, in anderen Raumbildern, auf sehr freie, künstlerische Weise, aber mit demselben Ziel: Schiller begeisterte Leser zu schenken und zu vermitteln, wieso sein Feuer jenseits der Aktualität seiner Gedanken und unserer eigenen Sorgen uns immer noch zu entzünden vermag.
Im Mittelpunkt der Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne stehen die Dinge, die man von Schiller an seinem Geburtsort Marbach gesammelt hat und in denen sich der Umriss seines Körpers abbildet. Er existiert hier von Kopf bis Fuß: Hut, Stirnband, drei Westen, zwei Hosen, zwei Paar Socken, sieben Schuhschnallen, Fingerringe, Handwärmer, Broschen, Zahnstocher, Schlafrockknopf, Taschenuhr, Löffel und Spazierstock und zahlreiche Locken.
Diese Spuren verweisen sehr viel mehr auf Schillers Literatur als auf den echten Menschen. Ja, es scheint fast, als seien sie gesammelt worden, weil sie über die Assoziationen, die sie auslösen, zu Bruchstücken, zu Zitaten, Bildern, Figuren und Motiven seines Werks führen: vom Spazierstock zum Spaziergang, von Hygieia, die den Schlafrockknopf ziert, und den Handwärmern zu den Räubern, von den Spielkarten zur Ästhetischen Erziehung des Menschen, von den Socken zum Untertänigsten Pro Memoria, von der Weste zu Über Anmut und Würde, von den Schuhschnallen zum Wallenstein, vom Tuch gegen Kopfweh zum Fiesko.
Die Ausstellung kombiniert diese Körperspuren mit Briefen, Büchern, Bildern und Manuskripten zu neun im Kreis gelegten Materialbildern, die jeweils einen Aspekt von Schillers Schreiben beleuchten. Als solche bilden sie eine kleine Schule der ästhetischen Empfindsamkeit. Sie legen den Schwerpunkt auf die kleinen Zeichen, auf die Markierungen, Striche, Kreuzchen, Krümmungen und geschwungenen Linien und deuten psychosomatischen Dispositionen an, die hinter ihnen liegen. Die Besucher können das reiche Spektrum einer poetische Welt entdecken, die sich zwischen zwei Eckpunkten erstreckt, die Schiller in seinen Briefen und seiner Dichtung immer wieder beschwört:  Himmel und Hölle.

Kurator: Heike Gfrereis.
Mitarbeit: Stephanie Käthow, Katharina Schneider. Ramona Treinen.
Film: Martina Wolff mit Ellen Strittmatter.
Gestaltung: space4 (Architektur), Diethard Keppler und Stefan Schmid (Grafik).

Stimmen und Bilder

Flyer zur Ausstellung

Marbacher Magazin zur Ausstellung

 

Gefördert von der Landesstiftung Baden-Württemberg