Ich liebe Dich!
20. September 2011 bis 29. Januar 2012
Es gibt Sätze, die alles riskieren und nur selten eine zweite Chance erhalten. »Wenn ich Dich lieb habe, was geht's Dich an?«, erklärt Goethes Philine trotzig Wilhelm Meister, während sich Schillers Franz Moor plump verrät: »Ich liebe dich, wie mich selbst, Amalia!«. Drei Wörter, mehr nicht. Ein Satz, der in sich geschlossen und perfekt ist. Roland Barthes hat ihn als »Holophrase« bezeichnet, als einen nicht zerlegbaren Satz, in dem die eine Hälfte des aristophanischen Kugelmenschen (Ich) die andere Hälfte (Dich) umfasst: eine in sich geschlossene Spiegelfigur, in der es weder für den Absender noch den Adressaten eine Möglichkeit des Entkommens gibt (Fragmente einer Sprache der Liebe). Niklas Luhmann lässt mit Sätzen wie »Ich liebe Dich« die Liebe erst beginnen: »Der Code (der Liebe) ermutigt, entsprechende Gefühle zu bilden« (Liebe als Passion). Umberto Eco glaubt an den Satz nur als Zitat: »Wie jetzt Liala sagen würde: Ich liebe Dich inniglich.« (in Nachschrift zum Namen der Rose).

Die Ausstellung heftet sich den Spuren an die Fersen, die das offensive »Ich liebe Dich!« im Archiv hinterlassen hat. Sie folgt seinen Ausformungen und Auswirkungen, seinen trivialen und originellen, platten und intensiven Aspekten, seitdem es Ende des 18. Jahrhunderts zum Inbegriff der romantischen Liebesformel geworden ist, die verspricht, zwei Menschen den Himmel auf Erden zu schenken. Wie ist dieser Satz immer noch und immer wieder zum ersten Mal möglich? 66 + 6 Beispiele, von Goethe bis Gernhardt, chronologisch gehängt, nicht weiter unterschieden in reale und fingierte Liebeserklärungen: eine kleine Geschichte von drei Worten, die immer wieder an die Grenzen führen – der Grammatik, der Gesellschaft, der Geschlechter, der Sprache, der Literatur oder auch der Liebe selbst. »Mit diesem Satz ist das endgültige Bekenntnis da. Darüber hinaus geht es nicht.« (Sibylle Lewitscharoff, Marbacher Magazin 136)