8. Mai bis 31. August 2008

Im Sommer 1932 begann Walter Benjamin mit der Arbeit an einem Buch, das später sein bekanntestes werden sollte: »Berliner Kindheit um neunzehnhundert«. Es ist charakteristisch für die kurzen Prosa-Stücke, dass sie aus den Idyllen der Kindheit – dem Glück der seligen Vorfreuden, wohligen Gruseln und gut behüteten Träumereien – am Ende abgründige, wenigstens gebrochene Bilder schürfen. »Einzelne Expeditionen in die Tiefe der Erinnerung«, von denen Benjamin hoffte, dass in ihnen zu merken sei, »wie sehr der, von dem hier die Rede ist, später der Geborgenheit entriet, die seiner Kindheit beschieden war«.
Die Geschichte des Texts, seine verschiedenen Gestalten wie sein wechselvolles Schicksal, passt gut dazu. Benjamin selbst hat die »Berliner Kindheit« zu seinen »zerschlagenen Büchern« und »unendlich verzettelten Produktionen« gerechnet – nie zu Stande gekommen, aber auch in alle Winde zerstreut. Immer wieder hat er sie überarbeitet, Texte ergänzt und ausgeschieden und in verschiedenen Reihenfolgen für mögliche Veröffentlichungen zusammengestellt. Erschienen sind sie zu seinen Lebzeiten nur einzeln in Zeitungen. Erst 1950, zehn Jahre nach seinem Freitod im spanisch-französischen Grenzort Portbou, gab der Freund Theodor W. Adorno das Projekt erstmals als Buch heraus.
Neben kleineren Vorarbeiten sind heute vier umfangreichere Fassungen bekannt, keine davon mit der von Adorno identisch: zwei maschinenschriftliche Konvolute, das »Gießener« und das als Fassung letzter Hand geltende, erst 1981 wiederentdeckte »Pariser Typoskript«, und zwei handgeschriebene Sammlungen, die nach den Widmungsträgern benannt wurden: Adornos Ehefrau Gretel, von Benjamin Felizitas genannt, und Benjamins Sohn Stefan. Benjamins Schwester Dora ließ den Hauptteil der Handschriften nach dem Tod ihres Bruders zu Adorno nach Amerika bringen, der das Stefan gewidmete Exemplar nach Abschluss der Edition im November 1950 an diesen zurückschickte. Erstmals ist dieses Manuskript, das sich bisher in Privatbesitz befand und unveröffentlicht ist, nun zu sehen.

Idee und Text: Heike Gfrereis.
Grafik: Diethard Keppler und Stefan Schmid.
Licht: space4.

Mit freundlicher Unterstützung der Ferdinand Porsche AG.


Der Flyer zur Ausstellung

Aktuelle Pressemitteilung 42/2008