Wechselausstellungen
Stimmen zu den Wechselausstellungen
LSD. Der Briefwechsel zwischen Albert Hofmann und Ernst Jünger (16. Juli bis 20. Oktober 2013) Kafkas Mäuse (10. April bis 7. Juli 2013) Zettelkästen. Maschinen der Phantasie (4. März bis 15. September 2013) Kassiber. Verbotenes Schreiben (27. September 2012 bis 27. Januar 2013) 1912. Ein Jahr im Archiv (4. März bis 26. August 2012) Ich liebe Dich! (20. September 2011 bis 29. Januar 2012) Briefe an Ottla. Von Franz Kafka und anderen (1. Juni bis 11. September 2011) Schicksal. Sieben mal sieben unhintergehbare Dinge (5.5.-28.8.2011) Ernst Jünger. Arbeiter am Abgrund (7.11.2010-27.3.2011) Cortázar, Onetti, Paz. Suhrkamps großer Süden (11.6.-3.10.2010) Deutscher Geist. Ein amerikanischer Traum (7.5.-3.10.2010) Randzeichen. Drei Annäherungen an den schöpferischen Prozess (28.1.-18.4.2010) Autopsie Schiller. Eine literarische Untersuchung (1.3.-4.10.2009) Strahlungen. Atom und Literatur (20.11.2008–1.2.2009) Wandernde Schatten. W.G. Sebalds Unterwelt (26.9.2008-1.2.2009) Das geheime Deutschland. Eine Ausgrabung (13.3.-31.8.2008) Ordnung. Eine unendliche Geschichte (21.6.–21.10.2007)
LSD. Der Briefwechsel zwischen Albert Hofmann und Ernst Jünger (16. Juli bis 20. Oktober 2013)
»Das Thema Drogen ließ den Dichter lebenslang nicht los. Eine Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne dokumentiert mit angemessener Akribie und noch viel angemessenerer Ironie, was der "Selbstdenker", Schriftsteller, Käfersammler und Seismograph seiner Zeit so alles anstellte, um high zu werden.« Die Welt (Tilman Krause)
LSD und Literatur. Albert Hofmann und Ernst Jünger
Ein Beitrag von Knut Cordsen auf Bayern2
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Kafkas Mäuse (10. April bis 7. Juli 2013)
»Wer Wertvolles hat, will es zeigen ... Man kann den Auktionsmarkt-Hype irritiert zur Kenntnis nehmen und sich trotzdem freuen. LiMo-Leiterin Heike Gfrereis hat um den Brief herum eine ganz famose Ausstellung kreiert. Sie zeigt, die Merkwürdigkeit mit den Mäusen ist kein Wahnsinn, sie hat literarische Methode.« Stuttgarter Nachrichten (Nicole Golombek)
»Das Marbacher Literaturmuseum der Moderne ködert den Besucher auch in diesem speziellen Falle nicht mit Speck und Käse, also mit keinem Ausstellungsspektakel, sondern mit intellektuellem Schwarzbrot: mit Handschriften, mit Quellen, Dokumenten, Fotos. Auch die kleine Schau 'Kafkas Mäuse' will nicht wirklich etwas behaupten, sondern erschließt einem tierisch die Literatur, macht Lust aufs Weiterlesen. Mäuse und anderes Getier finden sich bei Kafka oft. Mit dem Interpretieren aber ist das so eine Sache - was nicht nur Deutsch-Abiturienten wissen. Kafka selbst warnte seinen Freund Max Brod: 'Das was ich gegenüber den Mäusen habe, ist platte Angst. Auszuforschen woher sie kommt, ist Sache der Psychoanalytiker, ich bin es nicht.'« Schwäbisches Tagblatt (Jürgen Kanold)
»Die Ausstellung umfasst nur vier Vitrinen, aber sie hat es in sich. ... Die Ausstellung beleuchtet das Umfeld der Böhmen-Reise ... Zugleich baut die Kuratorin Heike Gfrereis einen ganzen Kafka-Zoo auf.« Süddeutsche Zeitung (Christian Gampert)
»Die Maus als solche stellt für das Schreiben dieses Autors alles andere als eine Kleinigkeit dar. Dies führt eine feine ... Ausstellung im im Literaturmuseum der Moderne vor Augen. Wie es sich für diesen Hort gelehrter Materialsammelkunde gehört, führt der Weg durch einen ganzen Kosmos von Bedeutungen, verzwickten Verzweigungen und Vieldeutigkeiten - erstaunlich, was sich einem vergleichsweise eher kleinen Tier so alles aufladen lässt. ... Man folgt aber der Fährte zierlicher Nagerfüße ... frei von jeglicher philologischer Berührungsangst.« Stuttgarter Zeitung (Stefan Kister)
»Kann man diesem Schreiber, der andauert die Perspektive wechselt, trauen? Wie soll, kann man ihn überhaupt verstehen? In der letzten Vitrine der von Museumsleiterin Heike Gfrereis intelligent kuratierten konzentrierten Ausstellung ist der komisch verzweifelte Brief des Kafka-Lesers Siegfried Wolff zu finden, der den Dichter im Namen seiner vor seinen Kusinen gefährdeten männlichen Deutungshoheit geradezu anfleht, ihm zu erklären, was er denn mit seiner Erzählung "Die Verwandlung" gemeint hat. Genau diesem Wunsch allerdings verweigern sich der Autor wie seine vertrackten, oft paradoxen Texte. Mit Franz Kafka ist nicht zu Rande und schon gar nicht zu Ende zu kommen – wobei sich in den letzten Jahren die Lesart seiner Werke deutlich aufgehellt hat.« Badische Zeitung (Bettina Schulte)
Zettelkästen. Maschinen der Phantasie (4. März bis 15. September 2013)
"Unter dem Motto 'Zettelkästen. Maschinen der Phantasie' versammelt das Literaturmuseum der Moderne einen überraschend sinnlichen Querschnitt aus der Welt der wissenschaftlichen und literarischen Zettelkästen. Überraschend, weil dieses Möbel der Gedankenbuchhaltung von Haus aus ja nun nicht gerade als Stückgut hochattraktiver Ausstellungsgestaltung gelten mag. Verbindet man Zettelkästen nicht eher mit Behörde, Bibliothek, Bürokratie – und den ihnen eigenen Gerüchen? ... Dass die Wertschätzung von Zettelkästen, ja ihre Quasi-Fetischisierung in den Geisteswissenschaften der letzten 20 Jahre so zugenommen hat, liegt auch daran, dass ihre haptische Präsenz verschwindet. Erst mit ihrer zunehmenden Außerdienststellung begreifen wir, dass dieses Medium zwischen geistiger Bürokratie und Inspiration, Ordnung und Chaos, Wissensbuchhaltung und Lotterie etwas Besonderes ist. Je nach Gehalt jedenfalls viel lebendiger, als dies die alten Zettelkastenkataloge der Bibliotheken jemals suggeriert haben."
Die Welt (Marc Reichwein)
"Das Zwanglose von Zettelkästen, auch wenn sie sich unschwer mit übler Bürokratie in Verbindung bringen lassen, ist bestechend. Nicht nur geöffnet, sondern ausgebreitet haben die Kuratorinnen Heike Gfrereis und Ellen Strittmatter die Zettelkästen des Philosophen Hans Blumenberg, sodass Hunderte Karteikarten der Buchstaben A und Z zwischen Scheiben geklemmt an Fäden von der Decke hängen und beidseitig geruhsam zu betrachten sind. ... Rundherum und auch dazwischen gibt es Säulen und Kästen, in denen weitere Zettelkastenbenutzer und ihre Zettelkästen vorgestellt werden. ... Man sollte die Individualität und Intimität von Karteikarten auf keinen Fall unterschätzen." Frankfurter Rundschau (Judith von Sternburg)
"Die Selbstverständlichkeit, mit der die Ausstellung solche Autoren diskursiver Prosa gleichrangig neben Romanciers und Lyriker stellt, folgt der Linie, die Archiv-Direktor Ulrich Raulff seit einigen Jahren erfolgreich eingeschlagen hat. Das Literaturarchiv fühlt sich nicht mehr nur für die deutsche Klassik zuständig, sondern in zunehmendem Maße auch für allgemeine Geistes- und Ideengeschichte. Wie wenig sinnvoll die Trennung zwischen Theoretikern und Belletristen ist - auch das zeigen die Zettelkästen: Verfahren und Materialien, aus denen Dichter wie Denker ihre Texte erstellen, sind identisch. Sie beruhen auf ebenso mühevoller Kleinarbeit wie jedes andere Handwerk auch. Indem sie die Mechaniken des kreativen Schöpfungsaktes offenlegen, tragen die Ausstellungs-Kuratorinnen Heike Gfrereis und Ellen Strittmatter zur Dekonstruktion des Geniekultes bei. Ist es eigentlich ein Zufall, dass fast nur Männer sich mit ihren Sammlungen selbst Monumente setzen?" Der Tagesspiegel (Bodo Mrozek)
"'Gedanken zum Greifen ... Manche stopfen, manche häufen, andere heften, die dritten arbeiten mit Schere und Kleber. Jeder Autor macht es anders - kein Zettelkasten', sagt Ulrich Raulff, gleiche dem anderen. Nur eins vereine sie, stoßseufzt der Direktor des Literaturmuseums der Moderne: 'Zettelkästen sind so unausstellbar.' Im geschlossenen Zustand sperrige Igel, auseinandergenommen 'abgeschossene Tauben'. Als Objekte? 'Echte Ausstellungsflüchter.'... Nun sind es die Zettelkästen, die bescheidenen Wasserträger der großen Literatur. Verborgene Ideenspeicher, diskrete Stichwortgeber - und doch oft viel mehr, wie die Schau 'Zettelkästen. Maschinen der Phantasie' an 30 Autoren zeigt, darunter natürlich Arno Schmidt und Walter Kempowski. ... Einfach mal mit Händen in die Zettelkästen hineingreifen, das kann und darf der Besucher leider nicht. Das Gefühl, einen Gedanken zu 'begreifen', bleibt ihm verwehrt - dabei ist es wohl diese Eigenschaft, die dem Zettelkasten im digitalen Zeitalter das Überleben sichert. Gerade als man dachte, das altmodische Medium sei im freien Fall, habe es in den letzten Jahrzehnten seine 'Apotheose' erlebt, heißt es hier. Man denke an W.G. Sebald, dessen Fotos eine der weißen Boxen füllen. Nur den Augen ist der direkte Zugriff gestattet. Eine der Schatzkisten hat tatsächlich das Schicksal der 'abgeschossenen Taube' ereilt. Zettel von Hans Blumenberg, der insgesamt 30 000 davon hinterließ, führen als Leitthema, zu Einzelteilen entblättert, an Schnüren durch die Ausstellung. Das ist gut so, denn letztlich entsteht nur an einem solchen Beispiel ein Gefühl für das Innenleben eines Objekts, das als Fundgrube, Ideenreservoir, Assoziationsmaschine und Kuriositätenkabinett fungiert."
Südwest Presse (Lena Grundhuber)
"Zettelkästen sind ein Laboratorium, das die Fantasie der Autoren in Gang setzt. Wie man Derartiges sichtbar machen kann, zeigt eine Ausstellung ... in Marbach. ... Dass jeder Blick in einen Zettelkasten einem Interesse, einem Gesichtspunkt geschuldet ist, nur einen Ausschnitt erfasst, macht die Ausstellung anschaulich, indem sie den Blick ihrer Besucher auf die Objekte beschneidet."
Stuttgarter Nachrichten (Thomas Morawitzky)
Und der SWR hat den Zetteln einen ganze Matinee gewidmet.
Kassiber. Verbotenes Schreiben (27. September 2012 bis 27. Januar 2013)
»Eine bemerkenswerte Ausstellung im Marbacher Literaturmuseum ... [ein] wunderbar edierter Katalog ... Es ist eine Literaturgeschichte eigener Art, die sich in Marbach entfaltet. Neben Dokumenten berühmter Gefängnisautoren, von Milton bis zum Marquis de Sade ..., neben Kassibern großer Vertreter der Lagerliteratur wie Dostojewski gibt es auch bittere Skurrilitäten.« Der Spiegel (Elke Schmitter)
»Die Marbacher Ausstellung beleuchtet ein wichtiges Thema, das mit der Gegenwart keineswegs abgeschlossen ist und in Zukunft, man denke an Twitter und Facebook, wohl noch einmal ganz anders archiviert werden wird.« Die Welt (Mark Reichwein)
»Wenn die Freiheit fehlt, kann jeder Zentimeter Papier, jede Ritze in der Mauer und manch harmloser Gegenstand sehr wertvoll werden. Das Deutsche Literaturarchiv reflektiert mehr als 250 Jahre literarischer Heimlichkeiten. Stöcke, Drähte und Gummistücke werden in der Festung Hohenasperg zu Katapulten für Botschaften. Ein abgesägter Besenstiel dient als Blasrohr, um Luftpost aus dem Fenster zu pusten. Selbst Sand wird zu Papier, bis der Wind die Nachricht verweht. ... Manche Aufzeichnungen sind erstmals öffentlich zu sehen, rund die Hälfte der Exponate sind Leihgaben. Die Texte sind mal verschlüsselt, mal unverschlüsselt, mal geschmuggelt und mal durch die Zensur gegangen.« FOCUS online
»Kleine Botschaft, großer Triumph ... Beinnahe unnötig zu sagen, dass die Geschichte jedes einzelnen Schriftstücks unerhört ist, traurig, makaber, brutal, immer wieder zu schrecklich, um wahr zu sein. Die Schau begegnet ihren Exponaten denn auch mit Respekt ... bedient weder Sensationsgier noch Voyeurismus. Indem sie die Schriftstücke in Vitrinen präsentiert, die bis auf kleine Gucklöcher mit schwarzer Folie beklebt sind, spiegelt sie das wider, was das Wesen des Kassibers ausmacht, und zeigt zugleich, dass sie sich des Konflikts bewusst ist, dem sie selbst ausgesetzt ist: Kassiber sind naturgemäß Geschöpfe, die das Tageslicht scheuen.« Frankfurter Allgemeine Zeitung (Lena Bopp)
»Wie macht man sichtbar, was niemand sehen sollte? Wie liest man Texte, die von niemandem – außer, vielleicht, einem einzigen, Augenpaar – gelesen werden wollten? Vor dieser Aufgabe standen die Kuratorinnen der neuen Ausstellung, Museumsleiterin Heike Gfrereis und Ellen Strittmatter, und sie haben sie – auch visuell – spannend gelöst: Der Betrachter findet sich in einer seltsam verkehrten Kerkerwelt wieder; von der Decke hängende Gitter suggerieren ein ›Innen‹, der voyeuristische Blick in die Glasquader jedoch ein ›Außen‹. Hinter Gittern – auch hier eine Umkehr der Realität: die Gitterstäbe sind durchsichtig, die Zwischenräume geschwärzt –liegen ... Briefe, Nachrichten, Hilferufe, Tagebücher. Verschlüsselt, gezeichnet, gestickt. Vergraben und einbetoniert. Auf Stoffflicken, Toilettenpapier oder Tempotaschentüchern. Von Ovid und Casanova, Boris Pasternak, Rosa Luxemburg und Gudrun Ensslin.« Ludwigsburger Kreiszeitung (Andrea Nicht-Roth)
»Verheimlicht, geschmuggelt, getarnt: Marbach widmet sich dem ›Verbotenen Schreiben‹. Diese Ausstellung begibt sich tief hinein in die Macht und Ohnmacht der alten, im gewöhnlichen Leben kaum mehr als solche wahrgenommenen Kulturtechnik des Schreibens. ... ›Kassiber. Verbotenes Schreiben‹, heißt die neue Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne des Deutschen Literaturarchivs Marbach. Ein Kassiber ist eine Flaschenpost, die nicht die Weltmeere, sondern die feindlich gesinnten Menschen um sich her überwinden muss. Darum muss ein Kassiber unauffällig sein. Und darum spricht Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs zu Recht von einem ›konstituiven Widerspruch‹ beim Ausstellen – das ans Licht zu holen, was lieber im Halbdunkel auf das richtige Augenpaar warten würde –, aber auch von einer ›interessanten Spannung‹. Und zu Recht spricht Museumsleiterin Heike Gfrereis, die diese Schau gemeinsam mit Ellen Strittmatter entwickelt hat, von ›maskierten Vitrinen‹. Schwarz beklebtes Glas lässt diesmal nämlich gerade genug Platz, die zumeist aus gegebenem Anlass winzigen Papierstücke anzuschauen. Papierstücke, auf denen eine Menge steht. Wer schreibt, wenn und was er nicht schreiben darf, schreibt gegen die Verzweiflung an oder gegen das Vergessen, hofft, dass seine Lieben noch etwas davon sehen, oder Gleichgesinnte.« Frankfurter Rundschau (Judith von Sternburg)
Fritz J. Raddatz »sieht den Marbacher Katalog zur Ausstellung als führendes Handbuch zum Genre Kassiber.« Marbacher Zeitung (Astrid Killinger)
»Die durch beleuchtete Gitter erzeugten Schatten und die allgegenwärtige Schablonenschrift erzeugen die Anmutung eines Gefängnisses. ... dem Gegenstand angemessen, denn ein Kassiber ist kein Prunkstück, das man repräsentativ auf den Sockel stellen kann. Seine Natur ist das Verborgene, und dem wird Rechnung getragen.« Süddeutsche Zeitung (Franz Himpsl)
»Schreiben im Gefängnis: Jede Geschichte ist anders. Und darauf zielt das Marbacher Literaturmuseum - mit Erfolg: Die Texte berühren allein durch die Schicksale, die hinter ihnen stecken.« 3sat / Kulturzeit Mehr
»Warum setzen sich Menschen dieser Gefahr aus, legen nachweisbar nieder, was sie bewegt, was sie – auch unter der größten Gefahr – einem anderen mitteilen möchten? In der bemerkenswerten Ausstellung „Kassiber. Verbotenes Schreiben“ im Literaturmuseum der Moderne in Marbach lassen sich die Beweggründe nachvollziehen: Mehr als 200 Exponate erzählen in zehn Kapiteln vom Schicksal derer, die in einer besonderen Situation ihres Lebens zum maskierten, geschmuggelten, unsichtbaren – kurz: geheimen – Verfassen und Versenden für sie lebensnotwendiger Nachrichten gezwungen waren.« Südkurier (Monika Köhler)
»Mit einem klein gefalteten, mit winzigen Schriftzeichen bedeckten und durch einen Boten geschmuggelten Briefchen an seine Tochter Julchen setzt das Deutsche Literaturarchiv Schubarts sinistres Schicksal als «Urszene» an den Anfang einer bemerkenswerten Ausstellung, die sich der desperaten Kunst des Kassibers widmet. ... Atmosphärisch stimmig ist es, die Gitterstruktur des Gefängnisses in den Ausstellungssaal überzuführen und die Schaukästen mittels Sehschlitzen zu organisieren. Die Düsternis erinnert daran, dass alle Inhaftierten – ungeachtet der politischen Couleur und Courage, Gelassenheit und Renitenz – die Psychologik der Situation teilten. Nicht wenige erlebten eine seelische Steigerung ihres auf den Nullpunkt zurückgeworfenen Selbst. Mystik und Einsamkeit, Ich-Entgrenzung und Reiz-Entzug gehören wesentlich zusammen. Und so kommt es auch hinter Gittern zur paradoxalen Gleichzeitigkeit von Exklusion und Explosion, von Ausschluss und Nähe, Verlust und Erinnerung, Depression und Euphorie. Es tut sich jener «ungeheure Raum» auf, den der amerikanische Schriftsteller E. E. Cummings, der 1917 als Weltkriegs-Sanitäter in der Normandie wegen Verdachts auf Verrat einsass, in seinem gleichnamigen Roman geschildert hat. ... Zur Ausstellung ist ein exzellenter Marbacher Katalog mit allen Exponaten und Texten erschienen.« Neue Zürcher Zeitung (Andreas Breitenstein)
»Ein wenig muss man sich hinabbeugen, hineinlugen in kleine Fenster. [Dann] steht man gebannt vor den Notizbüchern, Zetteln, Papierfetzen, die unter kaum vorstellbaren Bedingungen geschaffen wurden. Keine Kunst ist das, sondern Schreiben als Überlebenstechnik. Die Schriftstücke zeugen von der Würde, die selbst die menschenunwürdigste Behandlung nicht zu zerstören imstande ist.« ZEIT online (Ulrich Rüdenauer)
Zum Beitrag der Tagesschau
Zum Beitrag im SWR (Nachtkultur)
1912. Ein Jahr im Archiv (4. März bis 26. August 2012)
»Was also war 1912? Im Literaturmuseum der Moderne in Marbach hat man sich die Frage – ausgehend von Jauss' These – gestellt und nach Antworten gesucht: freilich nicht, indem man, was wohlfeil und zugleich attraktiv gewesen wäre, den historischen, politischen oder gesellschaftlichen Hintergrund zu ein paar Schlüsseltexten des Jahres ausleuchtet. Kafkas Typoskript käme dann vor ein Bild der «Titanic» zu stehen, Jakob van Hoddis' handschriftlich überliefertes Gedicht wäre illustriert mit Zeugnissen und Bildern der zunehmenden Militarisierung in diesen Jahren. Nein, man ging die Sache subtiler, man möchte sagen: kunstvoller an. Die Ausstellungsgestalter durchstöberten das Archiv nach Fundstücken aus dem Jahr 1912. Sie gingen von acht Exponaten aus, die je für sich einen Aspekt vergegenwärtigen: Neben Kafkas Brief sind dies das Gedicht «Zone» von Guillaume Apollinaire, Harry Graf Kesslers Tagebuch, Skizzen des Expressionisten Erwin Loewenson, Aufzeichnungen von Heinrich Mann, Rilkes Notizen aus Duino sowie Erstdrucke von Gottfried Benn («Kleine Aster» aus dem Band «Morgue») und Carl Einstein («Bebuquin»). Zu diesen Leittexten konstelliert die Ausstellung unter einem bisweilen vielleicht etwas undurchschaubar gewählten Stichwort (Schnitt, Schrift, Glanz, Rausch usw.) eine Auswahl der im Archiv gefundenen Dokumente. 1912 wird darum zunächst einmal fassbar in den archivalischen Sedimenten. Den Besuchern erschliesst sich mit dem ersten Blick auf die hintereinander gestaffelten Vitrinen der Ausstellung ganz ungezwungen eine Anschauung davon, wie kulturelle Prozesse hier aufgefasst und abgebildet werden: als Konstellationen, Schichtungen und Überblendungen des Disparaten in der historischen Gleichzeitigkeit. Darin wird der Zufall des zeitlichen Nebeneinanders sinnfällig, indem die verschiedenen Dokumente nicht allein für sich, sondern gleichsam im polyfonen Stimmengewirr für die Zeit und darum füreinander sprechen. Und weil der Zufall gewiss auch bei den Recherchen im Archiv seine Hand im Spiel hatte, ergibt sich aus der Konzeption der Ausstellung gleichsam ein mimetisches Abbild dessen, was hier präsentiert werden soll. Der Zauber des Suchens und das Glück des Findens verbinden sich hier zur Kunst der Konstellation.« Neue Zürcher Zeitung (Roman Bucheli)
»Probebohrungen in den Permafrost der Geschichte ... Was sagt uns der erste Liebesbrief von Kafka, den er per Schreibmaschine tippt, über die Gefühle vor hundert Jahren? Welche Erinnerung evoziert ein Bildband, der Nijinsky zeigt, wie er sich im Nachmittag eines Fauns geometrisch verrenkt? Welches Stilempfinden steckt hinter der Ermordung einer Butterblume, die der Psychiater Döblin als Hinrichtung am Wegesrand schildert? Wie durch ein Wurmloch schicken gläserne Schaukästen den Betrachter auf eine Zeitreise. Nicht das große Ganze will man in den Blick nehmen, sondern verborgene Korrespondenzen, sakral ausgeleuchtet. Acht zentrale Exponate, durchaus eigenwillig gewählt, werfen leitmotivisch Schlaglichter auf das Jahr: Apollinaires Gedicht Zone findet sich neben einem Tagebucheintrag von Harry Graf Kessler sowie einer Zeichnung Erwin Loewensons und Untertan-Notizen Heinrich Manns. In nachgeordneten Vitrinen werden die Funde mit ihrer historischen Umgebung konfrontiert.« Frankfurter Allgemeine Zeitung (Sandra Kegel)
»1912 ist für die Kunst ein bedeutendes Jahr. Das Literaturarchiv Marbach zeigt nun eine Ausstellung, die weit mehr als nur Papier zu bieten hat.« Deutschlandfunk
»Aber die Blumenmuster auf den Einbänden des Insel-Verlags riechen nicht, und die Lautstärke der karnevalesken Italiener-Combo in Thomas Manns Tod in Venedig kann man nicht hören, man muß sie im Text lesen. ... Marbach ist keine Multimedia- oder Multi-Odeur-Show; es ist immer noch Papier, das hier ausgestellt ist. Man ist immer erfrischt und angeregt im Literaturmuseum, aber: das Publikum muß hier auch arbeiten.« SWR II (Christian Gampert)
»Sinnlichkeit und Sinn: Wie klang das Jahr? Wie war es getaktet? Das ist faszinierend zu erspüren und zu erkunden. Dahinter stehen noch größere philosophische Fragen: Was ist Geschichte? Was bedeutet Zeit? Wie hat man sich Vergangenheit vorzustellen? ... Vor dem Besucher entspinnt sich ein komplexes intellektuell-sinnliches Geflecht.« Schwäbisches Tagblatt
»Es gibt zwei alte Motive für Zeitreisen: einerseits nostalgische Sehnsucht, andererseits der Wunsch, in den Lauf der Dinge einzugreifen. Die als Versuchsanordnung durchaus interessante Ausstellung befriedigt beide nicht so richtig. Von der Stimmung des Jahrs 1912, von den Sanatorien und Glühbirnen und Schreibmaschinen, holen die paar Postkarten und angekokelten Briefe wenig zurück. Und die Offenheit eines historischen Moments, der ja nicht notwendig auf den Weltkrieg als düsteren Startschuss der Moderne zulaufen musste, kann zwischen den mit Thesen beklebten Vitrinen auch nicht entstehen. Die stärksten Erlebnisse sind vielleicht jene, in denen Unzusammenhängendes so schroff nebeneinander steht wie im Gedicht En Ego, ebenfalls von Jakob van Hoddis. Es beginnt mit dem Satz: ›Wir baun die Welt aus den Unendlichkeiten.‹ Das Ende lautet lakonisch: ›Und dazu ass er Bierwurscht mit Salat.‹« Die Welt (Andreas Rosenfelder)
»Immer im Blick die Gefahr der Beliebigkeit, ist die Schau besonders stark, wo sie sich demonstrativ gegen die übliche Erwartung wendet. Eine Welt baut sich hier auf, die 1912 nicht weniger banal, großartig, bizarr ist als 2012.« Stuttgarter Nachrichten (Nicole Golombek)
»Das Ergebnis [der Probebohrungen im Jahr 1912] kann gestalterisch wieder all jene, die ebenfalls die problematische ›Flachware‹ (nämlich Schriftstücke, Schriftstücke und nochmals Schriftstücke) auszustellen haben, neidisch machen - mit quasi schwebenden Exponaten, mit einer schicken Vitrinengestaltung, die Dokumente auch von oben auf den Betrachter niedergehen lässt, mit einem ausgeklügelten Design, in dem diesmal die Farbe Orange vorherrscht und den Schritt auf die Epochenschwelle anzeigt.« Frankfurter Rundschau (Judith von Sternburg)
»[Man] ahnt, dass physiognomische Ausstellungen wie diese nicht nur den Jahreszahlen ein Gesicht geben - sie sind zugleich eine Mischung aus Visitenkarte und Porträt des Archivs selber. Sie zeigen, was sein aktuelles Interesse ist: die Schrift- und Bildträger als Akteure der Herausbildung ästhetischer ›Epochenschwellen‹ auftreten zu lassen. Oder anders gesagt: die Einbettung der Philologie in die Mediengeschichte.« Süddeutsche Zeitung (Lothar Müller)
Ich liebe Dich! (20. September 2011 bis 29. Januar 2012)
Eine »klug durchdachte, gelungene und originelle Ausstellung.« Stuttgarter Zeitung (Annette Schwesig)
»Der Marbacher Ausstellungstanz ums goldene ›Ich liebe Dich!-Kalb‹ ... : gemacht von Profis, die große Worte gewohnheitsmäßig auf ihre Aussagekraft hin abklopfen und ›Liebe‹ gewissermaßen nur in Gänsefüßchen und mit dazugedachten geisteswissenschaftlichen Fußnoten ... aussprechen, richtet sich die Schau schließlich nicht zuletzt an Besucher aus jenem wirklichen Leben. Und dort löst der Satz ›Ich liebe dich‹ eben nicht zuerst skeptisches Stirnrunzeln, hektische Meta-Beklommenheit und Banalitätsverdacht aus, sondern Glück, Bestätigung, Geborgenheit. Dass die Macher sich dieser lebensbejahenden Macht keineswegs nur intellektuell entziehen wollten, zeigt schon die Ausstellungsarchitektur: Eingefasst in Passepartouts aus grellrosa leuchtendem Plexiglas, hängen die Liebes-Bekenntnisse und -Erklärungen auf Augenhöhe der Betrachter von der Decke und werfen rechteckige Schatten auf den Boden, die an Zugwaggons erinnern.« Frankfurter Allgemeine Zeitung (Felicitas von Lovenberg)
»Eine grandiose Schau auf der Marbacher Schillerhöhe.« Stuttgarter Nachrichten (Thomas Morawitzky)
»Die Ausstellung lässt den Betrachter frei durch einen lippenrot eingefärbten Plexiglas-Parcours fluktuieren, in dem die Liebesbeteuerungen wie seltene Briefmarken oder gepresste Pflanzen eingespannt sind und der - neben der historischen Chronologie - überraschende Querverbindungen schafft. Hat man die üblichen Verdächtigen erst mal hinter sich, also Goethes Werther, den Erlkönig, Schillers Maria Stuart (aus der der Liebes-Satz im Druck dann gestrichen ist), Brentano, Uhland, den Pfarrer Mörike, der übrigens auch Muttertagsherzchen malte, dann fällt man unversehens über Schwitters eigenhändig abgeschriebene Anna BlumeDa ich einsam bin oder Klabunds an Carola Neher. Das reicht also vom ironischen Spiel bis zum bitteren Ernst. Historisch aber ist die Romantik der große Wendepunkt: Man heiratet nicht mehr, um versorgt zu sein, sondern um Erfüllung zu finden.« Deutschlandfunk (Christian Gampert)
»Ob ›Wolke sieben‹ oder Liebespein, ob ausufernde Beteuerungen, kecke Worte oder Emotionen im Telegrammstil: Wenn große Autoren in der neuen Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs ›Ich liebe Dich‹ sagen, klingt es nur selten abgedroschen. ... Ein literarischer Bogen von Goethes Romanseiten aus dem Jahr 1774 bis in die heutige Zeit. Romantisch verspielt, hübsch verziert oder voller Wortwitz bieten die Exponate Frischverliebten einige Anregungen.« Märkische Oderzeitung
»Das Lorbeerhauptquartier der deutschen Geistesgeschichte, das Marbacher Literaturarchiv, geht nun in einer Ausstellung der Spur jenes Satzes nach und hat dafür die Bestände ... durchkämmt. Leitfaden der Schau ist also nicht die Liebe (das wäre wirklich maßlos), sondern ihre Schriftform, die ›verbotenen drei Worte‹ (Ulla Hahn). Die schließen jedoch ihre eigene Negation mit ein. So Hermann Hesses ›‹Rücknahme‹ von 1901: ›Ich sage nicht: Ich liebe dich / Ich sage nur: gib mir die Hand / Und dulde mich // Mir schien, du wärest mir verwandt‹. Dem Gegenstand angemessen schweben die Exponate, meist Manuskripte oder Briefe, auf Augenhöhe am seidenen Faden zwischen Fußboden und Decke, ›himmelhoch jauchzend‹ und ›zum Tode betrübt‹ sozusagen. Geschützt liegt das Papier hinter pinkfarbenem Glas, Liebende lesen halt alles mit rosaroter Brille. Die Ordnung ist chronologisch ... Wie immer in Marbach ist die Ausstellung ein Fest für Graphologen; an Autoren wie Doderer, Nelly Sachs oder auch Martin Mosebach lassen sich ausgiebig Handschriftenstudien betreiben. Zu warnen ist freilich vor dem Missverständnis, man würde dabei etwas über die Liebe selbst entziffern können. Wie die Kuratorin Heike Gfrereis sagte, könne kein Archiv der Welt die Frage beantworten, wie wahr die beschworenen Gefühle wirklich sind.« Die Welt (Richard Kämmerlings)
»Schrilles Neonpink in konservatorischer Dämmerkälte, geheiligte Autographen hinter gefärbtem Plexiglas, Herzen und Trockenblumen in unmittelbarer Nachbarschaft zu Zeugnissen intellektueller Substanz - wem nicht schon bei dieser Mischung schwindlig wird, den könnte die Häufung papierener Liebesbekundungen um den Verstand bringen, dieses versammelte Verbalgeturtel großer und mittelgroßer Geister beziehungsweise ihrer Figuren, in Manuskripten und Briefen, auf Postkarten, Zetteln und Billetts, auf Notenblatt und Telegrammformular, handschriftlich, maschinengetippt oder gedruckt, mit oder ohne Zeichnungen, in alle literarischen Gattungen gekleidet oder als Selbstentblößung im privatesten Herzenserguss.« Süddeutsche Zeitung (Kristina Maidt-Zinke)
»Das Deutsche Literaturarchiv Marbach hat sich auf die bewegten und bewegenden Spuren von ›Ich liebe Dich!‹ geheftet. ... Das Marbacher Magazin dokumentiert die Schau wiederum hervorragend in Text und Bild. Darüber hinaus enthält es ein profundes und witziges Gespräch zwischen Michael Lentz und Sibylle Lewitscharoff«. Neue Zürcher Zeitung (Andreas Breitenstein)
Zum Beitrag in den Tagesthemen
Briefe an Ottla. Von Franz Kafka und anderen (1. Juni bis 11. September 2011)
»Dass in Schriftstücken ernstlich Leben steckt - und das muss am Ende der Sinn und Grund ihrer Archivierung sein -, wird hier deutlich wie selten.« Frankfurter Rundschau (Judith von Sternburg)
Die Ausstellung zeichnet »erstmals auch ein deutliches Bild von Kafkas Lieblingsschwester Ottla: Die Konturen dazu lieferte Franz Kafka selbst, der in seinen Briefen auch alle Register einer scherzhaften Mimikry zog. Zuweilen geht er dabei so weit, dass der geübte Zeilenjongleur die Handschrift der Schwester bis zur annähernden Anverwandlung nachahmt. Das hat System, denn einmal verwechselt Franz sogar beider Namen, muss den eigenen wieder durchstreichen und durch Ottla ersetzen. Während jener seine Buchstaben, Wörter und Zeilen aber stets äußerst gedrängt und kleinteilig auf dem Papier verteilt, sie bis an die äußersten Ränder führt, kaum eine weiße Fläche ausspart und auch Bildpostkarten überschreibt, folgen die wenigen Familienbriefe, die von Ottilie überliefert sind, einem ganz normalen Duktus der Hand, so wie man Briefeschreiben eben von Kind auf gelernt hat: Mit genügend Zeilenabstand, deutlich ausgesparten Rändern, klar gegliederten Absätzen. Nur einmal aber, da nimmt auf unheimliche Weise die Handschrift und Typographie eines ihrer Briefe die Gestalt des längst verstorbenen älteren Bruders Franz an: Es ist Ottla Davidovàs letzter Brief an ihre beiden Töchter Vera und Helena, geschrieben im Konzentrationslager Theresienstadt und durch einen Mittelsmann damals herausgeschmuggelt: ›Meine lieben Mädchen‹, beginnt sie und sucht die Kleinen über das Schicksal ihrer Mutter zu beruhigen, ›jetzt geht es mir sehr gut, furchtbar hat mich der Umstand bedrückt, dass ich kein Blatt schreiben konnte ...‹ Das Blatt ist vollgeschrieben. wie man ein Blatt nur vollschreiben kann, nämlich so wie Franz Kafka es vormachte.« Süddeutsche Zeitung (Volker Breidecker)
»Mit kleinen Windungen geradeaus hin strömen auch die vielen Postkarten, später Briefe, die Kafka seiner geliebten Schwester aus halb Europa zusandte. Seine schöne, lesbare Handschrift duckt sich in die Winkel, umläuft die Ränder, springt gar auf die Vorderseiten, sowie ruhige, helle Texturen von Wolken oder Gewässern die semantische Zweckentfremdung gestatten. Als ebenso wendig wie die Buchstaben erweist sich der Geist, der sie beflügelt.« Die Welt (Jan Küveler)
»Der Handschrift des Dichters, der zur literarischen Ikone des 20. Jahrhunderts geworden ist, im Original gegenüberzustehen, hat im Zeitalter der unendlichen elektronischen Reproduzierbarkeit von Texten und des Sterbens der Handschrift schon etwas Auratisches.« Badische Zeitung (Bettina Schulte)
Schicksal. Sieben mal sieben unhintergehbare Dinge (5.5.-28.8.2011)
»Die wunderschöne Ausstellung ›Schicksal‹ im Deutschen Literaturarchiv Marbach findet das Private im großen Zusammenhang. Sie öffnet die Augen für all die Dinge, die einen umgeben. ... Dem Dichter Kleist, der das Schicksal zu schätzen und zu schildern wusste wie kein anderer und es vor 200 Jahren in der Tat so ultimativ in die Hand nahm, wie ein Lebewesen nur kann, ist die neue Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs Marbach gewidmet. ›Schicksal. Sieben mal sieben unhintergehbare Dinge›‹ ist der gut aussehende Einblick in das Gedankengebäude einer raffiniert zurechtgelegten Beliebigkeit. So entspricht die Schau ihrem Gegenstand perfekt. Perfekt auch, dass Heike Gfrereis, Leiterin des Literaturmuseums der Moderne, vorab erklärte, alles habe schließlich seinen richtigen Platz gefunden, ›so schien es uns wenigstens‹. Denn so ist es immer mit dem Schicksal: Es verwirrt, aber dann ist es irgendwie richtig, und gleich verliert man aus den Augen, dass es auch ganz anders hätte richtig sein können. ... Der Ausstellungsraum greift noch dazu das Scharlatanhafte auf, das dem Schicksal ebenfalls anhaftet. Es ist ziemlich dunkel, und Gestirne scheinen die Wände entlangzuwandern. Tatsächlich ist das aber eine lädierte (also präparierte) Discokugel, die verlangsamt an der Decke dreht. Schicksal setzt sich seit jeher in Szene. Im Raum selbst stehen nun sieben große runde Vitrinen wie große Modelle der Erde, wenn sie am Ende doch flach gewesen wäre. Wer sich über sie beugt, kann durch Löcher im schwarzen Grund die (etwas großzügig gerechnet) sieben mal sieben Dinge sehen, die Heike Gfrereis und ihre Mitkuratoren Ellen Strittmatter und Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs, ausgesucht haben, um das Schicksal zu materialisieren.« Frankfurter Rundschau (Judith von Sternburg)
»Wer sich durch die Marbacher Ausstellung treiben lässt, die vom Design her ein bisschen wie ein Planetensystem aufgebaut ist, sieben Themen-Inseln mit einer sich drehenden, glitzernden Disco-Kugel unter der Decke, der wird schnell erkennen, dass Lebenswege sich besonders an Büchern gabeln, verästeln oder die Richtung ändern: eine volle Abteilung zeigt, wie Intellektuelle mehrerer Generationen sich an Heideggers Sein und Zeit abarbeiten, von Adorno, Blumenberg und Koselleck bis Sloterdijk, von Paul Celan bis Botho Strauß, mit allen denkbaren Unterstreichungen und Annotationen. ... Natürlich ist, wer als Kurator nicht streng systematisch vorgeht, sondern auch den Zufall Schicksal spielen lässt, immer angreifbar. Aber, das zeigt die Ausstellung, Kreativität ist immer ein Balance-Akt aus Planung und Inspiration: Rilkes Anfangs-Verse der 1. Duineser Elegie trafen ihn wie ein Blitz, eine Eingebung eben. Und das schicksalhafte Lebensmotto, die beschwörende Formel wird einem oft wie nebenbei von jemand anderem geschenkt. Der Komponist Wolfgang Rihm erhielt von seinem Mentor Karlheinz Stockhausen einst den Rat: ›bitte folgen Sie ganz Ihrer inneren Stimme‹«. Deutschlandfunk (Christian Gampert)
»Wie sieben spiegelglatte, schwarze Seen ruhen die Rundvitrinen im verdunkelten Ausstellungsraum, die Objekte liegen unter hellen Angellöchern. Und weil das Schicksal keinen Anfang und kein Ende kennt, gibt es Kreise, wohin man schaut, bis hin zur an die Wand projizierten Sonnenfinsternis. Als Kugel der Fortuna dient eine sich träge drehende Discokugel an der Decke. ... Ein Höhepunkt dieses in seiner Vieldeutigkeit und seinem Assoziationsreichtum für Marbach typischen Ausstellungs-Essays ist das Gespräch mit Sloterdijk über die Geistesgeschichte des Schicksalsbegriffs im begleitenden Magazin. ... Verlässlich alle Fäden in der Hand, jedenfalls erzählerisch, hatte Goethe, dessen Fransensammlung nach all den Schlägen sicher eingetütet daherkommt - vermeintlich. ›Das Schicksal, für dessen Weisheit ich alle Ehrfurcht trage, mag an dem Zufall, durch den es wirkt, ein sehr ungelenkes Organ haben‹, bemerkte er. In Marbach, wo der Zufall der Persönlichkeit die Auswahl der Schicksalsstücke mitbestimmt, stiftet er höchst elegant neue Zusammenhänge.« Frankfurter Allgemeine Zeitung (Felicitas von Lovenberg)
»Entstanden ist eine faszinierende Schau, die das buchstäblich Schillernde eines längst nicht abgewirtschafteten Begriffs ausstellt.« Südkurier (Anton Philipp Knittel)
Ernst Jünger. Arbeiter am Abgrund (7.11.2010-27.3.2011)
»Muss man heute noch antreten, wenn Ernst Jünger zur Werkbesichtigung ruft? Unbedingt. Wer moderne Autorschaft begreifen will, sollte die exzellente Ausstellung in Marbach sehen. ... Diese Ausstellung lockt uns in einen Hinterhalt. Als erstes Objekt, in Tageslichthelle präsentiert, ein bunter Regenschirm, aufgespannt, als habe ihn ein Sommerfrischler zum Spaziergang bereitgelegt. Dann, nur wenige Schritte weiter, der Eintritt in die abgedunkelte Katakombe. Und plötzlich ist er da: in einem gläsernen Kasten, umflort von Dämmerlicht, Ernst Jüngers Helm aus dem Ersten Weltkrieg mit Einschusslöchern an der Seite. ... Wie nun lässt sich das von Schlagworten - Schreckensästhetik! Moderneschelte! Kriegssymphonik! - umstellte Œuvre auf einen Horizont der Produktion hin öffnen? Genau so: indem man einen Deutungshorizont herstellt, eine Linie, an der entlang sich nicht die Geister, sondern erst einmal die Texte in ihren unterschiedlichen Entstehungsphasen scheiden. In Marbach ist das ganz konkret umgesetzt: Das Rückgrat der Ausstellung bildet eine Vitrinenreihe, die ein Zeit- und Textband entzweischneidet. Oben liegen Notiz- und Skizzenbücher, Kladden und Schreibhefte, unten die Manuskripte in verschiedenen Bearbeitungsstufen. 280 Tagebücher sind es allein, die hier erstmals zu sehen sind; sie bilden das Reservoir, aus dem der Schreiber seine Ideen und Motive schöpft. Das beginnt mit Tagebüchern des Ersten und Zweiten Weltkrieges und zieht sich fort über die Diarien nach 1944 bis hin zu den Kalendern, deren Notate sich in Spätwerken wie Siebzig verweht und Eumeswil niederschlagen. ... Man muss das gesehen haben: Wie Jünger Heftchen und Kalender füllt mit Schrift, aber auch Skizzen, Verzierungen, Tabellen. Eine ganze Illustrationskultur ist hier zu bestaunen, die in die Texte hineinwuchert, ein Synkretismus der Formate und Stile und eben erst einmal nicht die metallische Verhärtung des Materials, wie die literarische Coolness sie fordert.« Frankfurter Allgemeine Zeitung (Daniel Haas)
»Die Marbacher Ausstellung bietet hier die faszinierende Gelegenheit, den gesamten Prozess solcher ›Werkwerdung‹ - so fasst es das Kuratorenteam Heike Gfrereis, Ellen Strittmatter und Stephan Schlak ... - wie auf einem vom Autor bedienten Rangierbahnhof vom Rohmaterial über sämtliche Arbeitsstadien, Umarbeitungen, Varianten, Revisionen bis zu vorläufig letzten Fassungen zu verfolgen.« Süddeutsche Zeitung (Volker Breidecker)
»[Die] Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne ... inszeniert das Geschichtete von Jüngers Texten auf ebenso einfache wie schlüssige Weise. Die erstmals in dieser Fülle aus dem Nachlass gezeigten Exponate fügen sich ... zum sinnstiftenden Neben- und Übereinander.« Neue Züricher Zeitung (Roman Bucheli)
»In den Glasvitrinen des tempelgleichen Literaturmuseums des Moderne in Marbach erfahren die Manuskripte der deutschen Literatur eine ungeahnt auratische Aufladung. Manuskript heißt aber auch: Was zählt, ist nicht das vollendete Werk, sondern seine irdische Genese ... Hier wird jeder Klassiker wie bei einem Röntgenbild bis auf sein Knochengerüst durchleuchtet. Von marmorner Größe bleibt nicht viel. So ist es jetzt auch Ernst Jünger ergangen. Die Ausstellung Ernst Jünger. Arbeiter am Abgrund setzt Maßstäbe dafür, was eine Literaturausstellung zur Erhellung eines Werkes leisten kann.« Die Zeit (Ijoma Mangold)
Cortázar, Onetti, Paz. Suhrkamps großer Süden (11.6.-3.10.2010)
»... eine Erzählung in Notizen, Faxen, Fotos, Zetteln, die vor allem von einem Mann geprägt ist: Siegfried Unseld ... Anfang des Jahres erst war das Suhrkamp-Archiv aus Frankfurt nach Marbach gebracht worden ... Die Südamerika-Ausstellung, leicht verständlich und attraktiv dargeboten ... ist ... eine kleine Probebohrung.« Frankfurter Allgemeine Zeitung (Christina Rietz)
Deutscher Geist. Ein amerikanischer Traum (7.5.-3.10.2010)
»Unter textilen, cremefarbigen Segeln, die im Kontext der Ausstellung ihre ganz eigene Wirkung entfalten, reihen sich ... in den Vitrinen Texte von A wie Adorno bis Z wie Zuckmayer. ... Die deutsche Literaturgeschichte aus deutsch-amerikanischer Perspektive - das ist ein Streifzug durch Emigrantenschicksale, der Mythos der Neuen Welt, aber auch die ästhetische Ambition deutscher Schriftsteller.« Ludwigsburger Kreiszeitung (Sabine Frick)
»bemerkenswerte Einblicke in [die] Schätze [des Deutschen Literaturarchivs] ...« Die Welt (Uwe Wittstock)
»Der transnationale Ideen-Austausch, von dem die Ausstellung in einem Bogen von fünfzig Stationen von Adorno bis Zuckmayer und von 1756 bis 2001 erzählt, beginnt mit der Wahl der Gastkuratoren. Mit dem Berliner Ernst Osterkamp und David E. Wellbery aus Chicago hat man zwei renommierte Germanisten gewonnen, die mit den Marbacher Beständen bestens vertraut sind und denen es nicht schwerfiel, sich auf ihren Kanon von fünfzig Objekten zu einigen. So erinnerte sich Ernst Osterkamp an eine Bemerkung des früheren Marbach-Direktors Bernhard Zeller über das besondere Exemplar von Johann Heinrich Winckelmanns ›Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst‹, das Mitte des achtzehnten Jahrhunderts den Antikenkult auslöste. Der Band, den der Gräzist Paul Friedländer um 1900 als Berliner Schüler antiquarisch zum Preis von einer Mark erwarb, hatte einen lange Zeit unbemerkt gebliebenen Vorbesitzer: Lessing - für den das Werk wiederum Ausgangspunkt seiner großen Laokoon-Studie war. Ein solcher ›Strom des Dialogs‹, wie ihn David Wellbery im Katalog zwischen Nietzsche und Lou Andreas Salomé ausmacht, trägt nicht nur die Ausstellung, sondern beseelt auch die einzelnen Objekte. Auf die kürzeste, glücklichste Formel gebracht wird das von Alexander von Humboldt, der, Fichte im Geiste, im Tagebuch seiner Mexiko-Reise notiert: ›Alles ist Wechselwirkung.‹ Der Globetrotter selbst ist mit einer Zeitungsnotiz über seine amerikanische Forschungsreise vertreten. Zentral für den Dialog der Objekte untereinander ist die alphabetische Anordnung, die für überraschende Nachbarschaften sorgt und überdies chronologische Lücken verwischt. So trifft Gadamers Handexemplar seines Hauptwerks ›Wahrheit und Methode‹ auf eines von Robert Gernhardts 675 Notizheften - aufgeschlagen ist eine diabolisch-höhnische Diktatorenkarikatur -, zu dem sich Goethes Muster-Heft seiner Farbenlehre gesellt, das zur Klarheit zwingende Verhältnis von Schwarz und Weiß veranschaulichend. Handkes schwärmerischer Tagebuchton muss sich gegen Hegels ›Geschichte der Philosophie‹ behaupten, von Mörikes ›Gebet‹-Strophe (›Doch in der Mitte / liegt holdes Bescheiden‹) wandert der Blick zu Theodor Mommsens Testament, und Schlinks ordentliches ›Vorleser‹-Manuskript erblasst neben Schillers Schönheitslinie, während Sebalds ›Austerlitz‹ von 2001, das jüngste Manuskript der Schau, einsam den vorzeitigen Endpunkt im Werk dieses großen Autors markiert. Wer sein Ohr an die papierne Rinde dieses mächtig rauschenden geistesgeschichtlichen Stammbaums legt, kann ihm beim Wachsen zuhören.« Frankfurter Allgemeine Zeitung (Felicitas von Lovenberg)
»Diese Ausstellung [weiß] viel über geistige und literarische Traditionsbildung als fortdauernden, in stetiger Verwandlung begriffenen Prozess zu erzählen. ... Der Besucher... wird zum Zeuge wunderbarer, allein den Zufälligkeiten der alphabetischen Anordnung entspringender Dialoge: Hannah Arendts Notizheft der Marke ›Champion‹ liegt geöffnet neben der hekotgraphierten Erstausgabe der ›Dialektik der Aufklärung‹ mit einer handschriftlichen Widmung Adornos an eine unbekannte ›Liebe Frieda‹. ... In Franz Kafka endlich hat der deutsche Emigrant Siegfried Kracauer postum seinen Wunschnachbarn gefunden.« Süddeutsche Zeitung (Volker Breidecker)
Randzeichen. Drei Annäherungen an den schöpferischen Prozess (28.1.-18.4.2010)
»Ist alles Werk, was dem Autor aus der Feder fließt? Während noch der Einkaufszettel von der Hand des Genies bewussten Intentionen folgt, liegt der Fall bei Zeichnungen am Rande von Manuskripten anders. Erholt sich in den Kringeln, den Krakeleien und dem Gekritzel neben dem Text der Geist von der Mühsal des Schöpfertums, ist die hingeworfene Fratze neben dem vollendeten Gedicht eine Fermate des Musenstroms? Oder entspringt das nur scheinbar zufällige Bild der gleichen, unablässig aktiven Ausdruckskraft, die keine Schreibpause ungenutzt lassen kann? Die kleine, überaus anregende Marbacher Ausstellung ›Randzeichen‹ leistet mit bislang nie gezeigten Manuskripten Pionierarbeit auf diesem recht unbeackerten Feld. Wenn Paul Celan zu seinem Gedicht »Von Dunkel zu Dunkel« Frauengesichter mit einer wie eine Prothese klaffenden Augenpartie skizziert oder Hermann Hesse zu seinem vitalistisch-präpotenten Versen ›O wilde Nächte›‹ eine grinsende Fratze schneidet, hat dies eindeutig den Charakter von Hilfszeichnungen. Der Wechsel des Mediums dient zur Lösung eines Problems oder auch zur Selbstanfeuerung der Dichterglut. Doch schon bei Rilke bewegt sich der Deutungswille auf das rutschige Eis der Textoberfläche. ... Die Interpretationskunst bewegt sich dabei selbst an den Rändern ihrer Kompetenz, was die Ausstellungsmacher auch in den essayistisch-tastenden Begleittexten und der ironischen Präsentation reflektieren: Im räumlichen Zentrum der dreiteiligen Schau steht das Album des schwäbischen Dichters Justinus Kerner (1786 bis 1862), ein seit den vierziger Jahren entstandenes Collagenwerk aus den berühmten ›Klecksografien‹ und Druckgrafik mehrerer Jahrhunderte, das als Welttheater und Bilderatlas im Sinne Aby Warburgs gedeutet wird. ... Ulrich Raulffs leichthändiges Vorwort zum Katalog lässt selbstironische Distanz zu dem Versuch erkennen, das Zerstreute Ordnungen der Vernunft zu unterwerfen. Im Gekritzel, an den Rändern, ›wo die wilden Zeichen wohnen‹, öffnet sich auch der Abgrund des Wahns - auch für den Betrachter, der überall Beziehungen erkennen will: Hic sunt leones.« Frankfurter Allgemeine Zeitung (Richard Kämmerlings)
»Die Schau ›Randzeichnungen‹ [lädt] wie die beiden gleichzeitig eröffneten ineinander verschachtelten Ausstellungen ... zum Spaziergang auf Nebenpfaden der Literaturproduktion ein. Gehängt wurde das in einer durchaus effektvollen Steigerung. Zu Beginn findet sich unter Jakob van Hoddis´ Zeilen »Wir glänzen, wir streben / Und Tod hüllt uns ein« das zarteste rötliche Gespinst. Zum Abschluss ist auf Gertrud von le Forts Löschblatt kein Millimeter mehr Platz. Dazwischen ahnt man, wie sich Friedrich Theodor Vischer in der Paulskirchenversammlung gelangweilt hat. Oder Erich Kästner im Mathematikunterricht, und später hat sich dennoch niemand getraut, das Blatt wegzuwerfen. ... Dennoch sind die Bildchen keine Leichtgewichte. Vielmehr geben sie Gelegenheit, die großen (und nicht so großen) Dichter einmal im Moment der Unkonzentration (oder Konzentration) zu erleben, als dürften wir ihnen über die Schulter blicken. Das verdeutlicht noch die zweite Ausstellung, etliche Quadratmeter erstmals gezeigter ›Illustrationen‹ von Martin Mosebach. Er zeichne, gibt er zu Protokoll, ›vor und auch während des Schreibens, ich betätige einfach immer weiter den Füller und habe das Gefühl, dass das Schreiben weiter geht, wenn es in Wirklichkeit stockt‹. Es wäre das bunte Gewirr eines Gelangweilten und Stockenden, wenn es nicht ein Teil des Schreibprozesses eines Büchner-Preisträgers wäre, Monsterszenarien, Alpträumchen, Bilderfetzen aller Art. ... Die dritte Ausstellung, die von der Decke herab in der Mitte der schicken Säle hängt, ist ein reizendes Fundstück aus den Tiefen des Marbacher Literaturarchivs: ein von dem Dichter Justinus Kerner (1786-1862) und später seinem Sohn geführtes wunderbar sinn- und zweckloses Album. Komische Tiere, schaurige Szenarien, antike Stätten und Situationen, Porträts, die mit Öhrchen, Tintenfleck-Monster-Gesichtern oder Äffchen auf der Schulter verspöttelt, aber auch in die Sphäre des Unheimlichen transportiert werden. Vor sich selbst macht Kerner dabei nicht Halt.« Frankfurter Rundschau (Judith von Sternburg)
»Wie Autoren auf bildnerischen Neben- und Umwegen zum Wort, zum Dichten geraten, ist in der dreigeteilten Schau ... höchst vergnüglich zu ergründen. Von der einfachen Form des gedankenverlorenen Kritzelns über unterbewusste Stift-Impulse bis hin zu wilden Zeichnungen, die das gesamte Blatt einnehmen und das Schriftbild überwuchern, reicht das lustvolle Miteinander von Text und Bild. ... Faszinierend ist in der sehenswerten Ausstellung das unmittelbare Nebeneinander von bekannten und unbekannten Schriftstellern.« Augsburger Allgemeine (Monika Köhler)
Autopsie Schiller. Eine literarische Untersuchung (1.3.-4.10.2009)
»Naturgemäß sollte man sich ... Fragmenten eines Klassikerlebens nicht mit den strengen Echtheitserwartungen eines naturwissenschaftlichen Zeitalters nähern. Stammten alle Locken, die jetzt in Marbach zu sehen sind, tatsächlich von des Dichters Haupt, hätte er sowohl blond wie auch braun- und rothaarig sein müssen. ... In diesen Zweifeln hätte ein schwerwiegendes Problem für die Ausstellung liegen können. Kann man in den versammelten Bruchstücken aus Schillers Biografie, wenn sie biografische Authentizität oft nur sehr bedingt beanspruchen können, mehr sehen als eine Art Kuriositätensammlung naiver Dichteranbetung? Könnten sie heute überhaupt noch der angemessene Gegenstand einer großen Schau sein? Die Leiterin der Marbacher Literaturmuseen, Heike Gfrereis, hat diese Klippe einfallsreich umschifft und aus einer Ausstellung von recht gewöhnlichen Gegenständen unklarer Herkunft eine Literaturausstellung gemacht. ... So ist eine Ansammlung von zweifelhaften lebensgeschichtlichen Zeugnissen durch kluge Ergänzungen zu einer sorgsam arrangierten ideengeschichtlichen Ausstellung erweitert worden, die mit Überraschungen aufwarten kann.« Die Welt (Uwe Wittstock)
»›Autopsie Schiller‹ ist eine Ausstellung, die tatsächlich vom Sinnlichen zur Sinnlichkeit der Texte eine Brücke schlägt, und das mit schönem Gespür für kleine Bruchstellen, verschwiegene Verbindungen, auratische Archivalien, erhellende Textfunde, symptomatische Autografen. Am eindrücklichsten sind vielleicht jene ausgestellten Bücher und Manuskripte, in denen Schiller mit Furor seine Notizen und Streichungen eingefügt hat. Aber auch die mutmaßlich von Schiller stammenden Gegenstände sind beredt: Sein Löffel und seine Schuhschnalle werden durch die Hinführung aufs Werk zu materiellen Trägern immaterieller Ideen.
So ist diese Ausstellung mindestens ebenso sehr eine kritische Auseinandersetzung mit den Mythen, die sich seit dem 19. Jahrhundert um einen Künstler wie Schiller ranken, wie auch eine Werkgeschichte. Der Devotionalienkult wird hier einsichtig gemacht als Religionsersatz: Die Reliquie als Datenträger von etwas Höherem, das aus der Dichtung spricht, das man aber gerne auch dem Künstler andichten möchte.« Frankfurter Rundschau (Ulrich Rüdenauer)
»Die Ausstellung ›Autopsie Schiller‹ ist simpel, aber wirkungsvoll und genial zusammengestellt. Schillers Körper wurde in neun Teile zerlegt, wie bei einer Autopsie. Die Ausstellung betritt man über einen kleineren, separaten Raum, darin wird in die Ausstellung eingeführt, Schillers Werk und Leben dargestellt. Es gib eine Vitrine in dem dunklen Raum, mit einem Faden, von Schillers Mutter gesponnen. Der Lebensfaden Schillers ist aufgenommen - eine schöne Paraphrase. Der poetische Beginn steht stellvertretend für die Poesie, die über der gesamten Schau steht.« Südwest Presse (Gabriele Szczegulski)
»Wie stellt man einen toten Dichter aus? Einen, den man vor vier Jahren erst ... in großem Stil ehren musste, da man im Besitz eines prächtigen Nationalmuseums zu seinem Gedächtnis ist? Das Literaturarchiv Marbach hat sich der Herausforderung ... bravourös gestellt. ... Der Ausstellung gelingt es, in den materiellen Spuren, den Überbleibseln seiner Existenz, diese Wucht sinnlich erfahrbar zu machen. Der tote Dichter steigt vom Sockel der Nationalverehrung und wird lebendig. Die poetische Auferweckung findet statt. Das ist ein kleines Wunder - 250 Jahre nach seiner Geburt.« Badische Zeitung (Bettina Schulte)
»... eine wagemutige Ausstellung ... Das so entstande virtuell anmutende ›Körperkonstrukt‹ Schiller, das im Auge des Betrachters erst seine Form annimmt und im besten Sinne des Wortes ›zusammenphantasiert‹ werden muss, überzeugt, weil die Exponate in Marbach nicht museal präsentiert werden. Dem Dichter hätte dieses luzide Ausstellungsexperiment wohl gefallen. Seiner Parole ›Frisch also! Mutig ans Werk!‹ wurde hier sinnlich und sinnreich entsprochen.« Rheinischer Merkur (Andreas Öhler)
»Der vergeistigte und entmaterialisierte Dichter wird in die Sinnlichkeit der Anschauung zurückgeholt und erhält wieder einen Körper – wortwörtlich von Kopf bis Fuss. … Denn nicht weniger versucht diese Ausstellung, als die Lebensspuren im Gegenlicht des Werks zu zeigen und in diesem wiederum die Wasserzeichen eines gelebten Lebens durchscheinen zu lassen. … Das Ensemble dieser unterschiedlich grossen, allesamt runden Vitrinen in dem recht dunklen Ausstellungssaal ergibt ein zauberhaftes Spiel von Licht und Schatten. Da hineinzutreten, ist, als begebe man sich in einen Raum, wo die Sphären nicht mehr getrennt sind, wo die Materie mit den Ideen und Goethes ›Sinnenwelt‹ mit Schillers Seelenwelt vereint wird.« Neue Zürcher Zeitung (Roman Bucheli)
»Gedankenreich und anregend ist diese Schau, weil ihr Konzept in vieler Hinsicht Weite verbürgt. Und sie regt wirklich dazu an, Schiller wieder zur Hand zu nehmen und zu lesen. Seinem Schönheitsbegriff, wie er ihn in einem Brief an Körner entfaltet, wird sie notwendigerweise nicht gerecht. Sie bietet eben keine ›Form, die sich selbst erklärt‹, indem sie sich ›ohne Hilfe eines Begriffs‹ erschließen würde. Sie bringt vielmehr die Begriffe, Ideen und Anschauungen in ein kreatives Durcheinander, das jeder auf je eigene Weise ordnen kann. Überzeitlich ist dies dann doch, wenn auch nicht allzu beschaulich - und somit eine Schiller-Schau, die zu Marbach am Neckar und seiner Schillerhöhe passt.« Mannheimer Morgen (Thomas Groß)
Zum Beitrag in der Tagesschau
Strahlungen. Atom und Literatur (20.11.2008–1.2.2009)
»Es war wohl ein gewagtes, aber jedenfalls lohnendes Abenteuer, als Helga Raulff und Tanja Stumpff, die Kuratorinnen der jüngsten Marbacher Ausstellung, in die Archive der Denker und Dichter hinabstiegen und nach dem literarischen Fallout suchten, den die Atombomben in Manuskripten, Briefen und Tagebüchern hinterlassen hatten. In dem zur Ausstellung erschienenen ›Marbacher Magazin‹ hat Helga Raulff die aus rund zwei Jahrzehnten gewonnenen Materialien sorgsam geordnet sowie klug interpretiert. In ihrem grossen Essay erläutert sie, welche Peripetien das Denken und Schreiben nach und mit der Atombombe genommen hatten.« Neue Züricher Zeitung (Roman Bucheli)
»Hat Hiroshima die deutsche Literatur verändert? Schlug sich der Sturz ins nukleare Zeitalter nachhaltig im Denken und Schreiben von Schriftstellern und Philosophen nieder? Welchen literarischen Fallout hatten die Atombomben, die 1945 auf Japan fielen? Die Ausstellung ›Strahlungen. Literatur und Atom‹ .... geht diesen Fragen nach - erstmals in Deutschland. ... An fünf großen Tischen blättert die Ausstellung Annäherungen und Perspektiven auf das nukleare Zeitalter auf, wie sie sich vor allem von 1945 bis Ende der 70er Jahre herauskristallisiert haben. Viele Manuskripte aus den in Marbach aufbewahrten Nachlässen werden erstmals öffentlich gezeigt. In Briefen oder Tagebüchern setzen sich die Intellektuellen mit dem Angriff auf Hiroshima am 6. August 1945 auseinander, mit dem schlagartig das Nuklearzeitalter begann. ›Ernst Jünger etwa schreibt davon, dass Hunderttausende von Menschen an einem Tag ausgelöscht wurden - und bekommt dann erstmal Kopfschmerzen‹, berichtet [Helga Raulff, Kuratorin der Ausstellung.]« Frankfurter Neue Presse (Roland Böhm)
»Die Bombe wird sehr still gezündet. Es geschieht im tiefen dunklen Schrein des Literaturmuseums der Moderne in Marbach. Fünf Glasvitrinen mit rund einhundert Dokumenten handeln von ›Atom und Literatur‹. Ganz leise strahlt aus ihnen die nukleare Bedrohung; kein Atompilz, keine Friedensdemonstration, kein Schreckensbild von Tätern oder Opfern ist hier zu sehen. Nur Texte. ... Seit 1945, signifikant aber erst seit Anfang bis Mitte der fünfziger Jahre verzahnen und verhaken sich, was die Atombombe angeht, Beschwörungen existenzieller Unbehaustheit und die Suche nach adäquaten literarischen Ausdrucksformen einerseits mit der Formulierung einer Protestbewegung andererseits. Das führt die von Helga Raulff und Tanja Stumpff kuratierte Ausstellung mit ausgewählten Stücken aus dem Marbacher Archiv eindrucksvoll vor Augen.« Süddeutsche Zeitung (Johann Schloemann)
»Zum desillusionierenden, aufklärerischen Gehalt der Ausstellung gehört, dass sie mit einigen Missverständnissen aufräumt, die sich mitunter bis heute gehalten haben. Der nach dem Krieg im Zivilleben gescheiterte US-Pilot Claude Eatherly gab sich als Kommandant des Flugzeuges aus, der die Bombe über Hiroshima abgeworfen hatte. Der Philosoph Günther Anders korrespondierte mit ihm, Marie Luise Kaschnitz und Ludwig Harig schrieben Gedichte über ihn. Dass er zerrüttet in einem Sanatorium lebte, wurde seinerzeit als Beleg dafür herangezogen, wie sehr er unter der Verantwortung für seine Tat leide. Doch flog Eatherly, wie sich inzwischen nachweisen ließ, nur einen Wetteraufklärer, der mit dem Bombenabwurf nichts zu tun hatte. Der tatsächliche Kommandant des Hiroshima-Angriffs, Paul W. Tibbet, schied 1966 als Brigadegeneral aus der Armee aus und rechtfertigte den Bombenabwurf bis ins hohe Alter als Kriegshandlung.« Die Welt (Uwe Wittstock)
Wandernde Schatten. W.G. Sebalds Unterwelt (26.9.2008-1.2.2009)
»Die beiden Kuratorinnen der Ausstellung zu W. G. Sebald im Literaturmuseum der Moderne in Marbach ... haben mit den Dokumenten aus dem reichhaltigen Nachlass des Schriftstellers eine Sehschule eingerichtet, in der Sebalds poetischer Kosmos zum Raumerlebnis gerinnt und die einzelnen Werke in ihren Entstehungszusammenhängen aufgefächert werden. ... Die Wirkung auf den Besucher ist so verblüffend, wie damit zugleich ein poetisches Prinzip zu schönster Anschaulichkeit gelangt. Sebalds Werke sind in sich selber bis in die Unendlichkeit der Sinnentfaltung verspiegelte Mikrokosmen, die sich sprunghaft und assoziativ entwickeln und die Vielfalt ihrer Bezüge und Verweise stets gegenwärtig halten. ... Wozu sollte die Literatur gut sein, fragte sich Sebald wenige Wochen vor seinem Tod in der Ansprache zur Eröffnung des Stuttgarter Literaturhauses, an die derzeit eine Ausstellung daselbst erinnert: ›Einzig vielleicht dazu, dass wir uns erinnern und dass wir begreifen lernen, dass es sonderbare, von keiner Kausallogik zu ergründende Zusammenhänge gibt.‹ Die Marbacher Ausstellung macht dazu die schönste Probe aufs Exempel: Instruktiv und anschaulich, mit erregender Sinnlichkeit und dokumentarischer Fülle.« Neue Zürcher Zeitung (Roman Bucheli)
»Die Spuren, die die Werke anderer Schriftsteller bei ihm hinterlassen haben, Stifter, Hebel, Goethe, Kafka, Nabokov, Handke, werden von der Ausstellung minutiös benannt und oft auch den Textstellen bei Sebald zugeordnet. Wie aus einem Schattenreich zieht Sebald Texte, Postkarten, eigene Fotos, Fahrkarten und anderes hervor, um es in seiner Prosa zu verwenden. Seine Literatur ist ein Weiterschreiben, Schichten und Spiegeln anderer Literatur, die ihn meinte, die ihn erkannt hatte - das wird in Marbach schon durch die Präsentation aufs Schönste klar...Vieldeutigkeiten macht diese Ausstellung ganz vortrefflich sichtbar. Sebald gelang die Aufhebung des gesellschaftlichen Wahnsinns in der geglückten Formulierung, im ästhetischen, verdichteten Augenblick. Von dieser Ausstellung darf man sagen: Ihr gelingt es auch.« Deutschlandfunk (Christian Gampert)
»In der zwischen großen Spiegeln aufgebauten Ausstellung kann man sich durchaus lesend und staunend verlieren. Nicht nur wegen der faszinierenden Arbeitsweise des 57-jährig Verunglückten, sondern weil sich all die Fundstücke zu immer neuen Bildern fügen, in denen man sich mitunter selbst zu entdecken glaubt. Mehr kann man von einer Ausstellung kaum erwarten.« Heilbronner Stimme (Uwe Grosser)
»Wandernde Schatten...ist, wenn man zurückhaltend inszenierte Präsentationen von papierenen Dokumenten in Vitrinen mag, geradezu das Muster einer Literatur-Ausstellung...Gezeigt werden unter anderem Stapel mit Bänden aus der rororo-Reihe, die Sebald mit Vorliebe benutzte. Ihr Aufbau als Mischung aus Fotos, Zitaten und biografischem Text ist den Büchern Sebalds nicht unähnlich. Nur dass sich die Leser bei ihm nie sicher sein können, welche der erwähnten Lebensdaten seiner Figuren sich auf Realitäten beziehen und welche nicht. Die Schau kann so ein schier endlos sich verästelndes Beziehungsgeflecht zwischen Arbeitsmaterialien und Prosa herstellen. Für jeden Sebald-Fan ist das natürlich ein Traum.« Die Welt (Uwe Wittstock)
»Was in historisch-kritischen Ausgaben sonst die gelehrten Fußnoten sind, wird hier zur sinnlich anschaubaren Ausstellungs-Plastik. >Wandernde Schatten. W.G. Sebalds Unterwelt< nennt sich die zum Blickestöbern einladende Ausstellung mit über 500 Exponaten.« Reutlinger General-Anzeiger (Thomas Milz)
»Hier wird nun wirklich die Literatur im antimateriellen Wortsinn gezeigt. ... Die mehrstöckigen Vitrinen legen Schichten von Querverbindungspunkten frei, man erhält eine Vorstellung von der Tiefenstruktur der Texte im handwerklichen Sinne. Um Sebalds schweifender Phantasie gerecht zu werden, beschränken sich die Kuratorinnen nicht auf die klassischen Archivausstellungsstücke mit gesichertem Ort in der Textgenese, Manuskripte und Abbildungsvorlagen. Die Welt dessen, was Sebald gelesen und geschrieben hat, abgeschrieben und wiedergelesen, wird als Universum von Parallelstellen evoziert, als große Kette der Assoziationen.« Frankfurter Allgemeine Zeitung (Patrick Bahners)
Das geheime Deutschland. Eine Ausgrabung (13.3.-31.8.2008)
»Die Ausstellung präsentiert nun anhand zahlreicher Porträtskulpturen eine weitgehend unbekannte Facette des George-Kreises - und offenbart zugleich die im Gegensatz zur geistigen Produktion krasse Dürftigkeit des bildnerischen Schaffens. Ein Augenmensch war der Dichter George zeitlebens. Davon zeugen die Gestaltung seiner Bücher sowie unzählige Fotografien, die zwischen Stilvermögen und Stilisierung changieren. Im ausstellungsbegleitenden, reich bebilderten Heft 121 des marbacher magazins zeigt Raulff, wie stark der künstlerische Blick Georges auf alles Plastische gerichtet war. ›George war immer, und seit der ersten Zeile, die er schrieb, Plastiker gewesen.‹ 1928 notierte Zschokke nach einer Lesung Georges: ›Die Worte standen wie steinerne Blöcke im Raum.‹ ... In den in Marbach wieder ausgegrabenen Porträtbüsten vermag Ulrich Raulff ein Überbleibsel des 19. Jahrhunderts zu entdecken, auf deren Antlitz ein »Anflug des Surrealen« erscheint.« taz.de (Alexander Cammann)
Ordnung. Eine unendliche Geschichte (21.6.–21.10.2007)
»Ordnung ist eine unendliche Geschichte für fast jedermann. Das alltägliche Chaos will bewältigt werden, mehr oder minder erfolgreich. Darin besteht der Reiz dieser Ausstellung: Wie ordnet sich ein Autor bei der Arbeit? Dem ewigen Rätsel des Künstlers - ›Wie macht der das nur?‹ - ihm kann man hier auf die Spur kommen. Hausherr Ulrich Raulff, der Direktor des Deutschen Literaturarchivs, hatte eingangs von dieser Sehnsucht gesprochen, die »Ordnung des schöpferischen Lebens« zu erkennen und darin den »Schlüssel zur schöpferischen Kreativität selbst« zu finden. Dies muss natürlich eine Illusion bleiben, auch nachdem man sich fasziniert über alle Vitrinen gebeugt hat. Die infizierten Literaturgläubigen, die hierher pilgern, können dem künstlerischen Prozess zuschauen, ohne allerdings hinter seine letzten Geheimnisse zu dringen. Sie bekommen eine leise Ahnung von den Mischungsverhältnissen zwischen Arbeit und Eingebung, Ablenkung und Konzentration, von Banalem und Genialem. Enthüllen kann die Ausstellung davon vieles, aber glücklicherweise nicht alles. Der Musenzauber ist nicht vorbei; der schöne Schein bleibt gewahrt. Trotz aller sichtbaren Ordnungsversuche ist die Kunst des Schreibens ein ewiges Mysterienspiel.« taz.de (Alexander Cammann)
»Die beiden Kuratorinnen Heike Gfrereis und Helga Raulff gaben ihrer Ausstellung eine einfache aber sofort einleuchtende Struktur. Sie beginnen bei den, vom literarischen Werk aus gesehen äußerlichsten Bemühungen um Ordnung zum Beispiel beim Verpacken, Verstauen von Schriftstücken oder anderen Materialien. ... Den Kern der Ausstellung machen dann jene Vitrinen aus, in der man die Manuskripte selbst, samt Arbeits- und Umarbeitungsspuren bewundern kann. Hier wirft man gleichsam einen Blick in den Maschinenraum der literarischen Welterschaffungsmühen. ... Das alles fügt sich, wie Ulrich Raulff, der Chef des Marbacher Literaturarchivs, ebenso warnend wie lockend vorausschickt, zu einer sehr »intellektuellen« Ausstellung. Das liegt bis zu einem gewissen Grade in der Natur der Sache: Die selbst geschaffenen Gesetze nach denen Schriftsteller ihren Werken eine Ordnung geben, liegen in den Werken verborgen und müssen beim Lesen entschlüsselt werden.« Die Welt (Uwe Wittstock)






















































