Zur Architektur des Literaturmuseums der Moderne
Literaturausstellungen brauchen besonders dunkle Kammern. Nicht mehr als 50 Lux vertragen Papiere und Tinten, wenn sie sich nicht verfärben und ausblassen sollen. Das von David Chipperfield Architects entworfene (Einrichtung der Dauerausstellung büro element Basel) Literaturmuseum der Moderne ist primär für die Ausstellung von empfindlichen und meist unscheinbar-flachen Exponaten bestimmt. Das Gebäude schützt und tritt zurück. Behutsam und bestimmt setzt es fragile und monumentale Körper, Ansicht und Aussicht, Tageslicht und Kunstlicht, kühle und warme, glatte und strukturierte Materialien, Sichtbeton, Glas und Ipé-Holz, Muschelkalk und Betonwerkstein gegeneinander. Wie nebenbei und ganz selbstverständlich eröffnet es überraschende Blicke auf die Neckarlandschaft wie die Literatur.
»Ein Literaturmuseum ist etwas, das es fast nicht gibt. Das Literaturmuseum ist in gewisser Hinsicht das Gegenteil des Kunstmuseums. Es ist ein Museum mit der denkbar größten Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Bedeutung des Exponats und dessen physischer Präsenz. Diese tendiert bisweilen gegen Null – Schrift, Tinte, Papier. Und doch geht es um eben diese physische Restpräsenz der Dokumente zur deutschen Literatur, die das deutsche Literaturarchiv sammelt und archiviert. Dieser Rest fordert Bedingungen, die den Besucher nötigen, auf einiges an Behaglichkeit zu verzichten. Stets kühle achtzehn Grad Celsius, konstante Luftfeuchtigkeit, dämmriges Kunstlicht, kein Tageslicht, kein Fenster, kein Ausblick. Die Aufgabe, eine Architektur für das Literaturmuseum der Moderne in Marbach am Neckar zu entwerfen, fordert nicht mehr und nicht weniger, als die ungewöhnlichen Qualitäten des Ortes und die ungewöhnlichen Anforderungen der Exponate an ihre Ausstellungsräume in Beziehung zu setzen. Pars pro toto, von der Platane zum Papier: der Übergang vom Hain zu den Terrassen, der Blick übers Neckartal, die Ankunft auf dem Vorplatz, der Rand zwischen Park und Landschaft, der Raum zwischen Bestand und Neubau, das Fortschreiben der gestalteten zur gebauten und schließlich zur abstrakten Landschaft im Innenraum. Das Zurücknehmen des Tageslichts über Loggia, Foyer, Treppe, hin zur unteren hohen Halle mit den Obergaden nach Osten. Dann die kühlen, dämmrigen Ausstellungsräume, die so viel für die Exponate leisten müssen und doch so wenig an Raumwirkung von ihnen zurückbekommen. Räume, die sozusagen auf sich selbst gestellt sind. Sie besitzen nichts als Proportion, Boden, Wand und Decke und Materialität. Die Holzbekleidung der Wände ringt dem Dämmerlicht eine subtile materielle Präsenz ab.
Und schließlich die kleinen Galerien zwischen Fassade und Ausstellungsräumen, um die wir das Programm erweitert haben, die den Rundgang durch das Museum komplex werden lassen, mit ihren eigentlich für die Ausstellungsräume konzipierten Fenstern, auf die diese wegen der Exponate verzichten müssen. So liegt hinter jedem Ausstellungsraum ein Fensterraum, der das Manuskriptgebirge von Döblins Berlin Alexanderplatz mit der Obstwiese vor dem Collegienhaus in Marbach in Beziehung setzt; oder Kafkas Abiturzeugnis in Beziehung mit den Weinbergen des Neckartals oder dem Kraftwerk oder, vielleicht, wenn man sehr schräg nach Norden schaut, mit dem Eisenbahnviadukt. Sicherlich jedoch mit Benningens stetig wachsendem Industriegebiet auf dem Hügel gegenüber. Die Lösung architektonischer Aufgaben bedarf der Artikulation und Formulierung. Wir haben versucht, gerade für das Literaturmuseum eine Architektursprache zu wählen, die es vermeidet, nichtarchitektonische Fragestellungen zu kommentieren. Die Architektur denkt nicht über das zwanzigste Jahrhundert nach und schweigt zur Frage, wieviel Literatur das Manuskriptgebirge von Döblins Berlin Alexanderplatz ausstellt. Sie symbolisiert nichts, sondern bedeutet, was sie ist: Öffnung und Masse, Luft und Beton, Muschelkalk, Glas, Holz, sandgestrahlter Betonwerkstein mit Muschelkalksplitt und Jurasand. Das Haus erzählt von seinen Bausteinen, deren Fügung, deren Tragen und Lasten.« (Alexander Schwarz, David Chipperfield Architects, Marbacher Magazin 103)
Unter dem Titel »Schein oder Sein?, Bauen für die Literatur« fand 2006 zur Bauübergabe ein Gespräch zwischen Peter Conradi, Norbert Miller und Werner Oechslin statt. Download







