Gespräch mit Heike Gfrereis zur Wiedereröffnung des Schiller-Nationalmuseums am 10. November 2009

Was unterscheidet die neue Dauerausstellung im Wesentlichen von der alten? Die alte Dauerausstellung war biografisch aufgebaut, d.h. die unterschiedlichsten, in einer Vitrine versammelten Exponate illustrierten ein wichtiges Ereignis, eine zentrale Konstellation im Leben eines schwäbischen Autors. Unser Ansatz ist ein anderer. Wir zeigen jetzt in diesen historischen, von David Chipperfield Architects neu interpretierten, sehr privat und landsitzartig wirkenden Räumen die Schätze dieses Orts zur Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts in ihrem Reichtum und einer bislang noch nie zu sehenden Fülle und wollen Erfahrungen und Erkenntnisse vermitteln, die nur durch den oft zeitintensiven Umgang mit Archivalien möglich sind – und das mit der möglichsten Konzentration aller gestalterischen Mittel auf eine Grundfunktion des Museums: das Zeigen und Lesbarmachen von Originalen.

Wie sieht das konkret aus? Jeder der neun Ausstellungsräume im Schiller-Nationalmuseum besitzt sein eigenes Raumbild und seinen besonderen Zugriff, seine auf den ersten Blick erfassbare besondere Perspektive auf die Dinge. Der Fokus liegt auf dem, was an diesen Dingen sichtbar und nur durch sie zu entdecken ist, auf literarischen Verfahren, auf Veränderungen von Zeichensystemen, Vorstellungs- und Ausdruckswelten, Sprech- und Darstellungshaltungen. Einfachere, unmittelbar eingängige Räume wie zu Schillers Bildern, seinen Lebensspuren und seinen Kleidern oder auch zu Motiven wie ›Liebe und Wahnsinn‹ wechseln sich ab mit schwierigeren, verrätselteren Kapiteln zu Schillers Werkstatt und seiner Bibliothek, zu ›Energie und Schrift‹ oder ›Ursprung‹. Wer das Museum nur kurz besucht, soll einen bleibenden Eindruck mitnehmen können, wer wiederkommt, soll neue Entdeckungen machen können. Wir zeigen 668 Exponate, rund ein Drittel mehr als in der alten Dauerausstellung, die 2004 abgebaut worden ist. Es gibt keinen vorgeschriebenen Rundgang. Wer im Schiller-Saal steht, der hat die Wahl zwischen einem Schiller- und einem Thementeil. Die Räume im Schiller-Teil setzen wie ein Kaleidoskop das Phänomen Schiller aus unterschiedlichen  Bausteinen zusammen und laden zum hin und her gehen zwischen Körperbild und Körperspur, Schreiben und Leben ein. Die Räume im Thementeil folgen einer heuristischen wie historischen Chronologie: Sie führen vom Kleinsten, Mikroskopischen –  den Satz- und Schriftzeichen –  zu poetischen Modellen der Weltentdeckung und -erklärung, von der Sprech- zur Lebenshaltung, aber auch vom Zeitalter der Empfindsamkeit zu Nietzsches Nihilismus, von der Französischen Revolution über die Napoleonischen Kriege, die Restauration und 48er-Revolution hin zur Gründung des Deutschen Reichs 1870/71.

Was ist im Schiller-Nationalmuseum anders als im Literaturmuseum der Moderne? Man kann die Dauerausstellung im Schiller-Nationalmuseum wie jene im Literaturmuseum der Moderne je nach Interesse auf verschiedene Weise lesen. Auch sie gibt keine Bedeutungen vor, will das genaue Lesen und Schauen schulen, nicht einen schnell fasslichen Sinn vermitteln. Anders als diese legt sie allerdings durch die thematisch motivierte Kombination von Exponaten Betrachtungsweisen nahe. Sie ist intimer, pointierter lesbar und weniger spröde. Ihre Grundfrage ist nicht: Was gibt es alles in einem Archiv wie dem deutschen Literaturarchiv? Was kann man daran sehen? Warum ist das alles wert, bewahrt zu werden? Sie gibt Antworten darauf, wie Schrift und Papier zu individuellen Ausdrucksmedien und zu Stellvertretern von Mimik und Gestik, von ganzen Menschen werden konnten, warum so im 18. Jahrhundert die Literatur zur heiligen Poesie und die Autoren zu Dichterfürsten werden und in der Konsequenz die Nachlässe von Dichtern in Archiven gesammelt und in Museen gezeigt werden.