"Beim Schiller-Nationalmuseum ging es uns in erster Linie darum, dem Haus zu dienen, seine erhaltenen Eigenheiten und Qualitäten vorzubringen und die Anforderungen aus der Nutzung möglichst behutsam zu integrieren. Das ist Aufgabe genug. Die Frage nach der eigenen Handschrift ist hier eher uninteressant. Was man sieht, sollte sich unmittelbar erklären und nicht aufgrund der besonderen Handschrift einer Architekturmarke. Verständlichkeit ist uns viel wichtiger als aufzufallen. Die Räume des Schiller-Nationalmuseums mit ihrem privaten Charakter ermöglichen eine fast intime Begegnung mit den teilweise sehr persönlichen Exponaten. Diese zu schützen und sie gleichzeitig zugänglich zu machen ist auf der Schillerhöhe eine besondere Architekturaufgabe, die zu einem Ort mit ganz eigener Atmosphäre geführt hat, nicht nur als Sammlungsort, sondern auch als öffentlicher Raum." (David Chipperfield)
Das von Ludwig Eisenlohr und Carl Weigle entworfene, 1903 eröffnete Schiller-Nationalmuseum reagiert auf seine ursprüngliche Mischnutzung als Archiv, Bibliothek, Museum, Fest- und Forschungsstätte durch Offenheit in der Definition, Ausformung und Ausstattung der einzelnen Räume und durch Klarheit im Großen, in der architektonischen Rhetorik des Bauwerks. Die exponierte Lage auf einem Felsen über dem Fluss, in einem Platanenwäldchen bezeichnet seit der Antike jene außergewöhnlichen Orte, die den Göttern nahe sind: Parnass, Arkadien, heiliger Hain. Der Kuppelbau mit seinen beiden ›Eselsohren‹ spielt auf das Pantheon in Rom an und bündelt Bedeutungen wie Erhebung, Inspiration, Himmelsnähe, Ewigkeit – sei es bei spätbarocken Jagd- und Lustschlössern wie Schloss Solitude, Mausoleen wie der Grabkapelle auf dem Rotenberg oder in der Museumsarchitektur. Der zentrale Schillersaal ist mit seinem Fußbodenmosaik, den Reliefs zu Schillers Balladen, der Kassettendecke und der starken Überhöhung als Festsaal ausgebildet, während die mit Linoleum belegten Räume in den Seitenflügeln kleiner, schmuckärmer sind. Urnen, gesenkte Fackeln, Palmzweige, eine Lyra und ornamentale Vokabeln für Unendlichkeit und Unsterblichkeit (Mäander, laufende Hunde, Girlanden, Rosetten, Sonnen und Sterne) bestimmen den Bauschmuck.
Das Museum verortet sich mehrfach in der schwäbischen Gedächtnislandschaft. Eine Sichtachse verbindet die überlebensgroße Schillerbüste im Foyer nach Osten hin mit dem Schillerdenkmal im Schillerhain; das Denkmal spiegelt sich in den Fenstern, wirft seinen Schatten auf den Vorplatz. Im Westen erstreckt sich die Aussicht hin zum Asperg und weiter zum Michaelsberg, zwei für die württembergische Literatur zentralen Plätzen. Ideale irdische Wohnstätte eines Dichterfürsten, jedoch mit einer bestechenden, unauffälligen und beharrlichen Eigenschaft: Bescheidenheit. Es ist buchstäblich bodenständig und zurückgenommen, besitzt kein besonders hervorgehobenes Portal, keine weitläufigen Außen- und Innentreppen. Was von außen ein Pantheon schien, offenbart sich von innen als Saal mit einer flachen Kassettendecke, als ein abgehängtes, lichterloses Himmelszelt: Reliquienverehrung mit Augenzwinkern.



