Schillers Werkstatt. Stückwerk und Verdichtung
Die ersten und die letzten Verse, die Schiller geschrieben hat, Wortsammlungen, Pläne. Korrekturexemplare und eine Vielzahl kleiner und größerer Papierstreifen – der Blick in Schillers Werkstatt entdeckt zumeist seine unbekannteren und nicht vollendeten Texte. Anders als die Manuskripte zu den veröffentlichten Werken, die er fast immer vernichtete, blieben die zu den geplanten erhalten und wurden zum großen Teil nach seinem Tod von seiner Familie, der Ehefrau Charlotte vor allem, in Stücke geschnitten, um sie an seine Verehrer zu verteilen. Die zerschnittenen Manuskripte zeugen jedoch nicht nur wie die zahlreichen Abschriften, Fälschungen, Nachahmungen und Nachempfindungen vom Schiller-Kult, sie legen auch die Verfahren bloß, mit denen Schiller ans Werk ging. Sie verraten, wie er nach bestimmten Regeln Figuren mit ihren Spielfeldern – mit Raum und Zeit etwa, Redehaltungen und Handlungsverläufen – in Verbindung gebracht und daraus ganze Dramen gebaut hat. Sie führen vor Augen, wie er, oft mit vollem Körpereinsatz, mit Mund, Hand und Fuß, Lunge und Bauch, an Formulierungen feilte: »Wenn er dichtete, brachte er seine Gedanken unter Stampfen, Schnauben und Brausen zu Papier, eine Gefühlsaufwallung, die man oft auch an Michelangelo während seiner Bildhauerarbeiten bemerkt hat.« Schillers Manuskripte haben sogar manchmal die Augenblicke festgehalten, in denen Schiller seine oft berühmt gewordenen, häufig zitierten Sätze und Werkanfänge gefunden hat.

Schillers Leben. Spur und Entwurf

Ob der Schiller-Verehrer, der 1866 im Marbacher Geburtshaus vom Spinnrad der Mutter ein Stückchen Faden mitgenommen hat, an die drei Schicksalsgöttinnen dachte, in deren Händen der Faden liegt, an dem in der Antike das Leben der Menschen hängt? An die drei Parzen: Klotho, die ihn spinnt, Lachesis, die ihn webt, und Atropos, die ihn abschneidet? Als Schiller am 9. Mai 1805 starb, war er in seinem 46. Lebensjahr. Das Leben, das sich zwischen seinem Tod und dem Tag der Geburt am 10. November 1759 entsponnen hat, lässt sich auf verschiedene Weise fassen: geknüpft an Personen, Daten und Orte, verwoben mit dem Werk, gespannt in die Chronologie politischer Ereignisse, durchwirkt von Ernst und Spiel, gewebt aus einem Zwirn, in den Lebenstraum und Lebensrealität, innere und äußere Wirklichkeiten, Plan, Zufall und Schicksal zusammengedreht wurden. So reichen auch die Briefe und Lebenszeugnisse von der einfachen Lebensspur bis zum großen Entwurf, den der geniale Briefeschreiber Schiller von seinem Leben gezeichnet hat. Sie sind hier in ihrer zeitlichen Folge einander gegenübergestellt.

Schillers Horizont

Was hat man in Schillers Geburtsjahr 1759 gelesen? 1781, im Jahr, als die Räuber entstanden sind? 1805, kurz vor seinem Tod? Die Welt der Bücher, in die Schiller hineinschrieb, ist im Archiv nur in Teilen erhalten. Insgesamt 44 Bände aus seiner von Weimar bis Sankt Petersburg zerstreuten Bibliothek sind in Marbach vorhanden, daneben, zwangsläufig vor allem im Bereich der Literatur, zahlreiche Ausgaben der Bücher, die er bestellt und in Briefen erwähnt oder in seinen Werken zitiert hat. Dazu kommen Kunstgegenstände und Souvenirs aus seinem Nachlass, die gelesen werden können wie ein Buch und jene Gespräche nachklingen lassen, die um 1800 über Kunst und Literatur, Kultur, Körper, Geist und Seele, Gewalt und Freiheit, Leidenschaft und Heiterkeit, Poesie und Sprache geführt worden sind. All diese Dinge sind Teil des Hintergrunds, vor dem Schiller seinen geistigen Horizont ausgebildet hat, Hintergrund dessen, was er unter Literatur verstand. Hinzuzudenken ist, was sich kaum zeigen lässt und doch ebenso wie die Bücher diesen Horizont geprägt hat: die Erfahrungen des Alltags, die Gerüche etwa, Geräusche, Rhythmen und Geschwindigkeiten des Lebens.

Schillers Bild
Kaum ein Dichter hat sich so scharf wie Friedrich Schiller in die Erinnerung seiner Leser eingeprägt. Kaum einem sind so klare Attribute und beinahe sprichwörtliche Merkmale zugewachsen. Schillerlocken und Schillerkragen, die gebogene ›Adlernase‹ und der rotblonde ›Feuerkopf‹. Rot – nicht nur das Hellrot der Haare und das stimulierend wirkende reine Rot eines Stirnbands gegen Kopfweh in seinem Nachlass, auch das Purpurrot der römischen Kaiser – und Weiß sind seine Farben. Der in die Ferne und Höhe gerichtete Blick und die große, aufrechte Statur gehören ebenso zu ihm wie der aufgestützte Kopf des Melancholikers und die wachen Augen des auf die Welt neugierigen Geistes. Schillers Bilder zeigen, in der Reihe ihrer Entstehung gehängt, wie sich Eigenschaften und Attribute verändern, sich der offene Hemdkragen und die offenen Haare als Zeichen der Freiheit allmählich gegen den engen und hohen Jackenkragen und den Zopf durchsetzen, aber auch wie anspielungsreiche Zutaten wie die von ihm selbst so gern als Symbol der Katharsis, der dramatischen Reinigung, in Szene gesetzte Tabaksdose oder der Dichter Homer allmählich verschwinden und von Feder, Manuskript und Landschaft abgelöst werden. Je mehr man Schiller (und vor allem seine von Johann Heinrich Dannecker nach dem Tod 1805 geschaffene Kolossalbüste) als Dichter ins Leben stellt, je bewegter seine Haare werden, desto mehr scheint er der Erde entrückt.

Schillers Hülle

Die Kleider, die als Schillers Kleider in Marbach überliefert sind, markieren seinen Körper von Kopf bis Fuß: vom Hut über Westen, Handwärmer und Hosen hin zu Strümpfen und Schuhschnallen. Der Dichter scheint zum Anfassen nah. Bei anderen Dichtern ist die Lage weniger günstig. Locke, Brille und Schreibzeug müssen genügen, um die Literatur zu erden und daran zu erinnern, dass ihre Urheber Menschen waren wie wir. Die Schiller-Souvenirs und -Reliquien sind allerdings immer wieder abgeleitet aus seiner Literatur. In auffälliger Serie hat man unter seinem Namen alltägliche Gegenstände gesammelt, über die er geschrieben und an die er gern auch seine eigene Legende vom Künstler geknüpft hat: Strümpfe und Tabaksdosen, Spazierstöcke und Spiele, Prismen, Ringe, (Tisch-)Glocke und Weinbecher. So sind Hülle und Hausrat bei Schiller oft beredt. Er selbst hat sich nicht gescheut, durch die Mode Farbe zu bekennen. Seine bunten Kleider sind ebenso legendär wie seine für die damalige Zeit außergewöhnliche Körpergröße von 181 Zentimetern. Die Motive seiner Ringe hat er so programmatisch wie ausschweifend-ironisch im Hinblick auf sein Werk gewählt: »Ich wünschte mir [von Josiah Wedgwood] eine Leyer, eine Psyche, einen Apollo oder Apollokopf, und einen Homer«, schreibt er 1790 an seinen Verleger Göschen.

Energie und Schrift

Die Verehrung, die den Dichtern seit dem 18. Jahrhundert zukommt, steht in engem Zusammenhang mit der Entwicklung des Deutschen als Literatursprache. Doch wie müssen Rhythmus und Klang, Satzbau und Wortschatz beschaffen sein, damit man so schreiben kann, als rede man unmittelbar zu jemandem? Natürlich, aber auch poetisch, lebensnah, spielerisch, präzise, erhaben, voll von höheren Bedeutungen, den großen Texten der Antike ebenso nah wie der Heiligen Schrift und der Kraft von Zaubersprüchen, der Musik und dem Murmeln, dem Summen und dem Tanzen? Wie erscheinen die Schrift und ihr Träger, das Papier, als leibhaftige Verkörperungen geheimnisvoller Welten, Stellvertreter von Menschen und Göttern? Die Arbeit an der Ausdrucks- und Poesiefähigkeit des Deutschen nimmt ihren Ausgang von den kleinsten Elementen der Schrift. Jedes Schrift-, Satz- und Sonderzeichen wird – quer zu allen Gattungen, in Briefen, Gedichten, Erzählungen, Romanen und Dramen – auf seine Musik und seine Bildkraft hin ausgelotet. Am Ende kann sich eine ganze Welt in einem Gedankenstrich verbergen und das Glück und Unglück des Lebens in einem arabesken Schnörkel liegen.

Ursprung

Bis ins 18. Jahrhundert erklärt die Bibel den Ursprung aller Dinge. Danach übernehmen Naturwissenschaftler und Dichter diese Aufgabe. Sie erzählen Geschichten von der Entstehung der Welt, vom Licht und vom Dunkel, von Farben, Pflanzen und Steinen, von den Anfängen der Kultur, der Sprache und der Literatur. Die letzten Geheimnisse des Lebens und die leeren Flecken der Landkarte sind jetzt zu ergründen. Die Germanistik entsteht in dieser Zeit ebenso wie die Archäologie und der autobiografische Roman, der verfolgt, woher ein Mensch kommt und wohin er geht. Auch Mörike zeichnet in Rot und Grün die Wege nach, den die Würmer in einem Stück Holz hinterlassen haben, so als wolle er den Anfang und Verlauf ihrer Wanderung verstehen. Noch sind die Grenzen zwischen Poesie und Wissen, Verschönerung und Aufklärung, Erinnern und Analyse, Alpensehnsucht und Geologie, Antikentraum und Ausgrabung fließend. Manches Mal, wie bei Wilhelm Hauffs Lichtenstein, steht die Literatur am Anfang aller Dinge und begründet selbst, was sie evoziert.

Liebe und Wahnsinn

Während im Altertum angeblich ein Gott von einem Dichter Besitz nahm, sind es seit dem 18. Jahrhundert die außerordentlichen Seelenzustände, die die Schriftsteller auszeichnen. Sie sind die großen Liebenden unter den Künstlern und haben die berühmten Wahnsinnigen, Geisterseher und Überempfindsamen hervorgebracht: Friedrich Hölderlin, auch Nikolaus Lenau, Wilhelm Waiblinger, Justinus Kerner. Die frei gewählte, nicht mehr nur der Fortpflanzung und sozialen Sicherheit geltende Liebe beschert den Liebenden den Himmel auf Erden und begründet eine Liebesreligion, in der wie bei Rilke ein kleiner Klappaltar zur Liebesgabe werden kann. Die Liebe rechtfertigt jeden sprachlich folgenreichen Ausnahmezustand und prägt das Verhältnis zwischen Leser und Brief, Leser und Buch: »Wahrlich, für die Seele ist jeder Körper, sogar der menschliche, nur die Reliquie eines unsichtbaren Geistes und nicht etwa der Brief, den du küssest – auch die Hand, die ihn schrieb, ist wie der Mund, dessen Kuss dich mit der Nähe einer Vereinigung täuscht« (Jean Paul). Im Laufe des 19. Jahrhunderts werden dann aus den Liebesgeschichten vor der Ehe Liebesgeschichten nach ihr. Im Marbacher Archiv ist Effi Briest die berühmteste Ehebrecherin.

Kleine Formen

Ununterbrochen ekstatisch sein, das kann niemand. Von Luft und Liebe allein kann man nicht leben. Die Welt der Realität, Politik und Wirtschaft entwickelt ihre eigenen konträren Zeichensysteme. Für die Schriftsteller des 19. Jahrhunderts werden immer mehr die kleinen, unscheinbaren Dinge zu Keimstücken der Poesie. In den Niederungen des Alltags und des Unbewussten, den Nachtseiten des Daseins: in der Tücke des Objekts, im Turmhahn und Fensterladen, im Veilchen und in der Orange, im Tintenklecks und der komischen Form, im Scherenschnitt und im künstlichen Gartenparadies, in der Ruhe vor und nach dem Sturm, am Schreibtisch und im Bett, in Lebenshaltungen wie Ironie oder Weltverachtung, im Spiel oder im Tagtraum können die großen Entwürfe von einer heiligen Poesie und ihren unsterblichen Dichtern auf menschenfreundliche Weise fortleben.