Ernst Jünger. Arbeiter am Abgrund | 7. November 2010 bis 27. März 2011. An Ernst Jünger scheiden sich immer noch die Geister. Die Ausstellung zeigt das, was er, der von 1895 bis 1998 und damit mehr als ein Jahrhundert lebte, als Zeugnisse seiner literarischen Arbeit nach Marbach gegeben hat. Jüngers Kalender und Notizhefte, seine Reise-, Kriegs- und Brieftagebücher schichten sich auf zu einem Papierlager von riesenhaftem Ausmaß. Aus ihm kondensiert er die meisten seiner Werke durch Formatverschiebungen: durch Sublimieren des Stils, Ausmalen von Erlebnissen und Gedanken, Ordnen und Erweitern der Perspektiven, aber auch durch sehr konkrete Vergrößerungen des Papierformats und der Buchvolumina. Ebenso organisch wie mechanisch, so bildlich wie abstrakt verlagert er Schwerpunkte, verschiebt er Linien, blendet er Erfahrungen aus und schneidet Worte weg, überträgt und übersetzt, schreibt ab, um, neu und wieder. Leben und Schreiben erscheinen bei ihm wie ein ewiger Fluss. Die Daten im Kalender und der Name seines Besitzers sind Augenblicke, in denen sich Zeit und Raum kreuzen und Identität, Dauer im Wechsel, stiften.
Eingeschlossen in dieses hier ausgestellte, buchstäblich realisierte ›Lebenswerk‹ sind so auch die Magneten von Jüngers Werk, die den Einen anziehen und den Anderen abstoßen, eine gelassen angehäufte Stil- und Ideengeschichte der Moderne. Die großen historischen Erlebnisse des 20. Jahrhunderts werden ebenso sichtbar wie seine eigenen politischen und intellektuellen Konstellationen und seine zentralen künstlerischen und philosophischen Themen, die um die Frage nach dem Zusammenhang dieser verschiedenen Welten kreisen: Wirklichkeit und Sprache, Ding- und Zeichenwelt, Welt und Metapher, Naturwissenschaft und Poesie, Erleben, Erfinden und Denken, Technik, Arbeit und Kunst, Masse und Individuum, Eigenheit und Universalität, Bruchstück und System, Befund und Deutung, Wahrheit und Manipulation, Ästhetik und Gefahr.
Die Ausstellung ist, betrachtet man sie einfach und der starken Linie nach, eine Einführung in Jüngers langes Leben und umfangreiches Werk für den Jünger-unkundigen Besucher. Sie ist aber auch ein Essay, ein Versuch, die in einem Nachlass erhaltenen Zeugnisse zu unterschiedlichen, doch gleichberechtigten Indizienketten anzuordnen, die sehr verschiedene Arten der monografisch-historischen Lektüre erlauben. Das Bild des Autors Jünger, das sich aus dieser Essay-Ausstellung ergibt, ist das eines Mannes, der – unermüdlich, ein Jahrhundert lang – produziert: Arbeiter am Abgrund der Zeit.
Rede von Kulturstaatsminister Bernd Neumann anlässlich der Eröffnung der Ausstellung ›Ernst Jünger. Arbeiter am Abgrund‹