Hannah Arendts Buch Eichmann in Jerusalem (New York 1963, dt. München 1964) löste in den USA, Israel und Deutschland einen »Sturm der Entrüstung« aus: Die Autorin, so lauteten die Vorwürfe, verharmlose die Gestalt Eichmanns, sei als Jüdin nicht solidarisch mit dem eigenen Volk, beschimpfe die Zionisten als Nazi-Kollaborateure und verkenne die Leistung der deutschen Widerstandskämpfer.

Den 80-jährigen Karl Jaspers, den die deutsche Schuldfrage zeitlebens be-schäftigte, traf das Thema seiner Schülerin unmittelbar, wie die Einträge in seinen Handexemplaren beweisen. Dass Hannah Arendt ihn als einen der wenigen aufrechten Deutschen darstellte, war ihm nicht geheuer. »Es waren viel mehr«, notiert er am Rande der englischen Ausga-be auf Seite 91 mit Verweis auf den Generalmajor Henning von Tresckow, der sich am 21. Juli 1944 das Leben nahm, als er vom Scheitern des Attentats auf Hitler erfuhr. In der Frage nach der moralischen und politischen Dimension der Urteilskraft, die Hannah Arendt als ent-scheidendes Thema des Eichmann-Prozesses betrachtete, erkannte Jaspers eine Entdeckung seiner Schülerin. Auf Seite 20 der deutschen Ausgabe vermerkt er dazu: »Das ist für Hannah wesentlich – ganz anders, als man es sonst hört – ganz wahr«. Gegen ihre Aus-drucksweise hatte er allerdings gelegentlich Einwände. So erscheint ihm eine Stelle zum Verhältnis von Einzelfall und Regel »nicht gut, nicht kantisch formuliert«.

Das Buch über Eichmann las Jaspers sehr gründlich. Er sammelte Rezensionen und machte sich Notizen, denn er wollte eine Schrift verfassen, um Hannah Arendt zu verteidigen. Was ihn dabei interessierte, war nicht so sehr die historische Genauigkeit der Angaben, die viele Kritiker in Frage stellten, sondern die geistige Physiognomie der Autorin, die sich in Stil und Haltung offenbarte. War es Hannah Arendts unabhängiges Denken, das ihre Kritiker besonders provozierte?

Zum unvollendeten »Hannah-Buch« befinden sich im Marbacher Nachlass von Karl Jaspers rund 1.600 Blätter. Hier werden erstmals Teile aus dem unveröf-fentlichten Manuskript vorgestellt: die erste Seite des Vorwortes und die Entwürfe zum Buchtitel (2); die Inhaltsübersicht des Werkes und einige Versuche, ein Bild der philosophischen Persönlichkeit Hannah Arendts zu skizzieren (4); die Analyse der Kritik von Golo Mann, die Jaspers gesondert behandeln wollte und von der er tief betroffen war (5).

Ferner wird die persönliche Beziehung, die Karl Jaspers über vier Jahrzehnte zu Hannah Arendt unterhielt, durch zwei Briefe veranschaulicht: 1929 erklärt der Heidelberger Ordinarius der 23-jährigen Nachwuchswissenschaftlerin noch, wie man Druckfahnen korrigiert; 1966 bedankt sich der alte Philosoph bei der kosmopolitischen Intellektuellen für ihren Besuch in Basel (3). Drei weitere Briefe belegen schließlich die schmerzliche Auseinandersetzung, die Jaspers mit sei-nem Schüler Golo Mann führte, als er dessen Kritik am Eichmann-Buch las. (5)

Ausstellung: Giandomenico Bonani. Im Filmraum (oberes Foyer) zeigen wir auf Nachfrage »Zur Person – Porträts in Fragen und Antworten: Hannah Arendt« (1964); Hannah Arendt kommentiert im Gespräch mit Günter Gaus u.a. die Kontroverse um ihr Eichmann-Buch. Zur Ausstellung ist ein Marbacher Faksimile erschienen.

Faltblatt zur Ausstellung